«Tanz dich frei»: Bei Panik könnten Teilnehmer in eine Sackgasse laufen

Experten sind besorgt um die Sicherheit – nun prüft die Stadt, Teile der Marktgasse-Baustelle zu öffnen.

Viele Lehren aus der Duisburg-Katastrophe können bei «Tanz dich frei» nicht einfliessen, weil die Veranstalter nicht kooperieren. Im Bild: Die Passerelle über die Marktgasse-Baustelle.

Viele Lehren aus der Duisburg-Katastrophe können bei «Tanz dich frei» nicht einfliessen, weil die Veranstalter nicht kooperieren. Im Bild: Die Passerelle über die Marktgasse-Baustelle.

(Bild: Valérie Chételat)

Christoph Lenz@lenzchristoph

Reto Nause, der Berner Sicherheitsdirektor, steht vor dem vielleicht schwierigsten Termin seiner Karriere. Und er hofft auf Hundswetter.

Drei Wochen bleiben bis zum «Tanz dich frei»-Umzug. Auf Facebook haben bereits knapp 11 000 Nutzer ihre Teilnahme an der Demo vom 25. Mai angekündigt. Diese Zahl könnte noch markant wachsen - grosse Erwartungen locken viele Schaulustige an. Zudem ist «Tanz dich frei» durch die Medienpräsenz im letzten Sommer zu einem nationalen Event geworden.

So bestätigt SBB-Mediensprecher Christian Ginsig, dass die Bundesbahnen für den 25. Mai Verstärkungswaggons für überregionale Zugverbindungen nach Bern eingeplant haben. Es gibt Gerüchte, wonach sich im Maximalszenario der Sicherheitsdirektion eine Masse von über 20 000 Personen unkontrolliert durch die Stadt wälzt.

Trotzdem: Bei vielen grundlegenden Fragen tappen die Behörden immer noch im Dunkeln. Über die Identität der Veranstalter, ihren Organisationsgrad, ihre Professionalität und ihr Verantwortungsbewusstsein sei nichts bekannt, heisst es in der Sicherheitsdirektion. Nause und seine Mitarbeiter müssen sich somit in grösster Ungewissheit auf einen Anlass von potenziell riesigem Ausmass und mit erheblichem Gefahrenpotenzial vorbereiten.

Deshalb hofft Nause: «Sehr entscheidend ist die Witterung. Regen oder Schnee, das wäre gut für uns, viele Leute würden zu Hause bleiben. Wird es aber warm, könnte es sehr gefährlich werden», sagt der Sicherheitsdirektor.

Baustelle versperrt Fluchtweg

Gewiss, 2012 ist «Tanz dich frei» trotz 10 000 Teilnehmern weitgehend glimpflich abgelaufen. Friedlich blieb es aber nicht zuletzt dank einer Verkettung von glücklichen Umständen: Ältere und unpolitische Teilnehmer neutralisierten die gewaltbereiten Gruppierungen im Umzug. Aggressionen gab es in der allgemeinen Euphorie kaum. Zudem ordneten Veranstalter aus der Berner Nachtleben-Szene rechtzeitig den Rückzug zur Reitschule an. Dort wurde die Party kontrolliert abgewickelt.

Ob die Demo in drei Wochen ebenso glücklich verläuft, ist fraglich. Umso mehr, als es einen entscheidenden Unterschied zu 2012 gibt: Unweit des Bundesplatzes, der abermals das Ziel des Umzugs sein dürfte, wird gebaut. Durch die Sanierung der Marktgasse ist die Verbindung zwischen Bärenplatz und Waisenhausplatz gekappt.

Im Falle von Ausschreitungen oder einer Massenpanik könnte das verheerende Folgen haben - die Passerelle, die über die Baustelle führt, würde einem Ansturm kaum standhalten. Nause nimmt das Problem sehr ernst: «Wenn auf dem Bundesplatz Unruhe ausbricht, rennen die Leute möglicherweise in diese Sackgasse hinein. Das ist extrem gefährlich.»

Kosten im sechsstelligen Bereich

Noch ist nicht spruchreif, wie die Behörden das Sicherheitsrisiko der Baustelle entschärfen wollen. In den Amtsstuben wird aber unter anderem die Variante geprüft, die Sanierungsarbeiten in Markt- und Spitalgasse zu unterbrechen, die Zäune teilweise zu entfernen und die Baugrube ebenerdig abzudecken. So könnte der wichtige Fluchtweg geöffnet werden.

