«Wichtig ist, dass die Kirche Stellung bezieht»

Andreas Zeller, Synodalratspräsident der Reformierten Landeskirche des Kantons Bern, sagt, die Kirche müsse lernen, all das Gute, das sie tue, besser zu verkaufen.

Andreas Zeller führt die reformierte Berner Landeskirche seit 2007.

Andreas Zeller führt die reformierte Berner Landeskirche seit 2007. Bild: Adrian Moser

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Herr Zeller, das Reformations­jubiläum ist zu mehr als der Hälfte vorbei. Wie haben Sie es erlebt?
Ich war an vielen tollen Veranstaltungen und bin sehr zufrieden. Allein auf unserem Gebiet gingen schon 250 Anlässe über die Bühne, rund 80 folgen noch.

Eine Kritik lautet, das Jubiläum sei etwas kopflastig.
Das sehe ich nicht so. Ein grosser Teil der Aktivitäten ist «von unten» gewachsen und von den Kirchgemeinden organisiert worden. Es wird gewandert, gesungen, geschaut, gehört und gegessen. Aber klar: Reformation hat mit dem Kopf zu tun. Eines ihrer Grundanliegen war es, dass die Menschen ohne die Vermittlung anderer einen direkten Zugang zu Gott haben. Das geht nur, wenn man selber denkt.

Am Sonntag veranstalten die ­reformierten Kirchen Bern-Jura-­Solothurn das Kirchenfest zur «­Vision Kirche 21». Wie sieht diese aus?
Es ist eine gemeinsame Vision. Sie basiert auf über 5000 Fragen von Kirchenmitgliedern und trägt den Titel «Von Gott bewegt. Den Menschen verpflichtet». Die Leitsätze stehen auf biblischer, reformierter und volkskirchlicher Grundlage. Sie sollen die Mitglieder, die Mitarbeitenden, die Behörden und die Kirchgemeinden stärker verbinden.

Wie gehen Sie damit um, dass ­immer mehr Menschen der Kirche den Rücken zuwenden?
Bei unseren Kontakten mit Menschen jeglicher Herkunft höre ich immer wieder, wie wichtig die Kirchen und ihre Angebote seien. Das sagen auch kirchenferne Menschen.

Und doch sprechen die Zahlen eine brutale Sprache. Wird die Kirche nicht bald ihre Relevanz verlieren?
Ausser in Bern sind die Reformierten in allen anderen Kantonen in der Minderheit. Zum Teil mit ganz kleinen Anteilen wie im Tessin, in Genf oder in der Zentralschweiz. Dennoch werden sie von Politik und Gesellschaft ernst genommen. Wichtig ist, dass die Kirche Stellung bezieht – noch mehr als heute – zu zentralen gesellschaftlichen Fragen.

Aber erreichen Sie mit den Jubiläums­anlässen und dem Fest Leute, die Sie sonst nicht erreichen?
Wir wollen uns als Kirche zeigen und sichtbar werden. Wir wollen zusammen feiern und essen. Wir wollen die Vision feierlich proklamieren. Für die Berner Kirche ist das ein völlig neuer Anlass und sowohl eine grosse Herausforderung wie auch eine Chance. Wir wissen, dass viele Kirchgemeinden Transporte organisieren. Aus der Bezirkssynode Solothurn kommt sogar eine Extrazug. Wir hoffen auf viele Besucherinnen und Besucher – Kirchenmitglieder und andere.

Wir haben sogar Pfarrerinnen und Pfarrer, die nicht getauft wurden und sich im Lauf ihres Lebens bewusst der Kirche zugewandt haben.Andreas Zeller

Erleben Sie es auch, dass Menschen sich wieder der Kirche zuwenden?
Ja, wir erhalten regelmässig solche Zuschriften. Wir haben auch Mitarbeitende, sogar Pfarrerinnen und Pfarrer, die nicht getauft wurden, unkirchlich aufgewachsen sind und sich im Laufe ihres Lebens bewusst der Kirche zugewandt haben.

Vor zehn Jahren ging ich noch jeden Tag mit Krawatte ins Büro, heute viel seltener.Andreas Zeller

Sie sind seit zehn Jahre an der Spitze der Berner Reformierten. Wie ­charakterisieren Sie diese Dekade?
Es war ein Jahrzehnt der Veränderungen, für die Gesellschaft und für das ­Individuum. Man denke nur an die neuen elektronischen Medien. Vor zehn Jahren ging ich noch jeden Tag mit Krawatte ins Büro, heute viel seltener.

Was hat Sie am meisten überrascht?
Der rasche Wandel im Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Aber auch, wie es uns als Landeskirche gelungen ist, mit der Veränderung umzugehen und uns auf die neue Situation einzustellen.

Wie hat sich die Kirche in dieser Zeit verändert?
Sie ist aktiver, selbstbewusster und wacher geworden. Früher galt, was der Evangelist Matthäus schrieb: «Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut.» Die uns anerzogene reformierte Bescheidenheit müssen wir ablegen und lernen, uns besser zu verkaufen.

Die letzten Jahre waren geprägt durch die Neuverhandlung des Verhältnisses von Kirche und Staat. Am Mittwoch kommt das neue Kirchengesetz in den Grossen Rat. Sind Sie zufrieden damit, wie dieser ganze Prozess für die Kirchen gelaufen ist?
Im Grossen und Ganzen ja – alle Beteiligten mussten Kompromisse eingehen.

