«Wir müssen fünfzig neue Hausärzte ausbilden – jedes Jahr»

Nicolas Rodondi ist der neue Berner Professor für Hausarztmedizin. Um den Hausarztberuf attraktiver zu machen, brauche es mehr Geld, sagt er.

Nicolas Rodondi zeigt auf, wie der Hausarztberuf attraktiver werden soll.

Nicolas Rodondi zeigt auf, wie der Hausarztberuf attraktiver werden soll. Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Rodondi, das Institut für Hausarztmedizin der Universität Bern (Biham) befindet sich im Länggassquartier, im Parterre ist eine Tankstelle und das Universitätsspital weit weg. Ist der Standort sinnbildlich für die Position der Hausarztmedizin innerhalb der Universität?
Wir sind einzig aus Platzgründen hier. Aber Sie haben recht, wir sind hier etwas abseits. Doch es gibt Pläne, mit anderen medizinischen Instituten zusammenzuziehen.

Die Hausarztmedizin hat es nicht einfach. Ihr Vorgänger ist nach nur einem Jahr wieder gegangen. Ihr Zürcher Kollege monierte, dass man zwar für die Einrichtung von Instituten für Hausarztmedizin gekämpft habe, diese nun aber nicht genügend unterstütze.
Ich teile diese Meinung nicht vollständig. Ich finde es ein gutes Zeichen, dass es die Institute überhaupt gibt. Denn vor zehn Jahren war ihre Schaffung noch kein Thema. Auch die Politik hat einiges getan, um die Hausarztmedizin zu stärken.

Weshalb braucht es Ihre Forschung?
Weil dort geforscht werden muss, wo die medizinische Grundversorgung gemacht wird: in den Hausarztpraxen. Diese Forschung muss auf dasselbe Niveau gehoben werden, wie dasjenige der anderen medizinischen Disziplinen. Das ist auch wichtig, weil wir sonst nicht attraktiv sind für den Nachwuchs.

Ihr Vorgänger Peter Jüni sah sich vor allem als Forscher. Sie auch?
Ich interpretiere meinen Auftrag breiter. Bis vor drei Jahren wurde am Biham vornehmlich gelehrt. Unter meinem Vorgänger wurde die Forschung ausgebaut. Unter mir kommen nun die Nachwuchsförderung und die Vernetzung mit den Hausärzten hinzu.

Weshalb?
Ich arbeite eng mit der Politik und den Berner Ärzteverbänden zusammen, um das grosse Problem der Hausarztmedizin anzugehen, den Hausärztemangel. Dagegen müssen wir gemeinsam Massnahmen entwickeln und umsetzen.

Studien zeigen, dass der Hausärztemangel durch Pensionierungen in den nächsten Jahren massiv zunimmt. Wie gross ist das Problem?
Bereits in vier Jahren werden im Kanton 240 Vollzeit arbeitende Hausärzte fehlen. Bis 2030 wird sich das Problem weiter zuspitzen.

Wie wird es gelingen, diese Ärzte auszubilden?
Der Kanton hat gerade beschlossen, jährlich hundert zusätzliche Ärzte auszubilden. Das ist für unser Fachgebiet eine Chance.

Die Chancen sind aber auch gross, dass die Mehrheit dieser Mediziner dereinst Spezialisten werden.
Noch ist die Attraktivität der spezialisierten Disziplinen grösser, aber wir holen rasant auf.

Wie kann die Attraktivität des Hausarztberufs gesteigert werden?
Wir müssen auf allen Stufen aktiv werden. Wir müssen etwa in der Ausbildung präsenter sein, die Ausbildung flexibler gestalten. Viele Hausärzte wollen Teilzeit arbeiten. Zudem müssen wir die Zahl der Ausbildungsplätze in Hausarztpraxen erhöhen.

Wie gross ist der Effekt dieser sogenannten Praxisassistenzstellen?
Erhebungen im Kanton Bern zeigen, dass 80 Prozent der einstigen Assistenten heute als Hausarzt tätig sind – auch auf dem Land. Das derzeitige Programm mit 21 Plätzen reicht aber nicht aus. Denn man hat berechnet, dass wir jährlich 40 bis 50 neue Hausärzte brauchen, um den Mangel mittelfristig auszugleichen. Die finanzielle Absicherung des derzeitigen Ausbildungsprogramms läuft zudem 2017 aus und muss verlängert werden. Das kostet etwas. Diesbezüglich ist die kantonale Politik gefordert. Aber nicht nur.

Sondern?
Heute bekommt ein Spital vom Kanton die identischen Ausbildungsbeiträge, egal, ob es einen Spezialisten oder einen Hausarzt ausbildet. Der Kanton Waadt stellt die Hausarztausbildung bezüglich der Finanzierung besser – und macht damit sehr gute Erfahrungen. Es wäre dringend nötig, ein solches Anreizsystem auch in Bern zu schaffen.

Welche Folgen hätte ein Hausärztemangel?
Es wäre eine Katastrophe. Das zeigt das Beispiel der USA. Die Kosten sind dort in der Folge enorm gestiegen. Gross sind auch die Konsequenzen für die Patienten. So zeigen Studien, dass ein chronisch kranker Amerikaner, der an fünf Krankheiten leidet, pro Jahr durchschnittlich von 14 Ärzten betreut wird. In Ländern mit einer starken Hausarztmedizin sind die Kosten massiv tiefer, die Qualität gleichzeitig aber sehr gut.

Im Gesundheitswesen geht es um kranke Menschen, aber stets auch um Geld. Welche Rolle spielt der Lohn bei der Berufswahl von Ärzten?
Für potenzielle Hausärzte ist es wichtig, dass der Beruf attraktiv ist. Dazu gehört auch, dass der Beruf lohnmässig nicht benachteiligt wird. Derzeit streiten sich die Ärzte über die Ärztetarife. Die meisten Spezialisten finden zwar, dass die Hausärzte zu wenig verdienen. Nicht einverstanden sind die aber mit der Vorgabe des Bundes, dass diese Kosten bei ihnen selbst eingespart werden müssen. Deshalb fand man bisher keinen Konsens.

Sie waren bisher stets Spitalarzt. Welches sind Ihre persönlichen Verbindungen zu Hausarztmedizin?
Ich habe in der Poliklinik 11 Jahre lang an drei Vormittagen pro Woche als Hausarzt Patienten behandelt. Das war für mich wichtig. Auch mein Bruder ist Hausarzt.

Erstellt: 08.07.2016, 07:05 Uhr

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