Jeder vierte Transmensch verliert nach dem Coming-out seinen Job oder steigt ab

Aktivisten kämpfen gegen die berufliche Diskriminierung von Transmenschen. Erste Arbeitgeber ziehen mit.

Nationalräte und Nationalrätinnen sowie Mitglieder und Mitgliederinnen von Transgender Network kämpfen gegen die berufliche Diskriminierung von Transmenschen.

Nationalräte und Nationalrätinnen sowie Mitglieder und Mitgliederinnen von Transgender Network kämpfen gegen die berufliche Diskriminierung von Transmenschen.

(Bild: zvg)

«So jemanden wie dich können wir bei uns nicht als Kundenberater brauchen, du arbeitest jetzt erst mal ein Jahr im Backoffice.» Sam ist im dritten Lehrjahr, beliebt bei Kollegen. Die Vorgesetzten sind zufrieden mit seinen Leistungen. Vor einigen Wochen hat sich Sam nun als trans geoutet: Obwohl mit einem weiblichen Körper geboren, identifiziert sich Sam schon seit der Kindheit als männlich. Zu Beginn waren die Reaktionen unterstützend. Nun fallen Sprüche über seine Frisur, seine Kleidung, sein Verhalten. Die fiktive Geschichte ist laut Transgender Network Switzerland (TGNS) ein Beispiel für die Situation nach einem Coming-out am Arbeitsplatz.

Zuerst den Chef informieren

Eine neue TGNS-Umfrage zeigt, dass 25 Prozent aller Transmenschen nach dem Coming-out am Arbeitsplatz ihren Job verloren haben oder beruflich abgestiegen sind. TGNS-Co-Präsident Henry Hohmann erläutert, dass auch nach anfänglicher Unterstützung von Transmenschen diese später oft gemobbt würden. Über die Person werde gelästert oder das neue Pronomen nicht akzeptiert. Die nicht repräsentative Umfrage zeigt, dass das berufliche Coming-out am besten gelingt, wenn die Unterstützung der Vorgesetzten vorhanden ist, so Hohmann. «Wenn es die Chefetage akzeptiert, gibt es keinen Grund für Kollegen, es nicht auch zu akzeptieren.» Vorgesetzte weigerten sich jedoch häufig, Transmenschen ein Arbeitszeugnis auf den korrekten Namen auszustellen.

Wegen Diskriminierung und Kündigungen ist die Arbeitslosigkeit von Transmenschen in der Schweiz mit 20 Prozent fünfmal höher als im Durchschnitt. Zurzeit erhalte die Rechtsberatung von TGNS 300 Anfragen pro Jahr, Tendenz steigend. Es gehe dabei um Mobbing, sexuelle Belästigung, verweigerte Krankentaggelder nach einer geschlechtsangleichenden Operation oder Kündigung aufgrund des Trans-Seins, wie Alecs Recher, Leiter der TGNS-Rechtsberatung, sagt. Auch Arbeitgeber, die sich korrekt und unterstützend verhalten wollten, gelangten an TGNS. Sie hätten häufig rechtliche Fragen darüber, was sie müssen oder dürfen, wenn sich jemand im Betrieb als trans outet. Häufig bestehe grosser Erklärungsbedarf. «Auch Juristen kennen die Rechte von Transmenschen oft nicht», so Recher. Wichtig sei etwa, auch alte Arbeitszeugnisse auf den neuen Namen auszustellen oder Transmenschen nicht unnötig zu outen, da dies ihre Persönlichkeit verletze.

Die neu aufgeschaltete Webseite transwelcome.ch informiert Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Arbeitsvermittlungsstellen über das Thema Trans und Coming-out im Arbeitsumfeld. Neben Grosskonzernen wie SBB, EWB und Post haben auch kleinere Firmen bereits die Erklärung für ein transfreundliches Arbeitsumfeld unterzeichnet. Hohmann von TGNS fordert auch vom Bund, er solle als grösster Arbeitgeber mit gutem Beispiel vorangehen, um die berufliche Integration von Transmenschen zu verbessern. «Das hat eine grosse Sogwirkung», so Hohmann.

Die Stadt Bern hat mit der Schaffung einer neuen Projektleitungsstelle ab März begonnen, eine aktive LGBTI-Politik zu betreiben. «Wir teilen das Anliegen der Aktion, haben uns aber entschieden, sie erst dann zu unterzeichnen, wenn wir erste Massnahmen in Angriff genommen haben», sagt die Gleichstellungsbeauftragte Barbara Krattiger.

Der Bund

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