Zahl der Erwerbslosen im Kanton steigt stark an

Die «versteckte» Arbeitslosigkeit nimmt zu: Die Zahl der Erwerbslosen ohne Ausbildung ist auf über 10 Prozent gestiegen. Das Beco will nicht von einem Trend sprechen.

Wer lange bei der Regionalen Arbeitsvermittlung ist, wird ausgesteuert und «verschwindet» aus der Statistik.

Wer lange bei der Regionalen Arbeitsvermittlung ist, wird ausgesteuert und «verschwindet» aus der Statistik.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Am Anfang stand ein Unbehagen: Warum fällt es den Mitarbeitenden des Stadtberner Sozialamtes immer schwerer, erwerbslose Sozialhilfebezüger ohne Ausbildung in den regulären Arbeitsmarkt zu vermitteln? Die offizielle Arbeitslosenquote im Kanton Bern liegt doch bei vergleichsweise tiefen 2 bis 2,5 Prozent. Das städtische Sozialamt suchte eine Antwort auf diese Frage und gab beim Berner Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (Bass) eine Analyse über Arbeits- und Erwerbslosigkeit bei Tiefqualifizierten im Kanton Bern in Auftrag. Das Fazit der Studie ist ernüchternd: Arbeitslosen- und Erwerbsquote driften seit 2010 auseinander. Die Erwerbslosenquote der tief qualifizierten 15- bis 64-Jährigen ist von 6,9 Prozent in den Jahren 2007 bis 2009 auf 11,1 Prozent in der Periode 2010 bis 2012 angestiegen (siehe Grafik). Die offizielle Arbeitslosigkeit derselben Gruppe blieb dabei mit 3,2 bis 3,8 Prozent tief.

In Zürich sind die Zahlen konstant

Eine ähnlich dramatische Zunahme der Erwerbslosigkeit von Tiefqualifizierten gab es gemäss der Studie nur im Kanton Waadt. Im Kanton Zürich hingegen blieb die Erwerbslosenquote in den beiden Vergleichsperioden konstant bei 9,9 Prozent. Bei den Zahlen handelt es sich um Berechnungen aufgrund verschiedener Erhebungen wie zum Beispiel der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake). Die tatsächlichen Erwerbslosenquoten befinden sich jeweils innerhalb einer bestimmten Bandbreite der genannten Werte. Zudem ist die Zahl der Erwerbslosen ohnehin generell höher als die Zahl der Arbeitslosen, weil sich nicht alle bei der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) melden.

«10 bis 15 Prozent Arbeitslosigkeit»

Die Zahlen sind für Felix Wolffers, den Leiter des Stadtberner Sozialamts, aber trotzdem beunruhigend. «Die Erwerbslosenquote ist vor allem wegen der Zahl der Ausgesteuerten höher als die Arbeitslosenquote.» Diese Personen landeten häufig bei der Sozialhilfe und kämen oft nicht mehr los davon. «Bei einer realen Arbeitslosigkeit von 10 bis 15 Prozent ist eine Integration von Stellensuchenden mit Leistungseinschränkungen in den ersten Arbeitsmarkt oft nicht mehr realistisch», sagt Wolffers. Warum die Erwerbslosenzahlen just im Kanton Bern derart ansteigen, kann Wolffers nicht sagen. Dank der Studie sei es nun aber immerhin klar, dass dies nicht an der Arbeit der Sozialdienste liegen könne. «Wir fühlen uns bestärkt, bei den Integrationsbemühungen neue Wege zu gehen und zum Beispiel beim Teillohnprojekt nicht nachzulassen.» Das im Herbst 2013 lancierte Projekt soll es Sozialhilfebezügern mit Leistungseinschränkungen ermöglichen, im ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten. Die Firma bezahlt die effektive Leistung, den Rest des Lohnes bis zum Existenzminimum übernimmt die Sozialhilfe.

Rückgang der offenen Stellen

Die Bass-Studie nennt zwei mögliche Ursachen für den rapiden Anstieg der Erwerbslosenquote: einen überproportionalen Wegfall offener Stellen für Tiefqualifizierte und einen überdurchschnittlichen Anstieg der ausgesteuerten Personen ohne Ausbildung.

Indikator für einen Stellenschwund ist die Anzahl der beim RAV gemeldeten offenen Stellen. Diese lag 2013 rund 40 Prozent tiefer als 2007. Derselbe Rückgang im gleichen Zeitraum ist bei den gemeldeten offenen Stellen in Tieflohnbranchen wie der Landwirtschaft, dem Gastgewerbe oder dem Sicherheitsgewerbe zu verzeichnen. Zwischen 2007 und 2009 wiederum ist der Anteil Erwerbsloser ohne Ausbildung von 28 auf 34 Prozent aller Erwerbslosen angestiegen, um bis 2012 wieder abzusinken.

Fürs Beco «nichts Neues»

«Es ist nichts Neues, dass es vor allem tief qualifizierte Personen im Arbeitsmarkt schwer haben», hält das Beco in einer schriftlichen Stellungnahme fest. Neu geschaffene Stellen richteten sich in erster Linie an qualifizierte Personen. Einfache Erklärungen für die kantonalen Unterschiede und die Entwicklung der letzten Jahre gebe es nicht. Der Beobachtungszeitraum der Bass-Studie sei allerdings zu kurz, um zu beurteilen, ob es sich um einen längerfristigen Trend oder um einmalige Effekte handle, schreibt das Beco. «Wir werden die Aussagen der Studie vertieft analysieren», sagt André Gattlen, stellvertretender Vorsteher des kantonalen Sozialamtes. Denkbare mögliche Massnahmen seien etwa eine Neuausrichtung der spezifischen Angebote für die betroffene Zielgruppe. Das Beco seinerseits betont, dass es seine Leistungen ohnehin überprüfe. «Ob zusätzlicher Handlungsbedarf besteht, wird laufend geprüft.»

Der Bund

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