Er wirkte lieber im Hintergrund

Westside, Zentrum Paul Klee, Stade de Suisse: Alt-Stadtpräsident Klaus Baumgartner (1937–2015) hat manch ein Grossprojekt aufgegleist, das die Stadt heute prägt.

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Es war auf dem Höhepunkt jener Ereignisse, die 2003 als Affäre Wasserfallen in die Geschichte eingingen. Die Medien hatten gerüchteweise vernommen, dass der Berner Gemeinderat an seiner Sitzung FDP-Polizeidirektor Kurt Wasserfallen (1947–2006) die politische Verantwortung über die damalige Stadtpolizei entzogen hatte. Stadtpräsident Klaus Baumgartner war für einmal sogar auf dem Handy erreichbar. Der fragende Journalist wurde aber rasch unterbrochen. «Losit, i säge nüt.» Er sei jetzt an der Eröffnungsfeier für die BEA und nehme nicht Stellung.

Baumgartner war auch in stürmischen Zeiten stets die Ruhe in Person. Er sprach bedächtig und strahlte bernische Behäbigkeit aus. Gegen aussen hat er so oft unzugänglich gewirkt. Gegen innen galt er jedoch als moderner Manager und guter Zuhörer, der in Zeiten eines oft heillos zerstrittenen Gemeinderatsgremiums Leadership bewies. Auch verfolgte der vormalige Direktionssekretär im Bundesamt für Wohnungswesen stadtprägenden Planungsgeschäfte mit ausserordentlicher Beharrlichkeit.

Sitzungen um sieben Uhr früh

«Klaus Baumgartner hat die Stadt viel mehr geprägt, als man heute denkt», sagt sein Nachfolger Alexander Tschäppät. Die Planung heutiger Wahrzeichen der Bundesstadt wie zum Beispiel das Westside, das Stade de Suisse oder das Zentrum Paul Klee seien von seinem Vorgänger initiiert worden. Baumgartner sei ein «extremer Schaffer» mit grossen Dossierkenntnissen gewesen. Sitzungen mit ihm hätten nicht selten um sieben Uhr in der Früh begonnen. Die Bauwerke eingeweiht hätten dann aber meist andere, sagt Tschäppät.

Das Selbstverständnis des «servir et disparaître», des Dienens und Verschwindens, habe Baumgartner bis zum Schluss seiner Amtszeit gepflegt. «Er hat mir die Schlüssel des Erlacherhofs am 31. Dezember 2004 übergeben – und hat danach nie versucht, Einfluss zu nehmen», sagt Tschäppät.

Integrativer Teamplayer

Bei den Wahlen im Herbst 1988 verdrängte Baumgartner mit bloss 161 Stimmen Vorsprung seine Parteikollegin Gret Haller und wurde in den Gemeinderat gewählt. Weil in der SP niemand als Dritter auf die Liste mit den beiden Bisherigen Haller und Alfred Neukomm wollte, beschied Baumgartner seiner Partei: «Auso guet, we dir weit, de machis.» Andere Politiker kokettieren in solchen Momenten mit dem Ruf der Partei, dem sie nach reiflicher Überlegung schliesslich Folge geleistet hätten. Selbstbeweihräucherungen dieser Art waren Baumgartners Sache aber nicht.

In den vier Jahren als Vorsteher der Fürsorge- und Gesundheitsdirektion hat Baumgartner «sorgfältige Arbeit» geleistet, sagt seine Nachfolgerin Ursula Begert (Ex-SVP, heute parteilos), die 1998 bis 2004 auch als Vizestadtpräsidentin amtete. Politisch hätten sie das Heu nicht immer auf derselben Bühne gehabt. «Auf menschlicher Ebene haben wir uns aber bestens verstanden.» Im Gemeinderat habe sich Baumgartner bemüht, das Ganze im Auge zu behalten und integrativ zu wirken. «Die Regierung ist so gut wie ihr Zusammenhalt», habe er immer wieder betont. In diesem Sinne sei es ihm auch gelungen, den Draht zu Gemeinderat Kurt Wasserfallen zu finden, der Kollegialentscheide gelegentlich nicht mitgetragen habe, sagt Begert.

Keine Scheu vor Kritik

Baumgartner hat sich aber auch nicht davor gescheut, gelegentlich in die Dossiers der Kollegen einzugreifen. So erklärte er 1997 die Drogenpolitik zur Chefsache, als die offene Szene in den Gassen Berns den Behörden zu entgleiten drohte.

War er jedoch persönlich betroffen, fehlte ihm manchmal das Gespür für das, was politisch angezeigt war. Paradebeispiel hierfür ist die sogenannte Mietzins-Affäre von 2001, als er als Mieter einer städtischen Herrschaftswohnung eine Mietzinserhöhung anfocht, die er als Stadtpräsident durch die Einführung der Kostenmiete veranlasst hatte.

Für Medien und politische Gegner waren solche und eine Reihe weiterer «Affärchen» oft ein gefundenes Fressen. Baumgartner jedoch schien die Kritik wenig zu kümmern. Wenn er sich im Recht fühlte oder eine Sache als richtig erachtete, scheute er auch vor Kritik aus den eigenen Reihen nicht zurück. In den verlorenen Kämpfen um den Bau eines Schanzentunnels oder um die Durchführung Olympischer Winterspiele in Bern 2010 wehte ihm aus der SP jeweils ein steifer Wind entgegen.

Sein statt Schein

Für die Bürgerinnen und Bürger war Baumgartner kein Stadtpräsident zum Anfassen. Anbiederung an Wählerbedürfnisse war seine Sache nicht. Sein erstes Wahlkampflabel «Der blonde Bär» war in etwa das Frivolste, das er sich je an Politmarketing geleistet hatte. Trotzdem schaffte er in den Jahren 1996 und 2000 die Wiederwahl ins Stadtpräsidium problemlos. Grundlage dafür ist der Respekt, den er sich als stiller Chrampfer weit über die politischen Lagergrenzen hinaus erworben hatte. Baumgartner sei stets ein Vorbild geblieben, sagte die einstige Stadtschreiberin Irene Maeder Marsili bei Baumgartners Abschiedsfeier vor elf Jahren. «Ein Vorbild dafür, wie das Sein wichtiger ist als der Schein.»

Kurz vor seinem 78. Geburtstag ist Klaus Baumgartner nach längerer Krankheit in der Nacht auf Donnerstag verstorben. (Der Bund)

Erstellt: 10.12.2015, 23:36 Uhr

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