Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Martina Strähl schreibt die Geschichte des 26. Jungfrau-Marathons. Die 31-jährige Solothurnerin lässt der Konkurrenz – nur 27 Tage nach dem EM-Marathon – keine Chance.

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Die Frage ist schon lange nicht mehr, ob, sondern wann Martina Strähl das Ziel auf der Kleinen Scheidegg als Siegerin erreichen wird. Die Solothurnerin bewegte sich von Beginn an in der Spitzengruppe der Männer, nach fünf Kilometern aber musste sie abreissen lassen. Weil sie sich der Konkurrentinnen längst entledigt hatte, war Strähl von diesem Zeitpunkt an und für die restlichen 37 km auf sich gestellt.

«Das war mental extrem anspruchsvoll», wird sie später sagen. Und dann erscheint sie am Horizont. In 3:14.36 entscheidet Strähl den Jungfrau-Marathon zum zweiten Mal nach 2016 für sich; erst 15 Minuten später wird die Zweitklassierte Michelle Maier eintreffen. Strähl ist mit ihrer Leistung sichtlich zufrieden, und doch hält sie fest: «Hätte ich mit jemandem laufen können, wäre ich wohl noch zwei, drei Minuten schneller gewesen.» Das hätte Rekordzeit bedeutet, diese – aufgestellt im Vorjahr durch Maude Mathys – verpasst Strähl um eine Minute und 40 Sekunden.

Total anders gestaltet sich der Rennverlauf bei den Männern. Wobei sich das Geschehen folgendermassen zusammenfassen lässt: Birhanu Mekonnen lief durch Lauterbrunnen – und winkte dem Publikum als Führender zu. Birhanu Mekonnen lief durch Wengen – und winkte dem Publikum als Führender zu.

Doch als der Äthiopier auf der Kleinen Scheidegg erscheint, winkt er nicht mehr. Robbie ­Simpson und Andrew Davies haben Mekonnen nach Wengen überholt – ob sie ihm dabei zugewinkt haben, bleibt ihr Geheimnis. Für Simpson, der als einziger Läufer unter drei Stunden bleibt (2:56.31), ist es ebenfalls der zweite Sieg am Jungfrau-Marathon.

Derweil der Schotte seiner Favoritenrolle gerecht wurde, lässt sich der 4. Platz von François Lebœuf als Überraschung bezeichnen. Der Waadtländer ist in 3:05.38 der schnellste Schweizer. Es handelt sich bei seiner dritten Teilnahme am Jungfrau-Marathon um das beste Resultat. «Bis Lauterbrunnen konnte ich mit der zweiten Gruppe mitlaufen und dadurch Kräfte sparen», meint er, «das war entscheidend.»

4000 Athleten dürfen den Jungfrau-Marathon bestreiten. Die Startplätze sind extrem begehrt, sie waren im Februar innert vier Tagen und zwei Stunden vergeben. Die Schnelligkeit mag beim Run auf die Tickets ein Vorteil sein, im Lauf selbst ist sie es nur bedingt. Weil sich der Jungfrau-Marathon nicht mit einem klassischen Strassenmarathon vergleichen lässt, die Topografie den Wettkampf streng genommen in zwei Rennen unterteilt: eine 25 km lange relativ flache Strecke und ab Lauterbrunnen ein 17 km langer Berglauf.

Es gilt deshalb die Kräfte gut einzuteilen, sich auf der ersten Hälfte nicht zu sehr zu verausgaben, damit für den steilen Aufstieg auf die Kleine Scheidegg noch genug Saft im Tank ist. Sieger Simpson, ein versierter Bergläufer, hält fest: «In diesem Rennen kannst du nicht relaxen, es ist nie einfach.»

Umso eindrücklicher ist die Leistung Martina Strähls. Nur 27 Tage nach ihrem Einsatz an der EM über 42,195 km läuft sie am Jungfrau-Marathon scheinbar problemlos zum Sieg. Die Solothurnerin spricht von «der Krönung meiner Saison». Heuer stellte sie im Halbmarathon einen Landesrekord auf, gewann als erste Schweizerin seit 20 Jahren am Grand Prix von Bern und wurde im EM-Marathon Siebte – so erfolgreich war Strähl noch nie.

Allerdings kämpfte sie dazwischen immer wieder mit gesundheitlichen Problemen. Nicht zuletzt deshalb muss sie nun auf Geheiss von Coach Fritz Häni für sechs Wochen pausieren, damit der Körper regenerieren kann – das war die Bedingung für ihre Teilnahme am Jungfrau-Marathon.

Denn das nächste Ziel ist bereits definiert, und um dieses zu erreichen, ist ein problemloser Aufbau im Winter von­nöten: Nächstes Jahr will Strähl die Limite für den Olympia­marathon in Angriff nehmen, sehr wahrscheinlich versucht sie diese am London-Marathon Ende April zu unterbieten.

Resultate Männer overall: 1. Robbie Simpson (BGR) 2:56:31,0. 2. Andres Davies (GBR) 5:06,6 zurück. 3. Birham Mekonnen (ETH) 7:17,9. 4. François Leboeuf (Aigle) 9:07,4. 5. Sage Canaday (USA) 9:18,0. 6. Stephan Wenk (Uster) 14:20,5. 7. Patrick Wieser (Aadorf) 15:17,3. Bester Oberländer: 19. Philipp Feuz (Ringgenberg) 27:50,8.

Resultate Frauen overall: 1. Martina Strähl (Horriwil) 3:14:36,4. 2. Michelle Maier (D) 14:48,6 zurück. 3. Michaela Segalada (Winterthur) 18:35,3. 4. Simone Troxler (Chardonne) 19:19,6. 5. Theres Leboeuf (Aigle) 24:22,9. 6. Ivana Iozzia (ITA) 25:39,9. 7. Cornelia Roth (Thun) 38:08,1.

Die schnellsten Oberländer jeder Kategorie: M18: 6. Jan Zeller (Stechelberg) 4:58:14,3. M20: 14. Bernhard Zenger (Faulensee) 3:34:19,4. M35: 10. Philipp Feuz (Ringgenberg) 3:24:21,8. M40: 6. Helmut Perreten (Unterseen) 3:42:58,4. M45: 3. Christian Gruber (Interlaken) 3:39:15,3. M50: 2. Daniel Manser (Spiez) 3:37:56,5. M55: 3. Bernhard Fahner (Meiringen) 3:59:23,3. M60: 4. Erich Reuteler (Unterseen) 4:22:52,5. M65: 5. Ueli Steiner (Frutigen) 4:39:08,1. M70: 2. Hanspeter Kundert (Steffisburg) 5:22:04,7.

Die schnellsten Oberländerinnen jeder Kategorie: FU20: 1. Jana Keller (Unterseen) 5:24:27,8. F20: 13. Christa Kilchenmann (Steffisburg) 4:10:19,9. F35: 1. Cornelia Roth (Thun) 3:52:44,5. 3. Kathrin Knuchel (Thun) 3:54:45,2. F40: 3. Ursina Zesiger-Hollinger (Wilderswil) 4:04:31,2. F45: 4. Karin Jaun (Unterseen) 4:00:44,7. F50: 2. Cécile Lanz (Thun) 4:15:04,3. F55: 16. Susanna Beck (Uetendorf) 5:18:33,3. F60: 5. Edith Wenger (Matten b. I.) 5:30:39,5. F65 und F70: Keine Oberländerinnen am Start.

Ganze Rangliste: Jungfrau-Marathon.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 19:50 Uhr

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