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Wenn der Romand in Bern «grüessech» sagt

Der Kanton Bern soll seine Brückenfunktion stärken, verlangt eine neuveröffentlichte Studie zur Zweisprachigkeit – dabei gibt es bereits jetzt zahlreiche Angebote.

Interner Wechsel von Lausanne nach Bern: Cler-Bankmitarbeiter Tobias Cannistrà.
Interner Wechsel von Lausanne nach Bern: Cler-Bankmitarbeiter Tobias Cannistrà.
Franziska Rothenbühler

Tobias Cannistrà bedient die Kunden am Schalter der Bank Cler (vormals Bank Coop) – auf Deutsch. Der Romand hat die Banklehre in einer Cler-Filiale in Lausanne absolviert und die Chance wahrgenommen, sich für maximal ein Jahr umplatzieren zu lassen. Inzwischen geht ihm ein «Grüessech» flott über die Lippen. Wenn Cannistrà ein Wort fehlt, holt mancher Kunde sein Französisch hervor. Es sei einfacher, den Standort in einem Unternehmen zu wechseln, das man kenne, anstatt zu einer anderen Bank zu wechseln, sagt Cannistràs Chef, Regionsleiter Peter Hofer. Es komme bei der Bank Cler auch vor, dass sich ein Tessiner ins Beratungszentrum bei Basel versetzen lasse, wo er zwar vorwiegend italienischsprachige Kunden am Telefon berate, aber von Deutschschweizern umgeben sei.

Wechsel in Berner Jura

Die Berner Kantonalbank ermöglicht ihren Mitarbeitenden ebenfalls einen Tapetenwechsel. Jedes Jahr haben Lehrabgänger die Möglichkeit, vom Berner Jura in den alten Kantonsteil zu wechseln – und umgekehrt. «Es ist eine Win-win-Situation», sagt Martin Grossmann, Leiter des BEKB-Generalsekretariats. Meist seien die je zwei Stellen rasch besetzt. Die Bank sei sensibel gegenüber der Zweisprachigkeit, fügt er bei. Interne Drucksachen und Werbung würden von einem Team getextet, das in beiden Sprachen heimisch sei.

Nicht überall wird das so gemacht: So lassen grosse Unternehmen ihre Werbekampagnen von Werbeagenturen gestalten – oft mit dem Resultat, dass sich die Welschen über holperige oder schiefe Slogans schieflachen.

Junge Menschen sind häufig offener für Sprachexperimente. Deshalb sind die Schulen gefordert, solche Angebote zu schaffen. Dies geschieht im seit 2007 bestehenden zweisprachigen Bildungsgang am Gymnasium Kirchenfeld. Wer diese Klasse besucht, wird in Geschichte, Mathematik und Biologie auf Französisch unterrichtet, was Immersion genannt wird. Auch die Matura wird auf Französisch abgelegt. Die Schülerzahlen seien «auf einem niedrigen Niveau stabil – mit einer leichten Tendenz nach unten», sagt Elisabeth Schenk, Vorsitzende der Schulleitung. Warum das? Da der Lehrgang oft auch von frankofonen Schülern gewählt werde, hätten Deutschschweizer Angst, abgehängt zu werden. Im analogen Angebot mit Englisch sei dies nicht zu beobachten, so Schenk.

«Viele Romands stossen in der Deutschschweiz auf eine Dialektwand.»

Sacra Tomisawa-Schumacher Präsidentin Société des Genevois

Das verflixte Englisch spukt immer mehr in die staatspolitisch erwünschte deutsch-französische Zweisprachigkeit hinein. Wenn sich die Menschen gegenseitig des Deutschen und Französischen bedienten, sei dies eine kulturelle Bereicherung, wie sie ein Gespräch auf Englisch nie schaffen könne, sagt Sacra Tomisawa-Schumacher, Präsidentin der Société des Genevois et des amis de Genève und Gründerin einer Firma, die für die Interessen Genfs in Bundesbern arbeitet. Auch Jean-Philippe Amstein, Präsident der Association romande et francophone de Berne et environs, stellt die rhetorische Frage: «Wohin bewegt sich unser Land, wenn wir nur noch auf Englisch miteinander kommunizieren?»

Tomisawa wünscht sich, dass Gemeindebehörden Zuzüger deutlicher auf die Zweisprachigkeit des Kantons hinweisen. Viele Informationen seien auf Französisch verfügbar, was frankofone Zuzüger aber nicht immer wüssten. Die Stadt Bern ist diesbezüglich bürgerfreundlich. Wer kantonale oder eidgenössische Stimmunterlagen auf Französisch wünscht, braucht dies einmal zu melden, dann wird es so vermerkt. In Belgien, wo die Zweisprachigkeit eine Quelle ständigen Zanks ist, wird daraus zwischen Frankofonen und Flamen eine erbitterte Grundsatzfrage gemacht.

Welsche vor «Dialektwand»

ARB-Präsident Amrein vermutet, dass manche Romands nicht mehr bereit sind, die anstrengende Integration auf sich zu nehmen, da es die Mobilität erlaube, in Bern zu arbeiten und in einem französischsprachigen Kanton zu wohnen. Tomisawa ergänzt, dass viele Romands an eine «Dialektwand» stiessen. Doch nicht nur das: «Manche empfinden den hiesigen Humor, die Kultur oder die Gewohnheiten als exotischer, als wenn sie in New York leben würden.» Manche erachteten es als leichter, Deutsch in Berlin als in Bern zu lernen.

Genf-Lobbyistin Tomisawa hat eine Forderung an die Politik: Es sollte vom Kindergarten bis in den tertiären Bildungsbereich zweisprachige Bildungsangebote geben. Auch ARB-Präsident Amstein hat die Vision einer zweisprachigen Bundesstadt.

Pragmatisch halten es die Betriebe SBB und Post mit der Zweisprachigkeit. So können sich Post-Kundenberater in einen anderen Landesteil versetzen lassen. Unter KV-Lernenden seien Stages in einer anderen Sprachregion sehr beliebt, teilt die Post mit. Wie bei der Post gilt bei der Bahn: «Chacun et chacune parle sa langue.» Man spreche in Sitzungen langsamer, deutlicher oder auf «Schriftdeutsch», um die Verständigung zu erleichtern. Es gebe auch Sprachlunchs in der entspannten Atmosphäre des SBB-Personalrestaurants, so die SBB-Medienstelle. SBB-Topkader müssten mindestens das Sprachniveau B2 in einer zweiten Landessprache aufweisen.

Nicht immer geht es um Deutsch oder Französisch. So leben in Bern Menschen aus vielen Staaten. Wenn sie sich anmelden, werden sie zu einem Willkommensgespräch eingeladen. Alexander Ott, Co-Leiter des Polizeiinspektorats, sagt, in der städtischen Verwaltung gebe es eine grosse Sprachkompetenz. Bei Verständigungsproblemen könne man auf Mitarbeitende zurückgreifen, die in rund 20 Sprachen helfen könnten.

Der Kanton Bern soll seine Zweisprachigkeit besser nutzen. Das fordert eine von der Berner Kantonsregierung eingesetzte Expertenkommission. Um national als Vorbild zu gelten, sollen 46 Empfehlungen – unter anderem die gesetzliche Verankerung der Zweisprachigkeit – umgesetzt werden. Wo kommen Sie im Alltag in Bern mit Französisch in Kontakt? Welchen Wert hat die Zweisprachigkeit? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch».

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