Er ging mit Hammer und Messer auf die Ex los

Vor rund zehn Jahren kam es in Bern zu einem besonders krassen Fall von häuslicher Gewalt, wie ein aktueller Gerichtsfall zeigt.

Das Regionalgericht Bern-Mittelland beurteilt den Fall.

Das Regionalgericht Bern-Mittelland beurteilt den Fall.

(Bild: Keystone)

Am Regionalgericht Bern-Mittelland wird derzeit ein besonders krasser Fall von häuslicher Gewalt verhandelt. Die Tat hatte sich bereits im Herbst 2010 zugetragen. Weil der Angeklagte aber zwischenzeitlich untertauchte, kommt der Fall erst jetzt vor Gericht – fast zehn Jahre später. Dem Angeklagten werden unter anderem versuchte vorsätzliche Tötung seiner damals getrennt von ihm lebenden Ehefrau sowie Brandstiftung und versuchte Explosion vorgeworfen.

Gemäss Anklageschrift schlug der aus Guinea stammende Mann nach einem Streit in seiner Wohnung unvermittelt mit einem Hammer zweimal auf den Hinterkopf seiner Ehefrau. Danach stach er mit einem Messer auf die am Boden liegende Portugiesin ein und verletzte sie am Nacken, am Rücken, an der Hüfte, an einem Arm und an der linken Hand. Die Frau versuchte zu fliehen, doch vor der verschlossenen Wohnungstüre holte sie der Angreifer ein und würgte sie gemäss Anklage heftig. Plötzlich liess er von ihr los – eventuell rutschte er aus –, worauf seiner Frau die Flucht über ein Fenster gelang. Die Polizei fand die Frau verletzt im Eingangsbereich der Wohnung in Bern-Bethlehem.

Nach der Flucht der Frau öffnete der Angeklagte das Ventil einer Gasflasche und versuchte, die Wohnung in Brand zu stecken. Mehrere Dutzend Bewohnerinnen und Bewohner wurden aus Sicherheitsgründen aus dem Wohnhaus evakuiert. Er wisse nicht, was er sich damals dabei gedacht habe, sagte der Angeklagte vor Gericht. Wenig später sprang er vom Balkon seiner Wohnung 15 Meter in die Tiefe, absichtlich neben das von der Feuerwehr bereitgehaltene Sprungtuch.

Am Mittwoch wurde vor Gericht auch das Opfer befragt, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch ein Aufeinandertreffen mit ihrem Ex-Mann wurde strikt vermieden. Das Opfer habe nach dem Angriff jahrelang in Angst gelebt, schilderte die Anwältin der Privatklägerin deren Situation vor Gericht. Dies umso mehr, als der mutmassliche Täter seinerzeit unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen worden war, «aus mir völlig unerklärlichen Gründen», wie Staatsanwalt Lopez betonte.

Der Angeklagte habe sich nicht lange bitten lassen und sich ins Ausland abgesetzt. In Frankreich konnte er schliesslich angehalten und im August 2018 in die Schweiz überführt werden. Er befindet sich seither im vorzeitigen Strafvollzug in der Strafanstalt Thorberg. Vor Gericht zeigte er sich reuig. Es erschrecke ihn, an das Geschehene zurückzudenken. Den Angriff mit dem Hammer gab er zu. An den Einsatz des Messers und an das Würgen könne er sich aber nicht erinnern, sagte er. Zur Tatzeit litt der Angeklagte an einer psychischen Störung. Die Verteidigung bestritt die Tötungsabsichten des Angeklagten.

52 versuchte Tötungen

2018 starben in der Schweiz 27 Personen infolge häuslicher Gewalt – 24 davon waren Frauen. Dazu kommen 52 versuchte Tötungen. Im Kanton Bern muss die Polizei jedes Jahr rund tausendmal wegen häuslicher Gewalt ausrücken. Fachleute gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus. In den letzten zehn Jahren wurde jedoch auch einiges unternommen, um Opfer von häuslicher Gewalt besser zu schützen. «Was die Sensibilisierung angeht, ist man heute wesentlich weiter als noch vor zehn Jahren», sagt Bernadette Kaufmann von der Opferhilfe Bern. In der Schweiz gilt häusliche Gewalt seit 2004 als Offizialdelikt; die Polizei ist verpflichtet, Hinweisen nachzugehen, einzugreifen und allenfalls Anzeige einzureichen.

Fachleute sprechen bei häuslicher Gewalt von einer Gewaltspirale, die es zu durchbrechen gilt. Bis es zu einer versuchten oder gar vollendeten Tötung kommt, ist sie meist schon lange am Drehen. Auch deshalb ist es für Opferberaterin Kaufmann «ausserordentlich wichtig, dass im neuen Polizeigesetz Täter länger weggewiesen werden können». Seit 2015 gibt es im Kanton Bern zudem das Instrument der Täteransprache. Hierbei werden gewalttätige Personen vom Regierungsstatthalter zu einem Gespräch eingeladen.

Dabei wird untersucht, wieso es zur Gewalt gekommen ist und wie solche Vorfälle künftig zu vermeiden wären. Auch wird dem Täter vermittelt, dass Gewalt keine Lösung ist und nicht toleriert wird. Damit habe man gute Erfahrungen gemacht, so Kaufmann. Auch auf Bundesebene gibt es Fortschritte: Das Parlament hat Ende 2018 beschlossen, den Schutz von Opfern von häuslicher Gewalt und Stalking zu stärken.

So sollen etwa weniger Strafverfahren im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt eingestellt werden. «Oft werden die Opfer vom Täter und dessen Umfeld unter Druck gesetzt, die Anzeige zurückzuziehen», so Kaufmann. Künftig soll der Entscheid über den Fortgang des Strafrechtsverfahrens nicht mehr ausschliesslich von der Willensäusserung des Opfers abhängen.

Im «Bund»-Interview zum Jahreswechsel bekräftigte Justizministerin Karin Keller-Sutter ihre Absicht, Frauen künftig besser vor Gewalt zu schützen. «Ich bin nicht bereit, solche Taten einfach so hinzunehmen», so die FDP-Bundesrätin. Keller-Sutter will deshalb bei einem verfügten Kontaktverbot in Fällen häuslicher Gewalt nicht nur den Täter mit einer elektronischen Fussfessel ausstatten. Auch das Opfer soll überwachungstechnisch ausgerüstet werden.

sda/ama

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