Nach der Extrarunde bereit für die Lehre

Vor einem Jahr startete die Integrationsvorlehre für Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen. Jetzt stehen die Absolventen vor dem Übertritt in die Lehre.

Gulagha Amiri (links) zieht mit Georgios Bakas von der Migros Aare Bilanz über die Vorlehre.

Gulagha Amiri (links) zieht mit Georgios Bakas von der Migros Aare Bilanz über die Vorlehre.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Wieder ist Gulagha Amiri einen Schritt weiter: Er hat einen Lehrvertrag erhalten und beginnt im August die zweijährige Ausbildung zum Detailhandelsassistenten in der Migros-Filiale in Bern-Bethlehem.

Der 22-Jährige aus Afghanistan arbeitet schon jetzt bei der Migros. Er ist einer von schweizweit 700 Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen, die vor einem Jahr eine Vorlehre Integration begonnen haben.

Die Vorlehre Integration ist ein Pilotprogramm von Bund, Kantonen und Wirtschaft. Dank der einjährigen Ausbildung sollen die geflüchteten Menschen besser in der Arbeitswelt Fuss fassen können und damit weniger Sozialhilfegelder nötig werden. Im Kanton Bern starteten im Sommer 2018 in 80 Betrieben insgesamt 105 Vorlernende, 12 sind im Laufe des Jahres wieder ausgestiegen.

Hürden genommen

Gulagha Amiri war in diesem Jahr in der Filiale in Köniz angestellt. Am liebsten arbeitet der Sportbegeisterte im Süssigkeiten-Bereich. Er habe in den vergangenen Monaten viel gelernt, sagt er. Auf Schwierigkeiten angesprochen, nennt er drei Dinge: «die Sprache, die Produkte, das Arbeitssystem».

Zwar sprach Amiri bereits Deutsch, als er die Vorlehre begann, aber die Sprache sei schwierig, sagt er. Bei der Migros wird erwartet, dass Angestellte auch Schweizerdeutsch verstehen, wenn sie von Kunden angesprochen werden. «Inzwischen geht das, wenn man nicht zu schnell spricht», sagt Amiri.

Deutsch lernt er auch an den zwei Schultagen pro Woche, die zur Vorlehre gehören und in denen die Sprache neben anderen Fächern wie Berufskunde auf dem Stundenplan steht. Seit einiger Zeit besucht er zusätzlich einen Deutschkurs, die Notizen macht er manchmal in seiner Muttersprache Usbekisch.

Bei der Migros Aare begannen fünf Personen eine Integrationsvorlehre. Der grösste Stolperstein dabei sei die Sprache, hier brauche es von allen Seiten einen grossen Effort, sagt auch Georgios Bakas, Personalverantwortlicher Berufsbildung bei der Migros Aare. Er hatte mit Amiri vor einem Jahr das Bewerbungsgespräch geführt.

Hinzu kam, dass für Amiri nicht nur die Namen der Produkte neu waren, sondern auch viele Produkte selbst. Im Lebensmittelbereich habe er vieles nicht gekannt, erzählt er. Deshalb sei er darauf angewiesen gewesen, genügend Unterstützung und Zeit zu erhalten. «Das ist bei Zeitdruck nicht einfach. Die Filialen müssen hinter dem Projekt stehen», sagt Bakas.

Im August gehts weiter

Punkto Arbeitssystem sagt Amiri: «Pünktlichkeit ist ein Thema in der Schweiz. Da habe ich viel gelernt.» Ihm seien die Regeln aber bereits vor Beginn der Vorlehre bekannt gewesen. Das bestätigt Bakas: Disziplinarische Probleme habe er bei den Vorlernenden nie festgestellt.

Von den fünf Personen schliessen diesen Sommer vier ihre Lehre bei der Migros an, eine Person hat sich schon früher für eine andere berufliche Richtung entschieden. Die Lernenden haben nun den Vorteil, dass sie die Arbeitsumgebung bereits kennen.

Bakas hofft, dass sie auch die schulischen Herausforderungen meistern. Im Kanton Bern haben 62 Prozent der Absolventen einen Lehrvertrag, einige warten noch darauf. 60 Prozent seien das Ziel gewesen, sagt Projektleiterin Simone Grossenbacher von der kantonalen Erziehungsdirektion.

Von den anderen Absolventen treten einige direkt in den Arbeitsmarkt ein, andere suchen noch eine Stelle oder brauchen für eine optimale Integration weitere Massnahmen.

Im August geht das Pilotprogramm ins zweite Jahr. Gemäss Grossenbacher sind bei der organisatorischen Abwicklung noch Anpassungen nötig. Von den Ausbildungskosten von 20'000 Franken pro Platz zahlt der Bund den grösseren Teil, der Kanton den Rest.

Im Vergleich zum Vorjahr gibt es laut Grossenbacher im Kanton Bern momentan noch weniger Verträge, vor allem in den Bereichen Baunebengewerbe, Logistik, Gastro und Hauswirtschaft sind Betriebe gesucht. Die Migros wird wieder Vorlernende beschäftigen. Gulagha Amiri denkt derweil bereits an den nächsten Schritt: Er möchte die Lehre abschliessen und sich danach weiterbilden.

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