Wirksamer Protest gegen Kürzung bei Tageseltern

Eine Mehrheit der Parteien im Kantonsparlament ist dagegen, dass die Tageseltern ab August 2017 ein Viertel weniger Lohn erhalten.

Der Lohn für Tageseltern ist schon heute sehr tief angesetzt: Rund 6 Franken gibt es pro Kind und Stunde.

Der Lohn für Tageseltern ist schon heute sehr tief angesetzt: Rund 6 Franken gibt es pro Kind und Stunde. Bild: Ennio Leanza (Keystone)

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Das Angebot der Tageseltern im Kanton Bern wird fleissig genutzt und ist schlecht bezahlt – und ab August 2017 soll der Lohn noch unattraktiver werden. Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion GEF von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) will den Betreuungsfaktor für Kinder ab vier Jahren von 1,0 auf 0,75 zurückfahren. Schlägt die Kürzung voll auf die Tageseltern durch, so erhalten sie in Zukunft bis zu einem Viertel weniger Lohn. Im Schnitt werden Tagesmütter und Tagesväter mit knapp 6 Franken pro Kind und Stunde bezahlt. Tageseltern rechnen anders als Kitas oder Tagesschulen die Stunden einzeln ab. Wenn eine Tagesmutter an vier Nachmittagen pro Woche zwei Kinder während jeweils fünf Stunden betreut, so erhält sie pro Monat 960 Franken, ab August wären es dann nur noch 720 Franken.

«Wenn die Umsetzung tatsächlich kommt, dann höre ich auf.» Diese Rückmeldung von enttäuschten Tageseltern erhält Sarah Schweizerhof momentan immer wieder an den Kursen, die sie leitet. Schweizerhof arbeitet bei Kibe Plus und vermittelt Tageseltern. Der Verein mit Sitz in Köniz bietet Plätze in Kitas und bei Tagesfamilien in Köniz und anderen Gemeinden an. Die Reduktion des Betreuungsfaktors warf hohe Wellen. Schneggs Direktion wurde mit mehreren Hundert Protestbriefen eingedeckt. Im Grossen Rat reichte Sarah Gabi Schönenberger (SP) eine dringliche Motion ein, die voraussichtlich nächsten Dienstag behandelt wird. Und es sieht ganz danach aus, als ob der Regierungsrat zum Rückzug blasen muss.

«Am falschen Ort gespart»

Unterstützung erhält das Anliegen nämlich nicht nur bei Links-Grün, sondern auch in der Mitte und in bürgerlichen Kreisen. «Da wird am falschen Ort gespart», sagt zum Beispiel EVP-Fraktionschefin Christine Schnegg. «Die Kürzung muss dringend rückgängig gemacht werden.» Auch die FDP unterstützt mehrheitlich die Motion: «Die Betreuungsform hat sich bewährt», sagt Hans Rudolf Vogt. Gerade auch für Kinder, die besondere Aufmerksamkeit benötigten. «Wir wollen nicht, dass das flexible Angebot gefährdet wird.» Gewisse Sympathien geniesst das Anliegen sogar in der SVP, denn gerade in ländlichen Gemeinden gibt es oft gar keine Tagesschulen oder nur solche mit einem beschränkten Angebot. Ein Teil der Fraktion werde die Motion unterstützen, sagt Fraktionschefin Madeleine Amstutz. «Als Postulat fände der Vorstoss sogar eine klare Mehrheit.»

Motionärin Sarah Gabi Schönenberger zeigt sich erfreut über die grosse Unterstützung. Sie selber habe viele Zuschriften erhalten, von Privatpersonen, Vereinen und Gemeinden. «Ganz viele Eltern wären mit einer schwierigen Situation konfrontiert.» Nicht nur ländliche Gemeinden seien betroffen. «Auch Städte wie Langenthal wären überfordert», sagt Gabi Schönenberger. Es sei «unsinnig», kurz vor der Umstellung auf das System mit Betreuungsgutscheinen den Schlüssel zu ändern. Der Systemwechsel soll auf 2019 erfolgen. «Die Kürzung um ein ganzes Viertel ist ein Affront.» Umso mehr, wenn man bedenke, dass der Stundenlohn schon äusserst tief angesetzt sei, «während Anforderungen für die Tageseltern in den letzten Jahren laufend erhöht wurden».

Für Verband ein «Schnellschuss»

Gemäss der Antwort auf den Vorstoss will der Regierungsrat mit der Reduktion auch das Angebot steuern. Gemeinden sollen das Tagesschulangebot ausbauen. «Obwohl die Betreuung von Schulkindern in subventionierten Tagesfamilien erlaubt ist, sollte sie aus kantonaler Sicht nicht den Regelfall darstellen», heisst es. Für die Betreuung von Kindergarten- und Schulkindern seien stattdessen in erster Linie Tagesschulen vorgesehen. Mit der Kürzung wollte der Regierungsrat rund eine Million Franken sparen. 2015 wurden gut 3500 Kinder im Kanton Bern von Tageseltern betreut.

Als blauäugig und unrealistisch wird die Haltung des Regierungsrats bezeichnet, dass sich der Minderverdienst für die Tageseltern kompensieren lasse: Entweder durch die Betreuung von mehr Kindern oder dadurch, dass die Vereine und Organisationen die Kürzungen auffangen und den Tageseltern weiterhin den gleichen Lohn zahlen würden. Es handle sich um einen «Schnellschuss», sagt Béatrice Ritschard, Präsidentin des Verbands Bernischer Tageselternvereine VBT. Die Kürzung bei den Tageseltern führe tendenziell zu einer Verschiebung hin zu Tagesschulen. Doch vielerorts, vor allem in ländlichen Gebieten, gebe es gar kein solches Angebot. «Warum lässt man die Vielfalt nicht bestehen?», fragt Ritschard. Der Verband stand zusammen mit den Vereinen auf die Hinterbeine – der Protest verhallte nicht ungehört: «Ich hoffe sehr, dass der Vorstoss durchkommt», sagt Yvonne Brahier, Geschäftsleiterin von Kibe Plus. «Dann hat sich unser Aufwand gelohnt.» (Der Bund)

Erstellt: 25.03.2017, 08:19 Uhr

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