Asylbewerber, Café – aber kein Rambazamba

Die Stadt hat entschieden, für drei Jahre bis 100 Flüchtlinge in der alten Feuerwehrkaserne mitten im Breitenrain einzuquartieren. Die Hälfte des Areals soll das Quartier zwischennutzen.

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Wenn Ende Jahr die Berufsfeuerwehr Bern in die neue Hauptwache beim Forsthaus zügelt, entsteht auf dem Areal des alten Stützpunktes an der Viktoriastrasse im Breitenrainquartier für rund drei Jahre ein Multikulti-Komplex – wie dies Stapi Alexander Tschäppät dem «Bund» bereits im September verraten hatte. Der Gemeinderat hat gestern nun offiziell verkündet, bis 100 Asylbewerber in den oberen Etagen der Kaserne einzuquartieren. Nicht zuletzt, weil dort bereits Duschen, Kochgelegenheiten und Schlafräume bestehen. «Das Gebäude eignet sich als Asylunterkunft sehr. Viele notwendigen Einrichtungen sind schon vorhanden», sagt Finanzdirektor Alexandre Schmidt (FDP).

Viel Raum für Bevölkerung

Das gesamte Erdgeschoss des teils schützenswerten Baus wird für eine Zwischennutzung den Bewohnern des Nordquartiers zur Verfügung gestellt. Ab 2016 sollen zudem das Sportamt, der Gesundheitsdienst wie auch eine Tagesschule in die Räume einziehen. «Das wird ein ganz spannender Nutzermix», prophezeit Schmidt. Um die verschiedenen Bereiche «sauber zu trennen», muss die Stadt bis 300' 000 Franken in das Gebäude investieren.

Mit der Asylunterkunft in der Feuerwehrkaserne endet vorerst die jahrelange erfolglose Suche nach einer oberirdischen Asylunterkunft in der Stadt Bern. Derzeit sind 160 Flüchtlinge in der unterirdischen Zivilschutzanlage Hochfeld einquartiert, was verschiedentlich für Proteste gesorgt hatte. Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP) zeigt sich denn auch «hocherfreut» über den Entscheid der Stadtregierung. Der Entscheid werde dem Kanton Bern in der «angespannten Asylsituation» helfen. Die ersten Flüchtlinge sollen im Februar 2015 in die Feuerwehrkaserne einziehen.

Ein Café in der Einstellhalle?

Die Bewohner des Nordquartiers erhalten für die Zwischennutzung mit der grossen Einstellhalle das Herzstück der schützenswerten Feuerwehrkaserne. Dazu kommen weitere Räume, insgesamt beträgt die von der Quartierbevölkerung nutzbare Fläche stolze 1700 Quadratmeter – das entspricht der Hälfte der Fläche. Herzstück ist die grosse Halle, wo heute die Feuerwehrautos stehen. «Wir können uns vorstellen, etwa eine Café-Bar, eine Markthalle für Bio-Produkte oder Ateliers für Künstler einzurichten. Wir wollen aber kein Ramba–zamba im Quartier», sagt Manfred Leibundgut, Co-Präsident der Quartierkommission Dialog Nordquartier.

Die Bewohner des Breitenrains seien eingeladen, an einem Workshop am 1. November ihre Projekte und Ideen für die Zwischennutzung zu präsentieren. Ziel sei auch, die Asylsuchenden in das Projekt zu integrieren. «Wir wollen das Verhältnis miteinander möglichst optimal gestalten. Wir hoffen auch in diesem Punkt auf gute Vorschläge seitens der Bevölkerung», so Leibundgut. «Wir wünschen, dass möglichst viele Familien und nicht nur junge Männer kommen.» Direkt neben der neuen Asylunterkunft steht das Schulhaus Spitalacker. Gemeinderätin Franziska Teuscher (Grüne) glaubt nicht, das dies zu Problemen führen wird. Dies hätten Erfahrungen im Hochfeld gezeigt. Selbstverständlich brauche es Sicherheitsmassnahmen. «Aber es kommen Menschen wie du und ich in die Unterkunft.»

Schmidt hofft, dass die Bevölkerung den Flüchtlingen aus Kriegsgebieten einen würdigen Empfang bereiten wird. «Bern ist eine offene, humanistische Stadt. Nun gilt es unseren Beitrag zur Linderung des Flüchtlingsandrangs zu leisten.» Spätestens Ende 2017 muss sich die Stadt auf die Suche nach neuen Asylplätzen machen: Dann erfolgt – wenn alles nach Plan läuft – der Baustart für die 20 geplanten Wohnungen. Der Architekturwettbewerb für die Überbauung des Areals soll Anfang 2015 starten. (Der Bund)

Erstellt: 25.10.2014, 09:57 Uhr

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Die FDP fürchtet sich vor einem zweiten Progr, für die SVP gehören Asylbewerber in die Reitschule. So äussern sich die Parteien.

100 Flüchtlinge leben ab Februar 2015 neben der Spitalacker-Schule mitten im Breitenrainquartier. Dies sorgte gestern einzig bei der SVP für rote Köpfe: «Mit Asylanten kommen Drogenprobleme in die Nähe von Kindern und Jugendlichen», sagt SVP-Fraktionspräsident Roland Jakob. Die Flüchtlinge sollten besser in der Reitschule untergebracht werden. Die Reitschüler sollten nicht immer Wasser predigen und Wein trinken. ­Weiter besitze der Kanton viele leer stehende Häuser, die für eine Nutzung durch Asylbewerber geprüft werden sollten. SP-Co-Präsident Stefan Jordi wohnt selbst in der Nähe des geplanten Asylzentrums. Er hält den Zwischennutzungsmix für «grundsätzlich eine sehr gute Lösung.» Man müsse sich die ­«humanitär untragbare Situation» in ­Syrien oder Afrika vor Augen halten.


FDP-Stadtrat Bernhard Eicher wohnt an der Schönburgstrasse in Nähe des Asylzentrums. Die «pragmatische» Lösung des Gemeinderats betrachtet er nüchtern. «Die Asylsuchenden brauchen Schutz. Mein Quartier muss seinen Teil dazu beitragen.» Er glaubt nicht, dass die Flüchtlinge bei den Bewohnern des Breitenrains grosse Ängste auslösen werden. «In Bern sind wir es uns gewohnt, dass viele Leute aus anderen Kulturkreisen hier leben.» Bei der Zwischen­nutzung müsse man aber aufpassen, dass nicht wie beim Kulturzentrum Progr ein Providurium entstehe. (msc/amü)

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