«Kommentarspalten helfen, alles differenzierter zu sehen»

Im Interview spricht der Medienpsychologe Martin Wettstein über politische Partizipation in sozialen Medien und über die Ursachen von medialen Hypes.

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(Bild: Keystone)

Naomi Jones

Herr Wettstein, warum schreiben so viele Menschen Kommentare unter Artikel?
In der Regel schreibt man einen Kommentar, wenn einen etwas besonders ärgert. Empörung regt zum Kommentieren an. Diese Empörung richtet sich gegen den Artikel, das Thema oder einen anderen Kommentar.

Und wer sind all die Empörten?
Vermutlich haben die meisten Menschen schon mal einen Online-Kommentar abgegeben. 2007, etwa drei Jahre nachdem die ersten Zeitungen Kommentarfunktionen eingeführt hatten, nutzten erst etwa zehn Prozent der Leser die Kommentarfunktion. Doch heute haben die meisten Online-Leser schon einmal einen Kommentar verfasst.

Können so echte Diskussionen ­entstehen oder bleibt es beim Posten der eigenen Empörung?
Diskussionen im eigentlichen Sinn entstehen in den Kommentarspalten eher selten. Das liegt an der langen Form. In erster Linie sagt jeder, was er zum Thema denkt. Für Diskussionen sind Foren besser geeignet.

Wer liest denn die Kommentare?
Das ist noch wenig erforscht. Man weiss aber, dass die meisten Leser zur Unterhaltung oder für zusätzliche Informationen oder Meinungen die Kommentare unter einem Artikel lesen. Auch Politiker und Journalisten lesen sie vermutlich aufmerksam. Sie sehen dort am deutlichsten, was die Wähler und Leser bewegt.

Eine Studie besagte, dass vor allem Personen aus dem rechten Spektrum kommentieren, während Linke eher liken. Das verzerrt doch das Bild.
Die Studie stammt aus Deutschland. Dort ist es tatsächlich so. Denn Rechte haben dort aus historischen Gründen wenig Raum, sich öffentlich auszutauschen. Für sie sind die Online-Foren und Kommentarspalten von Zeitungen ein Ort zum Diskutieren.

Dann sind die Kommentarspalten in der Schweiz repräsentativer?
In der Schweiz dürfte das politische Spektrum unter den Kommentatoren ausgeglichener sein. Doch repräsentativ ist ein solche Diskussion nie. Denn es gibt immer Leute, die systematisch versuchen, eine Diskussion zu unterwandern und die vorherrschende Meinung zu wenden.

Wer steht dahinter?
Das können bezahlte oder ideologisch motivierte Nutzer sein, die immer wieder dieselben Argumente in Diskussionen einflechten oder als Trolle Diskussionen stören, indem sie Leute an­greifen. Wie weitverbreitet bezahlte Kommentare sind, weiss man nie genau. Vor Abstimmungen und Wahlen dürfte ihr Anteil aber grösser werden.

Dann sind die Kommentarspalten ein Fluch für die Gesellschaft und gehören abgeschafft?
Nein. Aus demokratietheoretischer Sicht sind sie sinnvoll. Man kann über alles diskutieren und seinen Standpunkt einbringen. Experimente haben gezeigt, dass Leser einen Artikel anders interpretieren, wenn sie die Kommentare gelesen haben. Die Kommentarschreiber zeigen Blickwinkel auf, die der Journalist im Artikel vielleicht weggelassen hat. Sie helfen also, alles differenzierter zu sehen.

In der Praxis arten die Diskussionen aber oft aus. Rund ein Drittel der Kommentare im Tamedia-Verbund muss gelöscht werden.
Daher ist es wichtig, dass die Kommentarspalten moderiert und unflätige Reaktionen gar nicht erst publiziert werden. Allerdings hat sich hier viel verbessert. Langsam wissen die Leute, was eine anständige Diskussion ist. Wird ein Schreiber ausfällig, weisen ihn andere zurecht. Die soziale Kontrolle beginnt zu greifen.

Einige Portale versuchen, sich gegen aggressive Schreiber zu schützen, indem sie die Anmeldehürden erhöhen und so die Anonymität unterbinden.
Anonyme Schreiber sind gemäss Studien nicht aggressiver. Im Gegenteil. Besonders aggressive Schreiber schreiben oft unter dem Klarnamen, weil sie zeigen wollen, wofür sie stehen. Eine Studie aus Israel zeigt aber, dass es hilft, wenn die Zeitung die Kommentarschreiber im Kommentarformular mit freundlichen Worten daran erinnert, worum es geht: nämlich friedlich zusammen zu diskutieren und eine Lösung zu finden.

Kommentarspalten von Zeitungen sind heute eine wichtige Diskussionsplattform. Wohin geht der Trend?
Die Kommentarspalten beginnen schon heute wieder zu verschwinden. Die Leser teilen Artikel, die sie bewegen, heute eher auf Twitter und kommentieren sie dort. Sie nutzen den Kommentar vor allem, um sich selber darzustellen und mit Freunden statt Fremden zu diskutieren. Wer allerdings Politiker erreichen und etwas bewirken will, nutzt besser nach wie vor die Kommentarspalten.

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