Wenn Ländler hipp wird

Das Schwyzerörgeli ist Kristina Brunners Instrument. Die junge Thunerin spürt ein neu erwachtes Interesse an den eigenen Wurzeln.

Kristina Brunner unterrichtet an der Musikschule im Schloss Belp Schwyzerörgeli.

Kristina Brunner unterrichtet an der Musikschule im Schloss Belp Schwyzerörgeli. Bild: Franziska Rothenbühler

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Wenn Kristina Brunner auf ihrem Schwyzerörgeli eigene Stücke spielt, klingt es sehnsüchtig und melodiös, ein wenig wie argentinischer Tango. Und doch spielt die junge Thunerin eigentlich einen Ländler. «Jedes meiner Stücke ist an die Volksmusik angelehnt», sagt sie. Die Form der Stücke komme aus der Schweizer Tradition. Die Harmonien erweitert Brunner aber um jazzige Elemente. Oder sie spielt eine bestehende Melodie in Moll statt in Dur. Denn ausser in der Appenzeller Volksmusik sind Ländlerstücke fast alle im lüpfigen Dur gehalten. Und schon ein Wechsel der Tonart lässt ein volkstümliches Stück auf dem Schwyzerörgeli exotisch klingen.

Kristina Brunner gehört zu einer jungen Generation von Volksmusikern und Volksmusikerinnen, die mit der Tradition spielerisch umgehen und sie auf eigene Art weiterentwickeln. «Die Volksmusik sollte sich immer wieder erneuern, damit sie lebendig bleibt», sagt Brunner. Die Zeit habe sich verändert, das moderne Leben sei anders als früher. Die Wurzeln gingen dabei aber nicht verloren. Denn die Volksmusik sei immer stark mit den Personen verbunden, die sie spielten. «Diese Musik ist etwas sehr Persönliches.»

Wie eine Jam-Session

Sie selbst improvisiert viel, spielt nach dem Gehör und macht ihre Musik intuitiv, wie sie sagt. Die Noten eines neuen Stücks schreibe sie erst später auf. Das entspricht dem Charakter der Volksmusik. Lange wurde diese nur mündlich tradiert. Musikanten trafen sich etwa zu einer Stubete – im Jazz würde man von einer Jam-Session sprechen – und brachten sich gegenseitig neue Melodien bei oder ergänzten sie mit zusätzlichen Stimmen.

Kiristina Brunner ist gewissermassen in die Volksmusik hineingeboren worden. Ihr Vater spielte Schwyzerörgeli und probte mit seiner Kapelle oft daheim. Von ihm lernten Kristina Brunner und ihre Schwester Evelyn die ersten Melodien. Die beiden Schwestern spielen heute noch zusammen. Beide haben an der Hochschule Luzern Musik studiert, weil sie dort nebst der Klassik auch den Schwerpunkt Volksmusik wählen konnten. Beide spielen nebst dem Örgeli ein Streichinstrument: Kristina spielt Cello und ihre Schwester Kontrabass.

«Ich bin eine Suchende», sagt Kristina Brunner von sich. Die 25-Jährige tauscht sich oft mit Studienkollegen aus und spielt mit diesen in verschiedenen Formationen auf Kleinkunstbühnen wie auch an traditionellen Anlässen in der Beiz.

Eine alternative Volksmusikszene gibt es zwar schon seit den 1970er-Jahren. Brunner ist aber mit dem traditionellen Ländler aufgewachsen. «Ich höre und spiele ihn nach wie vor sehr gerne», sagt sie. In den letzten 20 Jahren ist aus der traditionellen zudem die sogenannt neue Volksmusik hervorgegangen. Ihre Vertreter und Vertreterinnen schätzen das alte Liedgut, gehen aber frei damit um und ergänzen es mit neuen Einflüssen und eigenen Ideen.

