«Wie sieht so ein geistiges Auge überhaupt aus?»

Die Ask-Force möchte nicht im Gefängnis landen und empfiehlt daher, sich nicht zu sehr in sich selber zu versenken.

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Es ist sehr schwer, auch wenn einem die Unparteilichkeit im Blut liegt (oder die Neutralität in der DNA), von einer bauchpinselnden Anrede wie der folgenden nicht bis ins Mark gerührt zu sein. «Sehr geehrter weiser Rat», schreibt nämlich Herr N. an die Ask-Force. Er habe neulich in einem Buch «von einer Szene gelesen, die der betreffenden Person vor einem geistigen Auge aus der Erinnerung aufgetaucht ist». Die Frage, die sich daraus ergibt, liegt auf der Hand: «Wie sieht so ein geistiges Auge überhaupt aus, und falls ich auch so ein Auge habe – aber leider mit Myopie –, kann man das korrigieren?»

In einem solchen Fall müssen wir nicht das Hirn, aber das eigene geistige Auge einschalten, damit wir uns das geistige Auge «der betreffenden Person» vorstellen können. Wären wir irgendein Hokuspokus-Gremium, würden wir nun postulieren, das geistige Auge sei nichts anderes als das dritte Auge, das man, wenn man sich nur genügend in sich selber versenke, öffnen könne. (Es beginnt, sagen die Eingeweihten, mit Lichtempfindlichkeit und einem dumpfen Druckgefühl auf der Stirn. Und es endet mit Erkenntnisgewinn; oder – nebenbei bemerkt – mit einer langjährigen Haftstrafe wie beim Berner Heiler.)

Einige sagen, das geistige Auge sei nicht rund, sondern dreieckig, andere behaupten, es sei ein Parallelogramm oder eine Ellipse. Doch die Form ist egal. Wir argumentieren anders: Das geistige Auge erscheint immer im Singular. Was unsere Vorstellungswelt anbelangt, sind wir also alle im besten Falle Zyklopen. Und ist es nicht so, Herr N. (oder sollen wir sagen, Herr Niemand?), dass Zyklopen Gefahr laufen, von listenreichen griechischen Helden geblendet zu werden? Wir wollen nicht, dass unsere Leserschaft Polyphems trauriges Schicksal am eigenen Geist miterleben muss, darum empfehlen wir, über die Beschaffenheit des geistigen Auges (hat es Wimpern, kann es weinen?), nicht zu angestrengt nachzudenken.

Wie aber ist es mit der Kurzsichtigkeit? Da es sich beim geistigen Auge, sofern es existiert, um ein inneres Auge handelt, muss es vor allem auf kurze Distanzen sehen können. Myopie oder Kurzsichtigkeit ist in dem Sinne erwünscht, denn sonst sähe man gar keine Synapsen und keine Blutplättchen. Ein Monokel erübrigt sich also. Nehmen Sie aber eine Taschenlampe mit, wenn es in Ihrem Innern dunkel ist.

Niemand hat die Absicht, Sie mit unseren Antworten zu blenden – askforce@derbund.ch

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