Wenn der Vater ein Alki ist

Eine Alkoholsucht zieht die ganze Familie in Mitleidenschaft. Sie hat auch auf erwachsene Angehörige starke Auswirkungen.

Sucht ist mit Scham behaftet. Natalie Müller möchte anonym bleiben.

Sucht ist mit Scham behaftet. Natalie Müller möchte anonym bleiben. Bild: Adrian Moser

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Wenn Natalie Müllers Vater zu viel getrunken hat, wird er verletzend. Dass dieser Wesenszug des Vaters mit dem Bier, das er trinkt, zusammenhängt, wusste Müller lange nicht. «Ich kannte den Vater nur so», erzählt Müller, die in Wahrheit anders heisst.

Wenn er daheim gewesen sei, sei die Bierflasche nicht weit weg gewesen. «Das Bier war normal.» Zudem war der Vater meist ein fröhlicher lebenslustiger Kerl. Bloss konnte sich seine gute Laune unvermittelt ins Gegenteil kehren.

Erst als sich die Eltern scheiden liessen, wurde Müller bewusst, dass mit dem Alkoholkonsum des Vaters etwas nicht stimmte. Damals war sie bereits ein Teenager. Bis zu 100'000 Kinder wachsen in der Schweiz in alkoholbelasteten Familien auf.

Fachleute rechnen damit, dass rund eine halbe Million Menschen Angehörige einer alkoholsüchtigen Person sind. Partner und Kinder sind dem willkürlichen Verhalten von süchtigen Menschen besonders ausgesetzt, wie Sarah Mollet von der Stiftung Berner Gesundheit erklärt. Für die Kinder sei es dabei oft schwer, die Erlebnisse richtig einzuordnen.

Kinder fühlen sich schuldig

Natalie Müller merkte schon als kleines Kind, dass es ihrem Vater nicht immer gut ging. Sie wollte ihn umsorgen und es ihm recht machen. Darum versuchte sie, ein braves Kind zu sein. Doch das war schwierig. Denn wenn dem Vater etwas nicht passte, war er aufbrausend. Ihr blieb aber verborgen, wann und warum der Vater unzufrieden war.

Dies sei typisch für Kinder in alkoholbelasteten Familien, sagt Fachfrau Mollet. «Die Kinder übernehmen Verantwortung für ihre Eltern.» Manche Kinder machten gar den Haushalt, wenn etwa die Mutter trinke. Sie fühlten sich oft schuldig, wenn es den Eltern schlecht gehe.

Für die Kinder sei es dann besonders schwierig, wenn die Sucht auch innerhalb der Familie ein Tabu sei, erklärt Mollet. Denn auch Partner und Partnerinnen von Alkoholsüchtigen versuchten oft, den Süchtigen zu schützen, indem sie sein Geheimnis wahrten.

Das funktioniert laut Mollet so: Eine Frau meldet ihren Mann mit einer Ausrede bei der Arbeit ab. Ein Mann übernimmt immer mehr Aufgaben in der Familie, wenn die Mutter trinkt.

Kindheit wirkt lange nach

Tendenziell sind Männer öfter von einer Alkoholabhängigkeit betroffen als Frauen. Frauen greifen eher zu anderen Substanzen, wie etwa Tabletten. Wenn Frauen trinken, bleibt es oft lange unbemerkt. «Frauen trinken eher im Geheimen, Männer gehen in die Beiz.»

Erst als Erwachsene erkannte Natalie Müller, welchen Einfluss die Sucht ihres Vaters auf sie selbst hatte. Wieder einmal hatte sie Streit mit ihm. Es war ein Streit zu viel. «Alles kam wieder hoch.» Sie beschloss, etwas zu unternehmen und befragte das Internet.

Dabei stiess sie auf das Beratungsangebot der Stiftung Berner Gesundheit und nahm es in Anspruch. «Es ist das Beste, was ich gemacht habe», sagt sie.

Viele Kinder aus alkoholbelasteten Familien tragen als Erwachsene noch belastende Gefühle aus der Kindheit mit sich herum. Laut Mollet haben sie oft ein schlechtes Selbstwertgefühl, sind unsicher und können ihre Bedürfnisse schlecht kommunizieren. Dabei falle es Söhnen meistens etwas leichter, sich abzugrenzen als Töchtern.

Grösseres Suchtrisiko

Oft haben betroffene Kinder später Mühe, tragende Beziehungen einzugehen, oder sie wählen gar einen Partner mit Suchtproblemen. In extremen Fällen gelingt es ihnen nicht, sich von den Eltern abzulösen.

Manchmal müssen sie auch als Erwachsene so viel Verantwortung für die suchtkranken Eltern übernehmen, dass dadurch die eigene neue Familie beeinträchtigt wird.

Ausserdem haben Kinder aus alkoholbelasteten Familien ein höheres Risiko, selbst an einer Sucht oder einer anderen psychischen Krankheit zu erkranken. Rund ein Drittel entwickelt sich aber völlig gesund.

Eigenes Verhalten verändert

Natalie Müller lässt sich seit eineinhalb Jahren beraten. Sie hat gelernt, wie ihr eigenes Verhalten das des Vaters beeinflusst. «Ich habe ihm Angriffsfläche geboten, um mich zu verletzen.» Die Beziehung zum Vater habe sich sehr verbessert. «Er hat mehr Respekt vor mir und ist nicht mehr so herablassend», sagt sie.

Und nicht nur dies: Auch der Freundeskreis habe sich positiv verändert, sagt Müller. Früher habe sie Kollegen gehabt, die wie ihr Vater gerne eins über den Durst tranken. Auch sie verletzten die junge Frau oft. «Ich habe solche Leute richtiggehend angezogen», sagt sie.

Heute könne sie sich aber auch in ihrem Umfeld besser abgrenzen und durchsetzen. «Ich weiss nun, was ich möchte und kann das auch sagen.» (Der Bund)

Erstellt: 16.05.2016, 23:14 Uhr

Beratung

Auch für Angehörige

Die Stiftung Berner Gesundheit wie auch das Blaue Kreuz führen Fachstellen, die sowohl Suchtbetroffene wie auch ihre Angehörigen beraten. Ratsuchende können ihre Fragen rund um Suchtprobleme telefonisch oder per E-Mail stellen. Sie können die Fachstelle zu regelmässigen Beratungs- und Therapiegesprächen aufsuchen. Sämtliche Angebote sind gratis. Die Berater und Beraterinnen unterstehen der Schweigepflicht.

Auf zahlreichen Websites finden sich weitere Informationen rund um die Alkoholsucht.

www.bernergesundheit.ch
www.blaueskreuz.ch
www.elternundsucht.ch
www.mamatrinkt.ch, www.papatrinkt.ch
www.suchtschweiz.ch

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