Gleichklang im Radio

Diese neue Strömung hat der Volksmusik auch ein neues Publikum gebracht. Und sie hat die Musik wieder lebendiger werden lassen. Vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren war der Ländler stark kommerzialisiert worden. Radio und Fernsehen verbreiteten ihn. Aber dadurch wurde er auch standardisiert. «Davor war die Volksmusik viel bunter gewesen», sagt Brunner. Die Radiokapellen hätten immer die gleichen Instrumente gespielt, und Tänze wie zum Beispiel Galopp, Kreuzpolka oder Monferine seien nur noch selten zu hören gewesen. «So tönten im Radio alle Ländler ein bisschen ähnlich.»

Kritiker bemängelten, dass der Volksmusik das Urtümliche abhanden gekommen sei. Denn ursprünglich waren die Instrumente in den Kapellen bunt zusammengewürfelt. «Die Musikanten verwendeten alles, was sie hatten», sagt Brunner. Also auch verschiedene Blas-, Rhythmus- und Streichinstrumente. Später habe das Schwyzerörgeli viele andere Instrumente verdrängt. «Vermutlich weil es billiger war, nur einen Örgelispieler anzuheuern statt eine ganze Kapelle», sagt Brunner. Mit der Bass- und Melodieseite eines Örgeli kann ein Spieler allein ziemlich viel Klang erzeugen. Zudem konnte ein guter Handwerker sein Instrument selber bauen. Das dürfte die rasche Verbreitung zusätzlich gefördert haben.

Frei von Politik

Und wie geht die junge Musikerin damit um, dass die Volksmusik oft mit der Politik der SVP in Verbindung gebracht wird? «Das habe ich nie so erlebt», sagt sie. In ihrer Familie sei Musik nie mit Politik verknüpft gewesen. «Wir haben zusammen Musik gehört und gespielt.» Das sei sehr schön gewesen. Als Kind hätten sie und ihre Schwester zweimal in der Woche mit dem Vater zusammen ein neues Stück gelernt, um es der Mutter vorzuspielen. Und wenn der Vater auswärts spielte, durften die Kinder mit.

Die Volksmusik habe sich von der Politik und den damit verbundenen Klischees gelöst, ist Brunner überzeugt. Dadurch, dass sie sich für andere Musikstile geöffnet habe, sei das Publikum auch offener für die Musik geworden. «Ich glaube, es ist eine Wechselwirkung zwischen der Musik und dem Publikum.» Aber das Publikum sei auch breiter geworden. «Die Schweizer haben wieder mehr Interesse an der Musik ihres Landes.» Kristina Brunner vermutet, dass die kulturelle Vielfalt in der Schweiz dazu beigetragen habe, dass sich Schweizer und Schweizerinnen wieder vermehrt mit ihren musikalischen Wurzeln auseinandersetzten. (Der Bund)

Erstellt: 08.08.2018, 06:44 Uhr

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Kristina Brunner unterrichtet an der Musikschule Region Gürbetal Schwyzerörgli. Nachwuchsprobleme habe das Instrument nicht, sagt sie. Viele Kinder wollten es heute lernen. Auch das zeigt, dass sich das Image der Volksmusik geändert hat. Die Musikschule Region Gürbetal hat sich anlässlich ihres 40. Geburtstags mit einem Volksmusikstück aus der Region intensiv auseinandergesetzt. Der Walzer «Der Uetendörfler» ist Grundlage und roter Faden des Musiktheaters «Tontraum». Im Rahmen des Theaters wird das Stück aus der Volksmusiksammlung von Hanny Christen von verschiedenen Instrumenten in unterschiedlichen Musikstilen gespielt. Die Premiere findet am 11. August in Belp statt. (www.ms-guerbetal.ch )

Mit dem 40. Geburtstag ist die Musikschule nicht allein. Auch die Musikschulen Lyss und das Jugendorchester Köniz sind 1978 gegründet worden. Lyss hat dies bereits im Mai gefeiert. Das Jugendorchester führt sein Jubiläumskonzert am 22. August auf. Die Musikschule Burgdorf feiert in diesem Jahr ihr 50-Jahr-Jubiläum, und das Konservatorium Bern wird 160 Jahre alt. Die meisten der 29 Musikschulen im Kanton Bern wurden in den 1970er-Jahren gegründet. (nj)

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