«Wir verkaufen nur eines von rund 1500 Objekten»

Um den Unterhalt der neuen Gurlitt-Sammlung zu finanzieren, hat das Berner Kunstmuseum ausgerechnet ein Millionenwerk ebendieser Sammlung verkauft. Im Interview erklärt die Direktorin, warum.

Selbst beliebte Ausstellungen mit vielen Eintritten kosteten immer mehr, als sie Einnahmen generierten, sagt Nina Zimmer, daneben das verkaufte Bild von Édouard Manet.

Selbst beliebte Ausstellungen mit vielen Eintritten kosteten immer mehr, als sie Einnahmen generierten, sagt Nina Zimmer, daneben das verkaufte Bild von Édouard Manet.

(Bild: Monika Flueckiger)

Sophie Reinhardt@sophiereinhardt

Das Kunstmuseum Bern hat ein Werk der geerbten Gurlitt-Sammlung verkauft. Das Bild von Édouard Manet mit dem Namen «Marine, temps d’orage» (Stürmische See) aus dem Jahr 1873 geht für vier Millionen Dollar an das National Museum of Western Art in Tokio. Es gehört zu einer der Trouvaillen, welche der Kunstsammler Cornelius Gurlitt dem Berner Museum vermacht hat. Nina Zimmer, Direktorin Kunstmuseum Bern – Zentrum Paul Klee, erklärt im Interview, warum das Bild verkauft wird und ob noch weitere Verkäufe anstehen.

Frau Zimmer, soeben gab das Kunstmuseum bekannt, dass es ein Bild aus der Sammlung Gurlitt verkauft. Warum war das nötig?
Als das Kunstmuseum Bern den Entscheid getroffen hat, das Erbe von Cornelius Gurlitt anzunehmen, war klar, dass das hohe finanzielle Aufwände zur Folge hat. Etwa für Anwaltskosten, aber auch für die Restaurierungen der Werke, die Vorbereitungen der Ausstellungen und die Nachforschung über die Vergangenheit der Bilder. Wir haben immer gesagt, dass wir durch das Gurlitt-Erbe finanziell nicht profitieren wollen. Gleichzeitig darf für das Museum aus dem Erbe keine finanzielle Belastung entstehen. Deswegen hat der Stiftungsrat die Notwendigkeit gesehen, ein Werk zu verkaufen.

Dieses Werk von Édouard Manet vermachte Cornelius Gurlitt dem Berner Kunstmuseum. In Bern wurde das Bild bereits in der Ausstellung «Bestandsaufnahme Gurlitt Teil 2 – Der NS-Kunstraub und die Folgen» gezeigt.

Warum verkaufen Sie nun genau dieses eine Bild von Édouard Manet?
Wir haben überlegt, welches Werk aus der Sammlung Gurlitt in unserem Besitz ist, bei dem es keinen Verdacht gibt, dass es sich um Raubkunst handelt. Das schränkte die Auswahl bereits ein. Dann musste es ein Bild sein, auf das man aus dem Sammlungskontext verzichten kann.

Und auf dieses Bild kann das Kunstmuseum also verzichten?
Wir haben mit dem Sammlungsausschuss entschieden, dass dieses Gemälde nicht signifikant die Manet-Gruppe des Kunstmuseums Bern erweitert. Wir waren aber auch bemüht, dass das Werk eine neue Heimat in einem musealen Kontext erhält. Für uns war prioritär, dass das Werk an ein Museum geht und nicht auf den privaten Markt. Werke, die einmal im öffentlichen Besitz sind, sollen auch dort bleiben. Und in dem Fall lag es für mich auf der Hand, dass das Werk aus der Sammlung Matsukata wieder an seine Heimatsammlung geht. Denn das Museum of Western Art in Tokio ist gegründet auf der Sammlung Matsukata. Das Museum versucht die über die Jahre hinweg verloren gegangenen Werke der Sammlung wieder zu integrieren.

Sie sprechen von einem Defizit von vier Millionen Franken, welches das Kunstmuseum Bern nun wegen der Erbschaft Gurlitt hat, konnte zu wenig mit den Ausstellungen verdient werden?
Ausstellungen – auch beliebte Ausstellungen mit vielen Eintritten – kosten immer mehr, als sie Einnahmen generieren. Wir finanzieren Ausstellungen in der Regel über Zuwendungen von Stiftungen und Sponsoring.

Tut Ihnen der Verkauf nicht weh, das Werk gilt ja als eines der bedeutenderen Stücke der Sammlung Gurlitt?
Man ist aus Museumsperspektive nicht glücklich, wenn man ein Werk verkaufen muss. Normalerweise fühle ich mich für genau das Umgekehrte zuständig: für den Ankauf toller Werke, für die Erweiterung der Sammlung. In diesem Fall musste es leider sein.

Für vier Millionen Dollar verkaufen Sie das Werk. Wie wird so ein Preis überhaupt festgelegt?
Ein unabhängiger Schätzer, der als internationaler Experte für Manet gilt, hat für uns ein Gutachten erstellt.

Werden andere Werke aus den Sammlungen des Kunstmuseums Bern auch verkauft?
Nein. Und wir wollen da auch nicht in Übung kommen.

Die Sammlung Gurlitt ist vor allem als Zeugnis eines historischen Unrechts von Bedeutung. Setzt man diese Bedeutsamkeit nicht aufs Spiel, wenn man Werke daraus verkauft?
Wir müssen ein Werk verkaufen, um uns der Verantwortung des Erbes zu stellen. Aber das Erbe umfasst rund 1500 Objekte.

Im Moment ist ein Teil der Sammlung in Israel zu sehen. Wo und wie wird die Gurlitt-Sammlung künftig zu sehen sein?
Es gibt zurzeit ein sehr interessantes grosses Ausstellungsprojekt, zu dem ich leider nichts verraten darf.

Zurzeit arbeitet die Stadt Bern Varianten aus, wie auf der Hodlerstrasse der Verkehr reduziert werden könnte. Würden Sie eine Flaniermeile vor dem Museum begrüssen?
Ja, Vorschläge für eine attraktivere Hodlerstrasse begrüssen wir alle sehr.

Der Stiftungspräsident will bis Ende Jahr den Wettbewerb für den Erneuerungsbau lancieren. Welche Variante favorisieren Sie?
Von den erarbeiteten Lösungsansätzen überzeugen mich ausschliesslich die Neubauvarianten – wenn wir das Kunstmuseum Bern in eine konsequent für die Bedürfnisse der Besucherinnen und Besucher gedachte, lebendige, offene, anregende, vielseitige Zukunft führen wollen, müssen wir das Haus von seinem Eingang bis zum Grüngürtel am Aarehang neu denken.

Was würde der Neubau für die Sammlung Gurlitt bedeuten?
Ein Neubau würde es uns ermöglichen, die Vermittlung – und dazu gehört auch die sehr anspruchsvolle Aufgabe der Vermittlung von Provenienzforschung – ins Zentrum zu stellen. Zudem erlaubt uns nur die Neubauvariante, unsere Sammlungen, die durch die Annahme des Gurlitt-Erbes vor allem im Bereich der Graphischen Sammlung deutlich gestärkt wurden, angemessen zu zeigen.

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