Heute trägt nicht mehr das Amt die Pfarrperson, sondern umgekehrt die Person das Amt.Andreas Zeller

Letztlich ist der Staat zu seinen Landeskirchen auf Distanz gegangen.
Ja, aber bei vielen Gesprächen gerade mit Politikerinnen und Politikern staune ich immer wieder, wie wohlwollend sie den Kirchen gegenüberstehen. Wenn wir mit diesem Vertrauensvorschuss gut umgehen und zeigen, was wir tun, werden wir als Landeskirche sogar aufgewertet. Einfach deshalb, weil wir unabhängiger sind.

Ein grosser Teil der Pfarrerschaft war zumindest am Anfang kritisch dazu eingestellt, dass Pfarrpersonen ab 2020 bei den Kirchen und nicht mehr beim Kanton angestellt sein werden. Wird der Beruf dadurch und auch aufgrund des gesellschaftlichen Wandels an Attraktivität einbüssen?
Wieso? Sicher besteht weniger Distanz zur Bevölkerung als früher zur Zeit der «Pfarrherren». Heute trägt nicht mehr das Amt die Pfarrperson, sondern umgekehrt die Person das Amt. Wenn ich heute junger Pfarrer wäre, würde ich es gleich machen wie vor 36 Jahren. Zuerst ein Alleinpfarramt auf dem Land, um sich richtig in den Beruf einleben zu können. Dann in ein Team in einer grösseren Gemeinde wechseln. Bei meinen Besuchen in den Kirchgemeinden stelle ich fest, wie viel Sympathie, Respekt und Vertrauen den Pfarrerinnen und Pfarrern auch heute entgegengebracht wird.

Auch die Landeskirchen haben in den letzten Jahren die Sparprogramme des Kantons mittragen müssen. So mussten sie doch einige Stellen abbauen. Wäre es da nicht an der Zeit, Kirchgemeinden zu fusionieren, so wie jüngst im Saanenland?
Fusionen wird es vermehrt geben, aber sie müssen, wie bei den politischen Gemeinden auch, von unten kommen. Lauenen ist bei der Fusion von Gstaad-Saanen und Gsteig übrigens nicht dabei, sondern bleibt eine eigene Kirchgemeinde.

Wie erleben Sie diese Zeit des Umbruchs? Einmal sagten Sie, die Landeskirche habe unzählige Gesetze und Verordnungen anzupassen. Blieb Ihnen da überhaupt noch Zeit für anderes?
Ja. Wenn ich meine Aufgabe erfüllen will, ist es für mich unabdingbar, Zeit für Spiritualität und die Pflege des Glaubenslebens zu haben. Sonst werden Management und Kirchenpolitik unerträglich. Ich habe unzählige Besuche in Kirchgemeinden und Bezirken gemacht, predige regelmässig, bin bei Festen und Jubiläen mit Grussworten dabei und halte Vorträge.

Ist das nicht sehr belastend?
Nein, im Gegenteil, es ist bereichernd. Vor einigen Jahren war ich an einem Adventssonntag in Pruntrut an einer pompösen Kircheneinweihung samt Umzug durch die Stadt. Am gleichen Abend hielt ich Gottesdienst in der schlichten, von Kerzen erleuchteten Kirche Walkringen im Emmental. Danach wurde der Gemeinde am offenen Feuer Glühwein und Speckzüpfe angeboten. Ich kam müde, aber glücklich über diese Vielfalt in unserer Kirche, nach Hause.

Bis Sie Ihr Pensionsalter erreichen, dauert es noch drei Jahre. Welche Ziele haben Sie sich dafür gesetzt?
Das Landeskirchengesetz muss gut umgesetzt werden. Wir wollen als Landeskirche ein fairer und seriöser Arbeitgeber für die Pfarrschaft sein. Auch die Umsetzung der Vision Kirche 21 ist mir sehr wichtig. Zudem möchte ich bis zuletzt jeden Tag gerne ins Büro gehen so wie bisher, auch wenn schwierigste Geschäfte anstehen.

Sind Sie zuversichtlicher oder ­pessimistischer geworden, was die Zukunft der Kirche betrifft?
Zuversichtlicher. Jeden Monat lese ich alle 151 Gemeindebeilagen der Zeitschrift «reformiert.» und auch die übrigen über 50 Kirchgemeindeblätter. Dabei bin ich regelmässig fasziniert, was ­alles geschieht, wie viele Leute sich engagieren – gerade auch junge, welche die Kirche positiv erleben.

Wie würden Sie versuchen, jemanden davon zu überzeugen, sich wieder mit der Kirche zu befassen?
Ich würde ihm sagen, wenn du dich mit ihren Themen auseinandersetzt – ich denke dabei an religiöse, philosophische und soziale Themen –, dann hast du Stoff bis ans Ende deiner Tage. (Der Bund)

Erstellt: 05.09.2017, 06:53 Uhr

Kirchenfest in Bern

Am nächsten Sonntag findet in Bern das Kirchenfest Doppelpunkt 21 statt. Die «Vision Kirche 21» ging hervor aus über 5000 Fragen von Kirchenmitgliedern. Auf dem Programm stehen acht Gottesdienste mit unterschiedlicher theologischer Ausrichtung in Kirchen und auf dem Bundesplatz (10.30 Uhr). Ab 11.45 Uhr wird auf dem Waisenhausplatz Risotto aufgetischt. Um 14 Uhr beginnt das feierliche Programm auf dem Bundesplatz. Infos: kirche21.refbejuso.ch

Am Mittwoch berät der Grosse Rat das Gesetz über die bernischen Landeskirchen. Zentraler Punkt: Die Pfarrer sind künftig nicht mehr beim Kanton angestellt. (db)

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