Zu wenig Platz für den Caravan

Immer mehr Wohnmobile kurven durch die Schweiz. Günstige Stellplätze sind im Kanton Bern aber rar. Ob sich solche überhaupt lohnen, ist umstritten.

Der Hof von Peter Bracher in Dürrenroth BE hat Platz für Wohnmobile.

Der Hof von Peter Bracher in Dürrenroth BE hat Platz für Wohnmobile. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Camper mit Wohnmobilen brauchen nicht viel: einen Parkplatz, vielleicht etwas Strom. Die meisten Camper sind unabhängig. Dank ihrer Inneneinrichtung sind sie nicht auf die Infrastruktur von Campingplätzen angewiesen. Sie verfügen über Strom und fliessendes Wasser, die Toilette ist im Fahrzeug integriert.

Die Zahl der Wohnmobilisten, die Europa bereisen, steigt seit Jahren an – auch in der Schweiz. So sind im laufenden Jahr bereits 3000 Camper in der Schweiz immatrikuliert worden, was gegenüber dem Vorjahr einer Zunahme von 3,7 Prozent entspricht. Bei diesen Touristen sind sogenannte Wohnmobilstellplätze sehr beliebt. Sie sind günstiger als Campingplätze. In den Nachbarländern sind deshalb in den letzten Jahren Tausende solcher Plätze entstanden.

Anders in der Schweiz. Hier gibt es laut der Internetseite «Campercontact» nur rund 140 Stellplätze, davon etwa 20 im Kanton Bern. Die Stellplätze sind teilweise nicht offiziell, deshalb gibt es keine genauen Zahlen. Zum Vergleich: Allein im deutschen Bundesland Baden-Württemberg ist auf derselben Internetseite die Rede von 520 solcher Stellplätze.

Die Nachfrage ist da

Matthias Kochrian vom Schweizerischen Camping- und Caravanning-Verband (SCCV) fordert deshalb mehr «offizielle Stellplätze» in der Schweiz. Dass die Nachfrage nach solchen Stellplätzen tatsächlich besteht, bestätigen alle angefragten Tourismusorganisationen im Kanton Bern. Insbesondere in der Stadt Thun will man deshalb aktiv werden. So soll bald ein Stellplatz auf Stadtboden entstehen, um dem Trend zu begegnen. Die Gemeinde Adelboden betreibt bereits seit 2016 erfolgreich einen Platz für vier Wohnmobile.

Verhältnismässig gut aufgestellt ist die Region Emmental und Oberaargau. Dort hat man bereits 2016 ein Konzept erarbeitet, wie Bauern auf ihrem Hof Stellplätze einrichten können. Weniger machen das Berner Seeland und das Berner Mittelland. Dort sind in den letzten Jahren kaum neue Stellplätze entstanden. Aus touristischer Sicht ist das Potenzial der Camper allerdings umstritten. Es fragt sich, welche Wertschöpfung diese Art von Tourismus auslöst. In der Schweiz gibt es dazu noch keine Zahlen. Aufgrund von Erhebungen aus Deutschland geht Tourismus Emmental-Oberaargau aber davon aus, dass ein Besucher neben der Stellplatzgebühr von rund 10 Franken etwa 75 bis 100 Franken täglich ausgibt.

Die Überlegung ist, dass die Besucher auch mal im Dorfladen einkaufen und den Gasthof besuchen. Dies bestätigt Isabell Simisterra, Leiterin von Tourismus Emmental-Oberaargau. Auch Kochrian vom Caravanning-Verband betont: «Solche Camper sind oftmals nicht günstig.» Wohnmobilisten hätten häufig Geld und gäben dieses auch vor Ort aus, sagt Kochrian.