Das Problem: Diese Massnahme wirft den akribisch getakteten Zeitplan der Marktgasse-Sanierung über den Haufen. Die Stadtverwaltung errechnet derzeit die Mehrkosten. Wie aus gut unterrichteten Quellen zu erfahren ist, sollen sie im sechsstelligen Bereich liegen.

Gemeinderat Nause will sich dazu nicht äussern. Die Behörden würden in Kürze über ihren Entscheid informieren. Für Nause steht aber fest: «Wenn es um den Schutz von Menschenleben geht, können Mehrkosten kein Argument sein.»

Experten warnen vor Sackgasse

Auch unabhängige Sicherheitsexperten warnen vor der Baustelle. «Derzeit ist das Gebiet rund um den Bundesplatz für Veranstaltungen wie «Tanz dich frei» kaum eine sichere Zone», sagt Remo Michel, während knapp 20 Jahren Sicherheitschef der Zürcher Street-Parade. «Durch die Baustelle ist eine Sackgasse entstanden, das Gefahrenpotenzial ist sicher erhöht.»

Bestens vertraut mit dem Verhalten von Menschenmassen an Grossveranstaltungen ist auch Dirk Helbing. Der habilitierte Physiker ist seit 2007 an der ETH Zürich als Soziologieprofessor tätig. Mittels mathematischer Modelle untersucht er Phänomene wie Fussgängerverhalten und Massenpanik.

Kürzlich hat Helbing eine Studie zur Love-Parade-Tragödie in Duisburg veröffentlicht, bei der 2010 in einem Tunnel 21 Besucher zu Tode getrampelt und über 500 verletzt wurden. Um das Risiko einer Katastrophe zu verringern, sollten kritische Punkte und Bauten von Festivalgeländen entfernt werden, empfiehlt Helbing,

Organisatoren reagieren nicht

Viele andere Lehren, die der ETH-Professor aus der Duisburg-Katastrophe zieht, betreffen die Zusammenarbeit von Organisatoren und Behörden. Sie lassen sich bei «Tanz dich frei» nicht umsetzen. Der Grund: Die Veranstalter reagieren nicht auf Kontaktversuche der Behörden.

«Es gab keinen Austausch», sagt Nause. Zwar habe man mit Personen, die vorgaben, sie bewegten sich im Umfeld der Organisatoren, Gespräche geführt. Darunter hätten sich aber auch Mitläufer und Trittbrettfahrer befunden. «Es ist schwierig, wenn man nicht weiss, wer auf der anderen Seite des Tisches sitzt.»

Wie dringend die Stadtbehörden den Draht zu den Organisatoren suchen, belegen zwei Episoden. Im März rief Nause Berner Clubbetreiber und Pro-Nachtleben-Aktivisten zu einer Sitzung. Er hoffte, sie könnten ihm bei der Suche nach den Veranstaltern Hinweise geben.

Die Szenekenner wussten keinen Rat. Hilfe suchte die Stadt Bern auch bei der europäischen Facebook-Firmenzentrale in Dublin. Nause bat um Angaben zur Identität hinter dem «Tanz dich frei»-Facebook-Profil. Vergeblich. «Von Facebook haben wir nicht mal ein Antwortschreiben erhalten», sagt Nause.

Aufruf an Organisatoren

Obwohl er Sympathien für «Tanz dich frei» hat, findet der langjährige Street-Parade-Sicherheitschef Reto Michel, die Organisatoren müssten sich unbedingt mit den Behörden an einen Tisch setzen. «Nur so lassen sich wichtige Sicherheitsaspekte klären. Es geht nicht, dass Leute zu einer Demo aufrufen, ohne dass sie die Verantwortung dafür übernehmen.»

«Wir stehen vor einer Lose-lose-Situation», sagt Reto Nause. «Wenn es regnet und nur 3000 Leute kommen, heisst es, die Stadt habe total überreagiert. Wenn es schön ist, Bern von Menschenmassen überrannt wird und es zu schweren Zwischenfällen kommt, heisst es, die Stadt habe die Gefahr nicht ernst genommen.»

Um offene Fragen zu klären, appelliert Nause eindringlich an die Organisatoren: «Nehmt so schnell wie möglich Kontakt mit uns auf. Es geht um die Sicherheit der Teilnehmer.»

Der Bund

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