Zu viele wollen in den Musikunterricht

Zugunsten von Musikunterricht vom Schulunterricht dispensiert werden: Das ist in der Stadt Bern populär. Schulen bearbeiten deshalb bis nach den Sommerferien die Gesuche nicht mehr.

Dirigent Droujelub Yanakiew mit dem Jugend-Sinfonieorchester des Konservatoriums Bern.

Dirigent Droujelub Yanakiew mit dem Jugend-Sinfonieorchester des Konservatoriums Bern. Bild: Manu Friederich (Archiv)

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Schüler und Schülerinnen im Kanton Bern sollen trotz vollem Stundenplan Zeit haben, ein Instrument spielen zu lernen – und dafür auch mal im regulären Unterricht fehlen dürfen. So sieht es die Erziehungsdirektion (ERZ) des Kantons Bern. Deshalb hat sie mit dem Lehrplan 21, der höhere Präsenzzeiten bringt, die Möglichkeit des Schuldispenses zugunsten von Musikunterricht eingeführt. Damit hat die ERZ bei Schülern und Eltern offensichtlich einen Nerv getroffen – und stellt gleichzeitig die Schulen vor Probleme.

Etwa in der Stadt Bern mit ihren gut 10 000 Schülerinnen und Schülern: «Wir erhalten seit einigen Wochen zahlreiche Dispensationsgesuche», sagt Giuliano Picciati, Schulleiter der Schule Munzinger in Bern und Präsident der Konferenz der geschäftsführenden Schulleiter der Stadt. Genaue Zahlen lägen nicht vor. Aber: «Wir behandeln in den Sitzungen im Moment jeweils mehrere solche Gesuche, wo es sonst in einem halben Jahr eines ist.» Einer der Gründe ist wohl, dass die Musikschulen – in Bern etwa das Konservatorium – die Eltern in Briefen aktiv auf die Möglichkeit eines Schuldispenses hingewiesen haben.

Keine Bewilligungen mehr

Aus diesen Gründen hat die Schulleiter-Konferenz beschlossen, an der bisherigen Praxis festzuhalten und nur «ausgewiesen überdurchschnittlich talentierte Musik- und Sportschüler» zu dispensieren – und nicht etwa auch solche, die schlicht keine Zeit mehr finden für den Musikunterricht. Die Bearbeitung der Gesuche sei aufwendig, so Picciati, schliesslich müsse man bei jedem Gesuch einzeln prüfen, ob der Schüler im Fach, für das er sich dispensieren lassen wolle, die gewünschten Leistungen erbringe – denn nur dann ist ein Dispens überhaupt möglich. Zudem sei es für die Lehrpersonen schwierig, den Überblick zu behalten: «Wer ist nun dispensiert und berechtigt abwesend und wer nicht?» Zumindest bis nach den Sommerferien soll der Bewilligungsstopp gelten, danach will man mit den Musikschulen zusammensitzen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Neben dem Organisatorischen stelle sich aber die grundsätzliche Frage nach den Prioritäten. «Ich bin der Meinung, die Schule sollte Vorrang haben», sagt Picciati. Das Vorgehen der Schulleiter richte sich nicht gegen die Musikschulen, er habe durchaus Verständnis für deren Anliegen. Das Problem sei die höhere Lektionenzahl, die der Lehrplan 21 mit sich bringe. «Diesen Konflikt müssen nun wir ausbaden», so Picciati.

Mit dem Bewilligungsstopp ist die Stadt Bern nicht alleine: In Thun mit über 3200 Schülern hat man dasselbe Problem, wie Jürg Röthlisberger, Leiter der Oberstufenschule Strättligen in Thun, sagt: «Aufgrund der hohen Anzahl an Anfragen bewilligen wir bis nach den Sommerferien keine Gesuche mehr», sagt er. Danach wolle man mit den Musikschulen zusammensitzen, um eine Lösung zu finden. Wie diese aussehen könnte, ist derzeit noch unklar.

