«Wird das jetzt ein richtiges Buch?»

Es gab eine Zeit, da glaubte sie, schreibend könne man nur als Werbetexterin Geld verdienen. Für das Jugendbuch «2 ½ Gespenster» über erhält Regina Dürig einen Literaturpreis des Kantons Bern.

Literaturpreisträgerin: Regina Dürig.

Literaturpreisträgerin: Regina Dürig. Bild: Valérie Chételat

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Nein, so könne man keine Jugendbücher schreiben, wurde der Autorin vom Verlag beschieden. Es gehe gar nicht, dass am Ende der Geschichte einfach eine Figur verschwinde, ohne Erklärung für ihre radikale Verweigerungshaltung. Leo heisst der bindungslose Jüngling von wortkarger Steppenwolfartigkeit, der mit roten Cowboystiefeln plötzlich in das Leben der 16-jährigen Jonna tritt. Er gibt wenig von sich preis und strahlt eine faszinierende Rätselhaftigkeit aus. Bald quartiert er sich bei der Familie des Mädchens ein, hilft Jonnas Vater in dessen Druckerei und macht sich am Ende einfach aus dem Staub.

Regina Dürig sitzt vor dem Restaurant Commerce in der Bieler Altstadt und muss lächeln, als sie das erzählt. Ihr leicht ironischer Kommentar: «Es ist ja auf der Welt auch nicht so, dass Menschen plötzlich weg sind, sterben zum Beispiel.» Nach der Absage des Verlags, der im Übrigen ihr erstes, für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiertes Buch «Katertag» über einen 15-jährigen Jungen und seinen alkoholkranken Vater herausgebracht hat, legte sie das Manuskript vorerst in die Schublade. «Es war für mich klar, dass man nicht wissen wird, was mit Leo los ist», sagt Regina Dürig. Für manche sei dieses offene Ende nur schwer auszuhalten. Ob es denn vielleicht eine klärende Fortsetzung geben werde, wurde sie auch gefragt. Auch damit kann sie nicht dienen: «Es ist doch so, dass gewisse Dinge im Leben ungeklärt, unabgeschlossen bleiben. Diese Erfahrung kann Menschen zugemutet werden, Jugendliche eingeschlossen.» Während sie in «Katertag» viel weggelassen habe, achtete sie in «2 ½ Gespenster» darauf, dass der Leser mehr geführt wird und die Leerstellen kleiner sind. Schliesslich hat der renommierte Beltz-Verlag im vergangenen Jahr «2 ½ Gespenster» herausgebracht. Die einzige Bedingung: ein anderer Titel. Ursprünglich sollte das Buch «Eigentlich lieber nicht» heissen, angelehnt an die auch von Leo oft benutzten Worte aus Herman Melvilles Erzählung «Bartleby, der Schreiber», einem der grossen Verweigerer in der Weltliteratur. Regina Dürig erhielt für diese vielschichtige, gleichzeitig lakonisch und mit Empathie erzählte Beinahe-Liebesgeschichte, in der die Verweigerung des «Helden» auch formal konsequent abgebildet wird, den prestigeträchtigen Peter-Härtling-Preis – und jetzt einen kantonalen Literaturpreis. Angesprochen auf die sich häufenden Auszeichnungen, zuckt sie fast verlegen mit den Schultern und sagt: «Man macht einfach, was man machen muss.»

Für Mercedes schreiben

Mit Gespenstern beschäftigt sich Dürig auch in ihrer Dissertation, die sie an der Universität Plymouth schreibt. Diese Arbeit habe eigentlich nichts mit dem Buch zu tun, sagt sie. In ihrer Doktorarbeit denkt sie darüber nach, «wie wir über Liebe als abstraktes Konzept sprechen». Liebe sei bis zu einem gewissen Grad immer auch Gespensterliebe, «der andere ist da und gleichzeitig auch nicht da». Die Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel ist im Odenwald aufgewachsen, südlich von Frankfurt. Zu Hause sahen es die Eltern nicht so gerne, wenn gelesen oder gar eigene Geschichten geschrieben wurden, «komisch eigentlich, wenn die Eltern Akademiker sind». In Berlin studierte Regina Dürig später Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation – dies im Glauben, nur als Werbetexterin liesse sich schreibend Geld verdienen. In der Werbebranche – dieser «Klischeewelt», die ziemlich echt sei – ist sie dann auch gelandet und hat für grosse Agenturen gearbeitet. Eine befriedigende Arbeit? «Man drückt sich nicht selber aus, sondern schreibt für Joghurt und Mercedes», lautet ihre Antwort. In einer selbst referenziellen Welt habe sie sich da aufgehalten und kein eigenes Leben mehr geführt.

