Der Rabbiner mit der YB-Kippa

Michael Kohn ist seit gestern Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern. Seine Kippa mit YB-Logo trägt ihm auf der Strasse oft Zufallsbekanntschaften ein.

Rabbiner Michael Kohn (mit Gebetsschal) wird von seinem Lehrer Eliahu Birnbaum gesegnet.

Rabbiner Michael Kohn (mit Gebetsschal) wird von seinem Lehrer Eliahu Birnbaum gesegnet.

(Bild: Keystone adv)

Markus Dütschler

Im Hintergrund klappert es. Michael Kohn sitzt im Restaurant Vanakam im Berner Haus der Religionen. Das ayurvedische Lokal braucht ein neues Koscher-Zertifikat. Dazu muss Kohn die Produktionsweise kontrollieren. Koscher-Stempel für ein Ayurveda-Restaurant? Dieses Projekt ging Kohn an, seit er Ende 2016 als Assistenzrabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB) anfing. Er setzte sich mit dem Hindu-Priester und Vanakam-Koch Sasikumar «Sasi» Tharmalingam in Verbindung. Die ayurvedische Kost vereinfacht die Sache insofern, als sie rein vegetarisch ist. «Milchige» und «fleischige» Speisen müssten nämlich in getrennten Küchen erfolgen – mit komplett separierten Kochutensilien, denn schon den alten Israeliten wurde in 5. Mose 14, Vers 21, geboten: «Du sollst ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen.»

Seit über einem Jahr ist das Restaurant koscher, und nebst Berner Juden frequentieren es auch ausländische jüdische Touristen, die davon erfahren haben. Juden, die sich an die Speisevorschriften hielten, hätten nun endlich einen Ort, wo sie auswärts essen könnten. «Bern fühlt sich dadurch für alle ein wenig jüdischer an», freut sich Kohn.

«Man soll in der Gemeinde trotz aller Unterschiede spüren, dass wir eine Einheit sind»

Orthodox und progressiv

Als der heute 34-jährige Norweger nach Bern kam, hofften viele, dass er der neue Rabbi werden würde, denn die Pensionierung von David Sandor Polnauer zeichnete sich ab (Der «Bund» berichtete). Damals verstand Kohn wenig Deutsch, sondern drückte sich lieber auf Englisch aus. Inzwischen spricht er gut Deutsch. «Ich verstehe sogar Berndeutsch, aber ich spreche es noch nicht.»

Kohn bezeichnet sich als modern-orthodox. In Jerusalem hat er eine entsprechende Ausbildungsstätte, eine Jeschiwa, besucht. Viele orthodoxe Schulen in Israel stünden ideologisch den Rechtsparteien nahe. Seine Schule sei eher progressiv. «Das Anliegen besteht darin, die alte Tradition in der modernen Welt anzuwenden.» Seine Frau Dorit trage darum keine Perücke wie manche anderen orthodoxen Frauen. «Das würde nicht zu unserer Familientradition passen.» Kohns Grosseltern sind in seiner Familie praktisch die einzigen Überlebenden des Holocaust – etwa die Hälfte der kleinen jüdischen Gemeinde Norwegens wurde während der Nazi-Besetzung deportiert.

Doch auch heute gibt es Antisemitismus. So ist es in manchen Städten Europa ein Sicherheitsrisiko, mit einer Kippa umherzugehen. Viele Juden werden angepöbelt oder gar angegriffen, sodass sie lieber einen Hut oder eine Baseball-Cap darüber tragen. Kohn trägt seine Kippa in Bern immer. Es ist eine besondere, eine mit YB-Logo, denn der passionierte Golfspieler mag auch Fussball. Er werde oft darauf angesprochen. «Die Kippa verschafft mir Begegnungen mit Menschen, die kaum Anknüpfungspunkte zum Judentum haben.» Wobei festzuhalten ist, dass das Judentum keine Aussenmission betreibt.

Einheitsgemeinde ist für alle

Kohn ist froh, dass er während gut zweier Jahre als zweiter Mann neben Rabbiner Polnauer erste Erfahrungen in einer jüdischen Gemeinde sammeln konnte. In dieser Zeit war Kohn vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit tätig. «Jetzt bin ich allein und trage die volle Verantwortung.» Er kümmert sich um sämtliche rabbinischen Fragen, besucht ältere und kranke Gemeindemitglieder oder betreut die Angehörigen in Trauerfällen. Nicht nur die gut 150 Familien in der JGB gehören zu seinem Aufgabenbereich, sondern auch die Bieler Juden, die keinen eigenen Rabbiner haben.

Wer im Kanton Bern jüdisch ist, egal welcher Ausrichtung, kommt nicht um die JGB herum, weshalb sich diese als Einheitsgemeinde versteht. Kohn hält daran fest. Er sagt: «Alle Jüdinnen und Juden sollen bei uns Platz finden, und man soll trotz aller Unterschiede spüren, dass wir eine Einheit sind.»

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