Doch nicht alle Schulen machen negative Erfahrungen, gerade in den weniger grossen Schulgemeinden scheint das System zu funktionieren. So etwa in der Gemeinde Münsingen: «Die Anzahl der Gesuche hält sich in Grenzen», sagt Roger Kurt, Leiter der Bildungsabteilung. Von den rund 1400 Schülern seien etwa 25 Gesuche eingereicht worden. Laut Kurt hatte man in Münsingen bereits vor der Weisung des Kantons ein Projekt gestartet, das ebenfalls Dispensationen möglich gemacht hätte. In Muri klingt es ähnlich. «Wir haben nur 5 bis 10 Gesuche von unseren gut 1000 Schülern», sagt Rolf Rickenbach, geschäftsführender Schulleiter der Schule Muri. «Grundsätzlich bewilligen wir die Gesuche.» Verantwortlich dafür, dass die Kinder beim Schulstoff nicht ins Hintertreffen geraten, seien die Eltern. Die kleine Zahl an eingegangenen Gesuchen zeige aber, «dass die Eltern verantwortlich mit den Gesuchen umgehen».

Verständnis beim Kanton

Bei der ERZ weiss man nichts von der Überforderung einzelner Schulen, wie es heisst. Amtsvorsteher Erwin Sommer sagt aber, dass jede Dispensation sorgfältig geprüft werden müsse. Deshalb habe man Verständnis dafür, «dass die Beantwortung allenfalls etwas länger dauert». Die Schulen hätten aber noch etwas Zeit, die Probleme in den Griff zu bekommen: «Wir geben für die Umsetzung des Lehrplans 21 bis 2022 Zeit.» Das gelte auch für die Zusammenarbeit mit den Musikschulen. Anpassungen im Lehrplan seien keine geplant, schreibt Sommer.

Vonseiten der Musikschulen verteidigt man das Vorgehen mit den Hinweisbriefen: «Die Musikschulen sind grundsätzlich unter Druck; die Schüler hatten auch schon vor dem Lehrplan 21 immer weniger Zeit für den Musikunterricht», sagt Nicola von Greyerz, Präsidentin des Verbandes der bernischen Musikschulen. Verständnis hat sie aber auch für die Schulleiter. Von Greyerz glaubt, dass sich das Problem entspannen wird. «Es ist eine Reaktion aus dem Moment. Die Umsetzung des Lehrplans 21 läuft jetzt erst langsam an.» Klar sei: «Wir müssen in jeder Region und für jedes Kind eine individuelle Lösung finden.» (Der Bund)

Erstellt: 20.06.2018, 06:32 Uhr

Lehrplan 21

Mehr Unterricht – weniger Zeit

Nach den Sommerferien gilt im Kanton Bern der Lehrplan 21. Dieser bringt eine höhere Lektionenzahl für Schüler aller Stufen mit sich. Für die siebte Klasse heisst das etwa: 35 Lektionen pro Woche ist Schulunterricht. Das sind 26 Stunden, was einem Arbeitspensum von 60 Prozent eines erwachsenen Arbeitnehmers entspricht. Je nach Fächerkombination sind das zwei bis acht Lektionen pro Woche mehr als im bisherigen Lehrplan. Hinzu kommen Freifächer und die Zeit, welche Schüler für die Hausaufgaben benötigen. Mehr Präsenzzeit heisst: weniger Zeit für fakultative Schulfächer oder ausserschulische Aktivitäten – etwa für den Musikunterricht.
Die Musikschulen im Kanton Bern hatten deshalb im Vorfeld bei der kantonalen Erziehungsdirektion (ERZ) interveniert. Die ERZ hat daraufhin eine Lösung für Schüler geschaffen, welche wegen des Musikunterrichts auf eine hohe Zahl von Wochenstunden kommen: Sie können sich zugunsten der Musik von einzelnen Lektionen dispensieren lassen. Damit eine solche Dispensation möglich ist, muss ein Schüler im gewünschten Fach aber auch mit den reduzierten Unterrichtsstunden die Grundansprüche des Fachs erfüllen.
Die Regelung gilt nicht nur für den Musikunterricht. So wie es in den Bestimmungen des Kantons zum Lehrplan formuliert ist, kann sich auch dispensieren lassen, wer andere Aktivitäten des schuleigenen fakultativen Unterrichts besuchen will – also etwa Italienischunterricht oder Theater- und Töpferkurse. Auch wenn der Kanton diese Möglichkeit anbietet, haben Schüler jedoch keinen Anspruch darauf, dass ein Dispensationsgesuch auch bewilligt wird: Der Entscheid über die Gesuche liegt bei den Schulleitungen. (zec)

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