Einer, der es wissen muss, ist Peter Bracher. Auf seinem Hof in Dürrenroth in der Nähe von Huttwil hat er Platz für drei oder vier Wohnmobile. Auch wenn er mit den Einnahmen der Wohnmobile nicht reich werde, sei es ein willkommenes Zusatzeinkommen. Auch das Dorf profitiere von seinen Besuchern. «Die Tourismusbranche unterschätzt den Nutzen von Wohnmobilstellplätzen.»

Tatsächlich ist man bei vielen Tourismusorganisationen eher skeptisch. Auch Daniel Wüthrich, Leiter Tourismus- und Regionalentwicklung des Kantons Bern, sieht «wenig Potenzial» bei solchen Wohnmobiltouristen. Derselben Meinung ist auch Roger Friedli von Thun-Thunersee Tourismus. Die Wohnmobilisten, die auf den Campingplätzen übernachten würden, seien zwar sehr wichtig für die Region. «Leute, die das Geld für die Campingplätze nicht aufbringen wollen, sind aber nicht interessant für die Thunerseeregion», sagt Friedli. Sie brächten kaum Wertschöpfung.

Der Verlust der Kurtaxe

Ein weiterer negativer Punkt aus Sicht der Tourismusorganisationen dürfte sein, dass die wichtige Kurtaxe verloren geht. Diese zahlt jeder Gast, wenn er auf einem Campingplatz oder im Hotel übernachtet. Die Taxe wird zwischen dem Kanton und den Tourismusorganisationen aufgeteilt. Dafür erwarten diese Werbung und Förderung durch den Kanton. Sie wären deshalb nicht erfreut, zu hören, dass der Kanton Bern ihre Konkurrenz unterstützt: «Hier haben wir einen Interessenkonflikt», sagt Wüthrich.

Es ist zu erwarten, dass im Emmental die Zahl der Stellplätze weiter zunehmen wird. In den anderen Teilen des Kantons dürften aber weiterhin nur vereinzelt neue Plätze entstehen. Es ist gut möglich, dass der Kanton hier einen Trend verpasst. (Der Bund)

Erstellt: 04.09.2018, 06:42 Uhr

Keine vollständige Karte für Stellplätze

Laut dem Schweizerischen Camping- und Caravanning Verband SCCV gibt es für offizielle Wohnmobilstellplätze noch keine vollständige Karte. Auf der Internetseite Stellplatz.ch kann man einen Stellplatzführer für
5 Franken bestellen. Dieser führt aber teilweise auch noch Plätze auf, die nicht offiziell sind. Der SCCV verfolgt deshalb den Plan, für nächstes Jahr eine vollständige Karte herauszubringen.

Neben diesen Angeboten gibt es auch die Möglichkeit, die Schweizer Wohnmobilstellplätze per App zu finden. Hier empfehlen Kenner der Branche die Internetseite Campercontact.com. Die Kosten für die Wohnmobilstell-
plätze sind dabei überall bei etwa 10 Franken pro Nacht.

Wer sich für Wohnmobile interessiert, kann den Suisse Caravan Salon besuchen. Dieser findet vom 25. bis zum 29. Oktober in der Berner Expohalle statt. Die grösste Camping- und Caravan-Ausstellung der Schweiz verzeichnete letztes Jahr über 44000 Besucherinnen und Besucher. Dies entsprach laut Veranstalter einem Wachstum von 10 Prozent. Wer mit dem Wohnmobil anreist, kann vor Ort auf dem Gelände campieren. (cse)

Artikel zum Thema

«Man muss als Camper schon etwas tolerant sein»

SonntagsZeitung Camping liegt im Trend – auch dank Glamping, das neue Gäste bringt. Ein Besuch auf dem TCS-Campingplatz von Lugano-Muzzano, wo Rita Trivella für Ordnung sorgt. Mehr...

Winters bewegter Sommer

Porträt Der Teenager Jakub Winter ist im Winter in Bern-Buech daheim. Im Sommer ist Winter hingegen auch Mal in Bäretswil zu Hause oder in Stäfa, Reichenburg, Einsiedeln. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...