Und da erwachte der Wunsch, noch etwas anderes zu sehen, «zu gucken, ob man auch anders schreiben kann». So kam sie – «mit der allergrössten Naivität», wie sie sagt – nach Biel, wo sie auch nach Abschluss des Studiums geblieben ist und unter anderem als Senior Assistentin am Literaturinstitut unterrichtet. Jedes Semester bietet sie einen Kurs an, demnächst wird sie, inspiriert vom Festival Transform in Bern, in der Bieler Altstadt ihren Studentinnen und Studenten Mini-Residenzen vermitteln – Aufenthalte etwa beim Metzger oder beim Coiffeur. «Es ist unerlässlich, als Autor der Welt zu begegnen», sagt sie dazu. Wenn sie nicht in ihrem Atelier in Frinvillier ob Biel arbeitet oder Schreibwerkstätten an der Volkshochschule leitet, ist sie oft unterwegs, geht gerne weg, um den Dingen näherzukommen, eine eigene Wahrnehmung zu entwickeln, aus der sie schöpfen kann.

Wenig schlafen in Island

Gerade kürzlich war Regina Dürig in Kairo und hat eine Ahnung davon bekommen, «was Leben noch alles heissen kann, was es für eine Spannbreite, für Widerstände gibt». So gern sie in Biel lebt, so bewusst ist sie sich der Gefahr, «dass das Leben schnell eingeschliffen ist hier, wo alles so reibungslos läuft». Der Welt ist sie im vergangenen Jahr in Istanbul begegnet während eines Aufenthaltes zusammen mit Christian Müller; mit dem Interpreten experimenteller Musik bildet sie das Duo Butterland und realisiert Werke von skulpturalem Charakter, die «formal zwischen Liveperformance, Hörspiel und räumlicher Installation» angesiedelt sind. Kooperationen mit anderen Disziplinen betrachtet sie als «zentralen Teil meiner künstlerischen Praxis». Den Hochsommer wird sie mit Müller wie schon den Januar 2013 in Siglulfjördur an der Nordküste Islands verbringen und an einem Kinderroman arbeiten: «Ich hoffe, dass ich dort nicht schlafen muss, weil es ja kaum dunkel wird», sagt sie.

«Sich berühren lassen»

Also wieder ein Buch, das sich an Kinder und Jugendliche richtet? Regina Dürig erzählt, dass sie nach ihrem ersten Buch von vielen Leuten, auch solchen aus dem Literaturbetrieb gefragt worden sei, «ob ich wieder ein Jugendbuch schreibe oder ob das jetzt ein richtiges Buch wird». Diese Haltung hat sie ziemlich irritiert. Im deutschsprachigen Raum werde ein Buch mit Kindern oder Jugendlichen als Protagonisten meistens automatisch der Sparte Jugendbuch zugeschlagen. «Diese Trennung halte ich für sehr schade, und sie trägt auch dazu bei, dass die Bücherlandschaft entsprechend aussieht und alle auf Vampire setzen.» Und dann sagt sie etwas Erstaunliches: «Ich kann mir nicht vorstellen, für Erwachsene zu erzählen.»

Sie fühle sich legitimierter, wenn sie ein 13-bis 16-jähriges Publikum vor Augen habe, «da habe ich etwas zu sagen». Bei «Katertag» etwa flossen persönliche Erfahrungen ein. «Mir hätte das damals geholfen, wenn ich gewusst hätte, dass so ein Verhalten nicht in Ordnung ist. Aber es wurde nicht darüber gesprochen oder die ganze Sache als Kavaliersdelikt verharmlost.» Dass ihre beiden Jugendbücher durchaus auch ein erwachsenes Publikum finden, sieht sie nicht zuletzt bei Lesungen. Ob sie nun für Bilderbücher schreibt, konzentrierte Miniaturen verfasst über ihren Aufenthalt in Island oder im Zusammenspiel mit Musik den Text eher als eine Stimme versteht: Stets stehen für Regina Dürig die Sprache und das Erzählen im Vordergrund. «Man kann sich von allem berühren lassen», sagt sie mit Nachdruck, «und alles, was Grenzen setzt, ist jammerschade, weil es bedeutet, dass gewisse Möglichkeiten schon von vornherein ausgeschlossen werden.» (Der Bund)

Erstellt: 14.06.2016, 08:00 Uhr

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