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Madame braucht Nachschub im Frigo

Die öffentlichen Kühlschränke von Madame Frigo, dem Berner Projekt gegen Foodwaste, stehen oft auch leer. Das weckt Zweifel an der Idee. Doch nun wollen die Initianten durchstarten.

Nix zu futtern: Der Kühlschrank von Madame Frigo an der Fabrikstrasse in der Berner Länggasse.
Nix zu futtern: Der Kühlschrank von Madame Frigo an der Fabrikstrasse in der Berner Länggasse.
awb

Pro Person landen in der Schweiz jeden Tag 320 Gramm Lebensmittel im Abfall – das entspricht fast einer ganzen Mahlzeit. Für rund 45 Prozent des neudeutsch als Foodwaste bezeichneten Phänomens sind laut Erhebungen die Privathaushalte verantwortlich. Den Rest teilen sich die verarbeitende Industrie, die Landwirtschaft, der Detailhandel und die Gastronomie.

An der Verschwendung störten sich die beiden Berner Jus-Studentinnen Jana Huwyler und Nina Fassbind, als sie 2015 das Projekt Madame Frigo ins Leben riefen: An drei Standorten in der Stadt Bern installierten sie öffentliche Kühlschränke, in die jeder etwas hineinstellen oder gratis herausnehmen kann. Ziel des Projekts ist die Sensibilisierung für das Problem und das Vermeiden von Verschwendung.

Inzwischen ist das Projekt grösser geworden, in der Stadt Bern gibt es acht Kühlschränke in allen Stadtteilen. Dazu kommen vier weitere in der Region Thun/Spiez sowie zwei im Kanton Freiburg und einer in Altdorf UR.

Nach fünf Jahren will der gemeinnützige Verein, der wie das Projekt Madame Frigo heisst, nun mit dem Berner Ökoprojekt durchstarten: Das Angebot von Madame Frigo habe sich in der Praxis bewährt, lässt sich Nina Fassbind in einer Medienmitteilung zitieren, in welcher der Verein ankündigt, das Angebot «schrittweise auf alle Landesteile der Schweiz» auszuweiten. Geplant ist die Expansion unter anderem nach Zürich, Basel, Luzern oder Lausanne, aber auch in kleinere Städte wie Chur oder Interlaken.

Hilfe von der Migros

Finanziell stemmen will der Verein den nationalen Relaunch, der auch eine Professionalisierung der Vereinsleitung bedeutet, mithilfe der Migros: «Engagement Migros», der Förderfonds der Migros-Gruppe, wird das Projekt Madame Frigo in den nächsten drei Jahren mit einem «substanziellen Beitrag» unterstützen, wie Johanna Muther, Projektleiterin bei Engagement Migros, auf Anfrage sagt. Für die Migros stehe dabei die Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema im Mittelpunkt.

Doch wie steht es tatsächlich um den Erfolg von Madame Frigo? Eine Ad-hoc-Recherche zeigt, dass die Kühlschränke besser gefüllt sein dürften: Der «Bund» öffnete am Dienstag die Tür der acht öffentlichen Frigos in Bern.

Drei waren leer, mit dem Inhalt der übrigen hätte man mit viel Fantasie einen Znacht für eine mehrköpfige Familie auf den Tisch zaubern können – ernährungsphysiologisch wäre der aber einseitig ausgefallen: Zu finden waren drei Lattiche, zwei Kopfsalate, zwei Gläser mit sauer eingemachtem Hering, ein Beutel kandierter Ingwer, ein Glas Aprikosenkonfitüre, eine Portion Schokoladenmousse, ein High-Protein-Joghurt mit Mango- und Passionsfruchtaroma sowie 12 Halbliterflaschen Mineralwasser.

Funktioniert das System?

Das karge Menü lässt nicht nur die Frage aufkommen, ob halb leere Kühlschränke ökologisch Sinn machen. Es weckt auch Zweifel, ob das System von Madame Frigo überhaupt funktioniert: Wer im öffentlichen Kühlschrank wiederholt nichts findet, wird ihn wahrscheinlich nicht mehr nutzen – dies hätte zur Folge, dass deponierte Lebensmittel statt im privaten im öffentlichen Kühlschrank vergammeln.

Klar sei es für die Energiebilanz «suboptimal, wenn die Kühlschränke leer sind», sagt dazu Lukas Siegfried, Projektmitarbeiter bei Madame Frigo. Bei der aktuellen Leere handle es sich aber um eine «Momentaufnahme».

Tatsächlich sei es so, dass die Kühlschränke «sehr unterschiedlich stark gefüllt» seien. Tatsache sei auch, dass seit dem Start des Projekts «noch kein einziges Lebensmittel» aus den öffentlichen Kühlschränken habe entsorgt werden müssen. Siegfried räumt aber Verbesserungspotenzial ein: Gerade im Hinblick auf die erfolgreiche Ausweitung des Projekts sei es wichtig, dass die Kühlschränke «stets gut gefüllt» seien.

Auf die Expansion hin plant der Verein Madame Frigo deshalb nicht nur eine Kommunikationsoffensive. Er will künftig auch mit professionellen Lebensmittellieferanten kooperieren, um den In- und Output in den Frigos anzuregen.

Zu den potenziellen Partnern gehören primär andere Organisationen, die sich um die Vermeidung von Foodwaste kümmern: Die Äss-Bar in Bern liefert Madame Frigo bereits Brote (bei den Frigos gibt es auch ein Brotfach). Angedacht ist laut Siegfried zudem eine Kooperation mit der Stiftung «Schweizer Tafel», die in 12 Schweizer Regionen täglich rund 16 Tonnen überschüssige Lebensmittel an soziale Institutionen und Abgabestellen verteilt.

Denkbar ist laut Siegfried zudem eine direkte Kooperation mit dem lokalen Lebensmittelhandel. Die logistischen Herausforderungen, die eine solche Kooperation stellen würden, wären laut Siegfried aber «nicht ganz einfach zu lösen».

Komplizierte Logistik

Nicht geplant ist, dass die Migros mit überschüssigen Lebensmitteln aus ihren Läden die Kühlschränke äufnet. Auf Anfrage des «Bunds» macht der Grossverteiler dafür «logistische Gründe» geltend. Die Planung und der Transport der Lebensmittel wäre ein logistischer Aufwand, «der zu einer zusätzlichen ökologischen Belastung führen würde, was wir eigentlich verhindern möchten».

Die Standorte der Kühlschränke finden sich auf der Webseite von Madame Frigo.

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