«Wie wird ein Nobody zum Diktator?»

Der pensionierte Architekt Paul Bruppacher verfasste eine Chronik über Hitlers Leben. Derzeit könnten sich Ereignisse wiederholen, fürchtet er.

Paul Bruppacher hat jeden Tag in Hitlers Leben rekonstruiert.

Paul Bruppacher hat jeden Tag in Hitlers Leben rekonstruiert.

(Bild: Manu Friederich)

Als Paul Bruppacher das erste Mal bewusst über Adolf Hitler nachdachte, war er erst fünf Jahre alt. Die Stimme des deutschen «Führers» dröhnte aus dem Radio, erinnert er sich. «Was will er jetzt wieder Verrücktes machen?», fragte seine Mutter in die Runde. Bruppacher kann rückblickend nicht sagen, ob es diese rhetorische Frage seiner Mutter war, die sein gesamtes darauffolgendes Leben prägen sollte.

1937 wurde Bruppacher in der Gemeinde Zweisimmen geboren. Bis zu seinem achten Lebensjahr tobte rund um die Schweiz der Zweite Weltkrieg. Bruppacher erinnert sich an die vielen Soldaten, an die Sirenen, die losgingen, wenn die Bomber der Alliierten über Spiez flogen, wo er mit seiner Familie als Einjähriger hingezogen war. Er erinnert sich an Stunden in improvisierten Luftschutzkellern. Angst habe er damals aber nicht gehabt, sagt er. Die Soldaten hätten ihm ein Gefühl von Sicherheit gegeben. In dieser Zeit wurde in ihm die Faszination für die Zeit des Zweiten Weltkriegs geweckt, die den heute 79-Jährigen niemals mehr loslassen sollte. Die Kindheit in Spiez war auch sonst prägend: Der kleine Paul lernte damals jenes Mädchen kennen, das Jahre später seine Ehefrau werden sollte.

1500 Bücher in den Regalen

Nach dem Abschluss einer Bauzeichnerlehre kaufte er sich mit 19 Jahren das erste Buch zum Thema. Auf den Roman «Der Arzt von Stalingrad» des Bestsellerautors Heinz G. Konsalik folgten etliche weitere. Heute füllen rund 1500 Bücher die Regale in seinem Haus in Worb – über den Zweiten Weltkrieg, Adolf Hitler und das Dritte Reich. Bis ins Pensionsalter verschlang er systematisch die historische Literatur. Zu Beginn der 1980er-Jahre entwickelte er erstmals die Idee, eine Chronik über die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu schreiben. Verschiedene Fragen hätten ihn umgetrieben, sagt er heute. Etwa diese: Wie konnte ein solcher Nobody zum Diktator werden? Wie wäre die Weltgeschichte verlaufen, wenn die Akademie der bildenden Künste in Wien Hitler nicht zweimal abgewiesen hätte? Und wie konnte der Diktator so viele Menschen, auch Bildungsbürger, von seinem Rassenwahn überzeugen?

Also kaufte sich Bruppacher seinen ersten Computer und begann, die Literatur zu katalogisieren. Neben seiner Arbeit als Architekt für den Bund blieb jedoch wenig Zeit für sein ungewöhnliches Hobby. 1997 wurde Bruppacher pensioniert. Dies war der Startschuss für die kontinuierliche Arbeit an seinem Lebenswerk. Akribisch listete und ordnete er Daten und Fakten über Adolf Hitler und dessen Partei, die NSDAP. Er forschte nach Quellen, verglich sie, verifizierte sie und überarbeitete seine Ergebnisse wieder und wieder.

Das Ergebnis der jahrelangen Recherche und lebenslangen Forschung ist ein Doppelband mit dem Titel «Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP». Der ist ein Nachschlagewerk zu Hitlers Leben. Fast jeder Tag ist aufgeführt. Wenn man Bruppacher über Hitler reden hört, gewinnt man den Eindruck, er habe den Mann gekannt, der traurige Weltgeschichte schrieb und bei vielen noch heute eine Mischung aus Abscheu und Faszination erzeugt.

Hilfe von der Familie

Seine Frau Marianne und die drei Töchter hätten sich über sein besonderes Interesse für Hitler und das Dritte Reich nie gewundert, sagt Bruppacher. Seine älteste Tochter half ihm sogar bei der Überarbeitung der doppelbändigen Hitler-Chronik. 2008 erschienen seine Bücher beim Internet-Verlag Books on Demand, bei dem Bücher erst nach Bestellung gedruckt werden. Der Druck bei einem herkömmlichen Verlag hätte ihn einen fünfstelligen Frankenbetrag gekostet, erzählt er. Bis heute hat Bruppacher rund 600 Exemplare beider Chroniken verkauft.

«Wenn ich momentan Nachrichten lese und höre, denke ich oft, dass mehr Politiker meine Bücher lesen sollten», findet Bruppacher. Die politischen Entwicklungen in der Türkei, Syrien, den USA und vielen weiteren Ländern beunruhigen ihn. Im Hang zum Populismus und Nationalismus sieht er viele Parallelen zur NS-Zeit. Und etwas pessimistisch fügt er bei: «Ich habe das Gefühl, dass Politiker aus der Geschichte nur wenig lernen.»

Der Bund

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