Wo die Bomben schlummern

Im Munitionslager in Mitholz schweben verkeilte Felsbrocken über 3500 Tonnen Munition – ein unheimliches Bild. Die Dorfbewohner haben gelernt, mit dem Risiko zu leben.

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«Bitte Tor aufmachen, ich komme mit der nächsten Ladung», sagt der Fahrer ins Funkgerät. Das Tor öffnet sich, der blaue Bus fährt vorbei an etwas grimmig dreinschauenden Militärpolizisten. Es geht in den Berg hinein. Grelles Licht leuchtet im tunnelförmigen Gang, die letzten Meter werden zu Fuss zurückgelegt bis zu einer darin eingelassenen Tür. Weiter geht es vorerst nicht.

Die Ladung, das sind Journalisten und Vertreter lokaler Behörden, die gruppenweise in die Anlage geführt werden. Das Interesse ist gross: Erstmals seit der Katastrophe von 1947, als das Munitionslager in Mitholz im Kandertal explodierte, ist die Anlage für die Öffentlichkeit begehbar. Ein frischer Wind bläst durch den Stollen, die Felswände sind angenehm kühl und feucht. Spätestens wenn man durch die nun geöffnete Tür zur Decke hochblickt, breitet sich aber ein mulmiges Gefühl aus: Grosse und kleine Felsbrocken hängen dort scheinbar in der Luft. Die Detonation im Munitionslager vor 71 Jahren hat den Felsen nach aussen gedrückt, an der Decke hat sich ein Spalt aufgetan. Das Gestein hat sich beim Herunterfallen verkeilt.

Der Gruppenführer leuchtet mit der Taschenlampe weiter durch die Türe in den Felsenraum hinein. Hier ereignete sich aus bisher ungeklärten Gründen die massive Explosion. Schnell wird klar, wo die weit grössere Gefahr lauert: In etwa 20 Metern Distanz sind Granaten, Fliegerbomben und Minenwerfermunition zu sehen. Und das ist nur ein Bruchteil: Rund 3500 Tonen Munition befinden sich noch hier, in der Fluh von Mitholz. Was, wenn sich die Felsbrocken von der Decke lösen? Was, wenn das Munitionslager erneut detoniert?

VBS schafft Arbeitsgruppe

Diese Fragen stellen sich schon länger. Neue Analysen gehen aber davon aus, dass das Detonationsrisiko höher ist als bislang angenommen. Gänzlich unklar ist aber bislang, mit welchen Massnahmen das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) dem Risiko entgegenwirken will. Das VBS will daher eine Arbeitsgruppe ins Leben rufen, die verschiedene Massnahmen prüfen soll. Es gibt grundsätzlich drei Möglichkeiten: evakuieren, das Lager räumen oder die Gefahr mit Bauten eindämmen. Keine der Massnahmen lässt sich aber gefahrlos realisieren.

Ein Blick in das ehemalige Munitionslager Mitholz

Das sagt auch Peter Nussbaumer. Er ist Experte im Bereich Risikoanalyse im Umgang mit Munition und Sprengstoff beim Ingenieurbüro Bienz, Kummer & Partner, das auch die Gefährdungsanalyse erstellt hat. «Eine Beurteilung hat äusserst sorgfältig zu erfolgen, da die Arbeiten sehr heikel sind», sagt er zum «Bund». Eine Möglichkeit wäre, die Arbeiten mithilfe ferngesteuerter Räumungsroboter vorzunehmen, wie sie etwa in Kriegsgebieten oder Bergwerken zum Einsatz kommen. Auch in diesem Fall wäre äusserste Vorsicht geboten: Die Munition ist in schlechtem Zustand, es ist unklar, wo die Zünder liegen.

Lob für die Bundesbehörden

Im Dorf haben die Nachrichten für ein mittelgrosses Beben gesorgt. Trotzdem gehen die Bewohner pragmatisch damit um. «Die Explosion damals, das war eine Riesenkatastrophe, die das Dorf durchgerüttelt hat», sagt Roman Lanz. Er ist Gemeindepräsident von Kandergrund, der Gemeinde, zu der Mitholz gehört. «Trotzdem: Dieser Fels gehört zu unserer Geschichte.» Die Gemeinde habe schon verschiedene Katastrophen durchgemacht. «Der Sturm Lothar hat uns damals arg getroffen, Überschwemmungen haben Teile der Infrastruktur zerstört», sagt Lanz. «Wir haben gelernt, damit zu leben.»

Lanz hat die Hände voll zu tun. Er hilft mit, die Abläufe zu koordinieren und die Dorfbewohner zu informieren. Unermüdlich steht er den Medien Red und Antwort, lässt sich dabei durch nichts aus der Ruhe bringen. Seine Gelassenheit habe mit dem Vorgehen der Behörden zu tun. So kamen Bundesrat Guy Parmelin (SVP) und Regierungsratspräsident Christoph Neuhaus (SVP) am Donnerstag persönlich vorbei, um den Leuten aus dem Kandertal die Hiobsbotschaft zu überbringen. «Das war für uns sehr wichtig», sagt Lanz. «Man hat uns von oberster Stelle offen und transparent in Kenntnis gesetzt.» Auch die Dorfbewohner wüssten das zu schätzen.

Es dürfe aber nicht dabei bleiben. «Es muss nun möglichst rasch klar werden, wie man die Sache angeht», sagt er. Künftige Generationen sollten ohne Bedenken in Mitholz leben können. «Und es wird meine Aufgabe als Gemeindepräsident sein, dies hartnäckig einzufordern.»

«Jeder hat seine eigene Strategie»

Fast jedes Haus in Mitholz hat freie Sicht auf den Bomben-Felsen. Bei jenen, die die Katastrophe miterlebt haben, hat sich das Ereignis eingebrannt. Ein Brunnen im Dorfzentrum erinnert an die Todesopfer. Daneben steht ein Felsbrocken auf einem Sockel, an dem eine Infotafel angebracht ist: Die Detonation hat ihn zweienhalb Kilometer weit das Tal hinabgeschleudert. Auch er zeugt buchstäblich von der Wucht jener Ereignisse.

«Jeder hat seine eigene Strategie, damit umzugehen», sagt Kathrin Trachsel. Ihre Schwiegereltern seien damals «live dabeigewesen». «Sie mussten und müssen immer wieder darüber sprechen.» Andere möchten die Ereignisse lieber totschweigen, zu schlimm seien die Erinnerungen. «Nun haben viele ein komisches Gefühl. Aber Angst und Panik – das wäre fehl am Platz.» Er mache sich schon «Gedanken», sagt Beat Künzi, dessen Bauernhaus am Fusse des Felsen steht. «Manchmal lebt man besser, wenn man nicht zu viel weiss», sagt er. «Umgekehrt will man aber auch wissen, was da los ist.» (Der Bund)

Erstellt: 29.06.2018, 21:12 Uhr

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