Auf dem Thorberg stehen die Zellen leer

Doch kein Platzmangel? Plätze für therapierbare Straftäter sind begehrt. In der Therapieabteilung der Berner Strafanstalt ist trotzdem jede fünfte Zelle verwaist.

In der Abteilung für Massnahmenvollzug auf dem Thorberg gibt es nebst den regelmässigen Psychotherapien auch Freizeitmöglichkeiten.

In der Abteilung für Massnahmenvollzug auf dem Thorberg gibt es nebst den regelmässigen Psychotherapien auch Freizeitmöglichkeiten.

(Bild: Valérie Chételat)

Basil Weingartner@bwg_bern

Viel zu klein sei die neue Therapieabteilung auf dem Thorberg, sagte der ehemalige Direktor Hans Zoss bei deren Eröffnung vor vier Jahren. Doch heute steht jede fünfte Zelle leer. Zurzeit sind nur 19 der 24 Plätze belegt, wie der stellvertretende Thorberg-Direktor Klaus Emch bestätigt: «Die Nachfrage nach Plätzen im geschlossenen Massnahmenvollzug ist derzeit schweizweit nicht gross.» Es seien ihm keine Justizvollzugsanstalten (JVA) bekannt, in denen es derzeit Engpässe gebe.

Die Aussagen sind bemerkenswert, da der landesweite Platzmangel im 2007 eingeführten Massnahmenvollzug (siehe Kasten unten) immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Noch im Mai sagte Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP) im «Bund»-Interview, es gebe «immer mehr» Insassen im stationären Massnahmenvollzug.

Warteliste im Kanton Zürich

In anderen Kantonen wird die Lage denn auch anders beurteilt. «In der Tendenz gibt es zu wenig Plätze im geschlossenen Massnahmenvollzug», sagt Pablo Loosli, der die Justizvollzugsanstalt Solothurn leitet. Fachliche Verbesserungen in der forensischen Psychiatrie würden künftig dazu führen, dass die einzelnen Massnahmen oft weniger lange dauerten als heute. Dies könnte die Nachfrage nach Plätzen dereinst abschwächen. Doch noch immer gebe es zu therapierende Häftlinge, die aufgrund fehlender Plätze in gewöhnlichen Gefängnissen untergebracht seien. «Dort gibt es in der Regel weder Therapie noch Beschäftigungsmöglichkeiten.»

Erhebungen zeigten, dass nach wie vor ein Platzmangel bestehe, sagt auch Joe Keel, Co-Sekretär des Ostschweizer Justizvollzugkonkordats. Es herrsche deshalb Konsens darüber, dass das Platzangebot weiter ausgebaut werden müsse, sagt er. Dies sowohl in Justizvollzugseinrichtungen wie auch in den psychiatrischen Kliniken. Gleichwohl seien es vor allem die Therapieplätze in geschlossenen Abteilungen, die «unverändert sehr gefragt» seien, so Keel. In der JVA Pöschwies im Kanton Zürich seien die 24 Plätze in der Therapieabteilung allesamt belegt. «Es gibt eine Warteliste.»

Berner Straftäter in Solothurn

Auch in der JVA Solothurn ist die Nachfrage offenbar vorhanden. Deshalb wurde die Kapazität im Bereich des geschlossenen Massnahmenvollzugs vor kurzem von 32 auf 60 Plätze ausgebaut. Da das Einquartieren neuer Insassen mit viel Aufwand verbunden ist, werden monatlich nur rund drei Neueintritte bewilligt. Aktuell seien 50 Plätze belegt, sagt Direktor Loosli. Dieser geht davon aus, dass bereits im kommenden Oktober Vollbelegung herrschen wird. «Die Nachfrage nach Therapieplätzen besteht. Auch der Kanton Bern weist uns oft Personen zu.»

Dass Berner Häftlinge trotz der aktuellen Unterbelegung auf dem Thorberg und trotz der entstehenden Mehrkosten im Kanton Solothurn einquartiert werden, erklärt Thomas Freytag, Leiter des bernischen Amts für Freiheitsentzug und Betreuung, mit den unterschiedlichen Therapiekonzepten sowie mit «konkordatlichen Vereinbarungen».

Sind Qualitätsmängel ursächlich?

Wenn Kantone entscheiden müssen, in welcher ausserkantonalen Strafanstalt sie ihre Straftäter unterbringen, spielen bei ihrem Entscheid auch das Preis-/Leitungsverhältnis und die Qualität der angebotenen Therapie eine Rolle. Ein Strafvollzugsexperte, der nicht genannt werden möchte, sagt gegenüber dem «Bund», dass sich das Angebot auf dem Thorberg qualitativ von anderen unterscheide. «Das weiss jeder Zuweiser.» Der Untersuchungsbericht, der nach den Turbulenzen auf dem Thorberg im vergangenen Jahr erstellt worden ist, habe die dort vorhandenen Mängel aufgezeigt – «zumindest Teile davon», fügt er an.

Freytag sagt, er glaube nicht, dass Mängel im Angebot des Thorbergs für die geringe Nachfrage verantwortlich seien. «Wir überprüfen unser Angebot regelmässig.» Wie Emch sieht auch Freytag die geringere Nachfrage als Hauptgrund für den Leerstand auf dem Thorberg.

Forensische Klinik fehlt

Dass auf dem Thorberg Zellen frei stehen, sei auch dadurch zu erklären, dass der Thorberg seit rund einem Jahr kaum mehr Eingewiesene aufnehme, die an ­einer Schizophrenie erkrankt sind, sagt der stellvertretende Direktor Emch weiter. In der Vergangenheit sei es mehrfach zu Problemen mit solchen Insassen gekommen. «Da die Therapieabteilung auf dem Thorberg keine psychiatrische Klinik ist, fehlt die Infrastruktur, um psychisch schwer kranke Personen zu behandeln», sagt Emch. 2011 hatte das anders getönt: Die neue Abteilung sei für «psychisch schwer gestörte Insassen» gebaut worden, sagte der damalige Direktor Hans Zoss.

Doch scheint die Situation auch heute so anders nicht zu sein: «Leider fehlt dem Kanton Bern derzeit noch eine foren­sische Klinik», sagt Chefärztin Dorothee Klecha vom Forensisch-Psychiatrischen Dienst der Universität Bern. Dieser betreut die Häftlinge in den Berner Straf­anstalten. «Dies führt dazu, dass immer wieder Personen mit schweren psychischen Störungsbildern im Strafvollzug untergebracht werden müssen.»

DerBund.ch/Newsnet

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