Wählbar: Zuerst saufen und fressen

Die «Bund»-Kolumne Wählbar geht in die erste Runde. Die frühaktiven Nationalrats und Ständeratskandidaten setzen primär auf kulinarische Argumente.

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Aline Trede war die Erste. Doch dazu später. Es geht um Wahlkampf – der findet heutzutage bekanntlich auf allen möglichen Kanälen statt, wenn auch nur zaghaft. Letzte Woche starteten etwa Peter Brand aus Münchenbuchsee, Anne-Caroline Graber aus dem Berner Jura und Lukas Lanzrein aus Thun ihre SVP-Kampagne unter dem Motto «3malmehr» via Twitter. Roland Mathys, fleissig twitternder Nationalratskandidat für die FDP, fand den Auftritt der drei Konkurrenten so gut, dass er ihnen gar gratulierte: «Tolles Plakat. Alles Gute.» Lanzrein quittierte «danke & gleichfalls». Sehr nett, wenn man bedenkt, dass es SVP und FDP im Kanton Bern für die nationalen Wahlen vom 18. Oktober erneut nicht geschafft haben, eine Listenverbindung einzugehen.

Doch in Zeiten modernen Wahlkampfs braucht es mehr als freundliche Worte. Aline Trede eben, jene grüne Nationalrätin, die um eine Wiederwahl bangen muss, startete schon im März – und zwar feucht und fröhlich. Im-Bier-mit-mir heisst ein Teil ihrer Kampagne, bei der sich die «Ulknudel» in Bars und Restaurants mit Kollegen zum Apéro trifft, um dem Ruf der trinkfesten Bundeshauspolitiker gerecht zu werden. Seither kann, wer will, das Ape­rö­len der Grünen mit pinker Brille (ebenfalls ein wahltechnisches Stilmittel) in regelmässigen Abständen auf Twitter verfolgen. Bereits gab es vier Bierabende mit Aline. Wenn das bis Oktober so weitergeht – na dann Prost!

Auf gänzlich unmoderne Stilmittel setzt derweil Albert Rösti. Der SVP-Nationalrat, er möchte im Herbst Ständerat werden, schloss gerade eben seine erste Wahlkampfphase ab. Von Mai bis Juni tourte der Oberländer durch alle Wahlkreise. Nicht aber mit Alkohol. So kreativ war Rösti dann doch nicht. Nein, Röstis Motto war, wer hätte es gedacht: «Rösti mit Rösti». Der Nationalrat präsentierte bei seiner Tour nicht nur seine Vorstellungen einer «sicheren und freien Schweiz», sondern zugleich einen «traditionellen Berner Imbiss» in «gemütlicher Atmosphäre». Verdaut wird in vier Monaten.

Mehr als Bier und Rösti für den Wahlkampf braucht Lea Kusano, die nicht nur auf Twitter aktiv ist, sondern auch schon auf Plakaten zu sehen war. Ku­sa­no, die sich aus Berns Stadtparlament verabschiedet hatte, weil sie angeblich für Politik keine Zeit mehr hatte, will nun doch wieder politisieren, aber lieber als Nationalrätin. Alleine schafft die Frau das aber nicht, sie ist auf den Mann angewiesen – etwa auf Alexander Tschäppät, den Frauenversteher. Berns Stadtpräsident, der auch wieder Nationalrat werden will, wirbt für «Lea», «weil sie denkt, bevor sie spricht, und dann auch sagt, was sie denkt». Das passt tipptopp, spricht und singt ja mitunter Tschäppät nach ein paar Bieren auch mal schneller, als er denkt.

«No drugs, no sex, no rock’n’roll» heisst es derweil, so scheint es, bei der FDP. Dafür gibt es Liberalismus feministischer Prägung. Ständeratskandidatin Claudine Esseiva posiert in drei Outfits. Für die Generalsekretärin der FDP Frauen, die sich einst oben ohne zur Schau gestellt hatte, eine neue Erfahrung. Vor vier Jahren sorgte ihre Nackt-Plakatkampagne für Unruhe. Heuer weiss auch Esseiva, dass Kleider Leute machen, wenn sie in den Ständerat wollen. So sehen wir sie im lässigen Arbeitslook mit Jeansjacke, einmal mit Schoppen und Kuscheltier im Mama-Outfit und mit Tracht als traditionsbewusste Heimatfrau. So ist Esseiva – die für jeden etwas sein will – die «etwas andere Ständerätin». Einzig der Bikini-Look fehlt – ausgerechnet in diesen heissen Tagen.

Alle anderen Kandidaten haben noch vier Monate Zeit, um bei der «Bund»-Wählbar vorbei zu kommen, die hiermit eröffnet ist. Es gibt weder Bier noch Rösti und auch keine Babyschoppen. Und reingelassen werden auch nicht alle. Da könnte ja jeder kommen. (Der Bund)

Erstellt: 29.06.2015, 11:28 Uhr

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