Zuerst die Arbeit, dann das Spielen

Immer mehr Gemeinden im Kanton Bern setzen auf altersgemischte und aufgabenorientierte Schulklassen statt auf spielfokussierte Kindergärten. Der Trend wird sich verstärken.

Kinder der Basisstufe Buchsee in der Gemeinde Köniz.

Kinder der Basisstufe Buchsee in der Gemeinde Köniz.

(Bild: Adrian Moser)

Anna* zeichnet in ihr Tagebuch – einen Sorgenfresser, «hier, schau mal». Dann schreibt die Siebenjährige die Buchstaben des Tierchens sorgfältig daneben. Die vierjährige Leni* sitzt daneben und schaut Anna zu. Sie ist bereits fertig mit Zeichnen. Die Tagebucheinträge gehören zum Morgenritual, hier, in der Basisstufenklasse E 1 an der Primarschule Buchsee in Köniz. Anna und Leni sind zwei von 240 Kindern, die eine der zwölf Basisstufenklassen an der Primarschule Buchsee besuchen.

Damit liegt Köniz im Trend. Denn allein in der grössten Berner Agglomerationsgemeinde ist die Zahl der Basisstufenklassen seit der Einführung vor fünf Jahren um über die Hälfte angestiegen. Die Entwicklung ist überall im Kanton zu beobachten, im urbanen Raum ebenso wie auf dem Land. Die Zahl der Basisstufenklassen im Kanton Bern ist seit ihrer Einführung 2013 auf das Dreifache angestiegen (Text rechts).

Das freie Spiel verschwindet

Der Siegeszug der Basisstufe geht einher mit einem Rückzug des Kindergartens. Zwar ist gesamtkantonal noch kein Ende des klassischen pädagogischen Konzepts in Sicht. Punktuell ist der Kindergarten aber mittlerweile in gewissen Gemeinden von der Basisstufe ganz ersetzt oder zumindest zurückgedrängt worden. Dies nicht nur aus pädagogischen Gründen, sondern auch deshalb, weil die Schülerzahlen teilweise rückläufig sind, insbesondere in den Gemeinden auf dem Land, während sie in den Städten zunehmen.

«Wir fördern Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Sozialverhalten.»Christina Emch, Lehrerin Basisstufe

Zudem verschmelzen ab dem kommenden Sommer die Lehrpläne für Kindergarten und Schule. Bis anhin waren diese für den Kindergarten und die Schule verschieden. Mit dem Lehrplan 21, der verstärkt auf die Ausbildung von Kompetenzen setzt, wird der Kindergarten definitiv zu einem Teil der Schule und dürfte damit seine bisherige Identität als rein vorschulische Institution verlieren. So wird in zwei Jahren an den Berner Schulstandorten Spitalacker und Breitenrain auf der Schuleingangsstufe flächendeckend umgestellt, Kindergärten werden dann nicht mehr angeboten.

Wie viel Kindergarten ist in der Basisstufe noch drin? Der Kindergarten ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Der deutsche Reformpädagoge Friedrich Fröbel war der Erste, der mit dem Kindergarten quasi ein Konzept der frühen Bildung vorlegte. Eine von Fröbels zentralen Erkenntnissen war, dass Kinder lernen, indem sie möglichst viel spielen. Diese Erkenntnis hat sich im Kindergarten bis heute gehalten. In der Basisstufe hingegen steht das schulische Lernen stärker im Fokus (Texte rechts).

Anna und Leni arbeiten mittlerweile im Gang. «Das hier ist mein Lieblingsposten, sagt Anna. Gemeinsam schrauben die Sieben- und die Vierjährige verschiedene Gläser auf und zu. Das erfordert gemäss pädagogischen Erkenntnissen viel feinmotorisches Geschick, eine Voraussetzung für den Schreiberwerb. Die Suche nach den passenden Deckeln in der richtigen Grösse begünstigt erste mathematische Erkenntnisse. Die Basisstufe ist also eine Mischform von Schule und Kindergarten.

Kindergarten oder Basisstufe? Für Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften, ist der Unterschied gar nicht so gross: «Viele Kindergärten werden bereits heute verschult.» Das freie Spiel werde mit den Basisstufen und dem Lehrplan 21 in Zukunft wohl noch mehr verschwinden. Das habe positive Folgen, könne aber auch zu Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern führen.

Von den Schulen wird der pädagogische Wert des neuen Modells betont: «Der Übergang vom Spielen zum schulischen Lernen ist in der Basisstufe fliessend. Und das ist ein grosser Vorteil – für alle», sagt Annas Lehrerin Marie-Louise Fehlmann von der Schule Buchsee. Der Schullaufbahnentscheid nach einem oder zwei Jahren Kindergarten fällt weg – und damit die Diskussionen darüber, ob ein Kind schulbereit ist oder noch nicht. Die Lehrerinnen der Basisstufenklasse E 1 betonen: «Das Spiel kommt nicht zu kurz.» Auch die älteren Schülerinnen und Schüler des 3. und 4. Basisstufenjahrs kämen «zu intensiven Spielphasen», sagt Christina Emch, die zweite Lehrerin der Klasse.

Die beiden Lehrerinnen der Basisstufenklasse E 1 sind überzeugt, dass Schlüsselkompetenzen stärker gefördert werden als in den bisherigen Modellen. Dies dank der Altersdurchmischung und der Möglichkeit, im eigenen Lerntempo zu arbeiten. Es sind Kompetenzen, die im späteren Leben gebraucht werden: «Teamfähigkeit, Selbstständigkeit und das allgemeine Sozialverhalten», sagt Emch. Trotz der Vorteile wird die Entwicklung nicht nur mit Euphorie aufgenommen.

Der Könizer Bildungsvorsteher Hans-Peter Kohler etwa, zugleich FDP-Grossrat, forderte letztes Jahr im Kantonsparlament, die Einführung von Basisstufen zu bremsen. Dass kleinere Gemeinden aus strukturellen Gründen nur noch die Basisstufe führten und keinen Kindergarten mehr hätten, könne er zwar verstehen. «Braucht es die Basisstufe aber wirklich überall? Persönlich möchte ich keinen Kanton haben, in welchem es plötzlich auch in den grossen Gemeinden keine Kindergärten mehr gibt.» Der Kindergarten gehöre zur Bildungsvielfalt und habe einen hohen pädagogischen Wert, sagt Kohler.

Die Kinder in der Basisstufenklasse von Marie-Louise Fehlmann und Christina Emch kümmern solche Diskussionen nicht. Die Jüngeren sind mittlerweile müde geworden. Auch die vierjährige Leni. Deshalb dürfen sie und die anderen jüngeren Kinder ihre Arbeit jetzt wegräumen und frei spielen gehen.

*Namen geändert

Besucht Ihr Kind die Basisstufe statt den Kindergarten? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Oder kennen Sie vielleicht beide Modelle und können vergleichen? Teilen Sie mit uns Ihre Erfahrungen und Geschichten und diskutieren Sie mit.

Der Bund

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