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Wenig Zeit für ein anregendes Gespräch

Für Unterhaltungen und Spiele mit Betagten sind Zeit und Geld in Altersheimen knapp. Experten fordern die Politik nun zum Handeln auf – der Kanton winkt ab.

Die Aktivierungsgruppe «groupe francophone» im Altersheim Domicil Mon Bijou trifft sich einmal wöchentlich, um auf Französisch verschiedene Themen zu diskutieren.
Die Aktivierungsgruppe «groupe francophone» im Altersheim Domicil Mon Bijou trifft sich einmal wöchentlich, um auf Französisch verschiedene Themen zu diskutieren.
Adrian Moser

Es ist 15 Uhr im Berner Altersheim Mon Bijou. Sechs Frauen sitzen an einem Tisch, trinken Kaffee und diskutieren – ausschliesslich auf Französisch. Geleitet wird die «groupe francophone» vom Leiter «Aktivierung & Animation». Er hat das Angebot für die Anwesenden organisiert. Es richtet sich an Bewohnerinnen und Bewohner, die einen Bezug zum Französisch haben.

Der Mann, der den sechs Frauen mit dem Gespräch eine Freude bereitet, ist ein «soziokultureller Animator», so der Fachjargon. Er und die im gleichen Feld tätigen Aktivierungsfachleute tun das, wofür das Pflegepersonal meist zu wenig Zeit hat. Während dieses in erster Linie sicherstellt, dass die Betagten sauber sind, drei Mahlzeiten am Tag erhalten und die richtigen Medikamente einnehmen, helfen die sozialen Betreuer ihnen, ihren Tag zu gestalten; sie organisieren etwa Konzerte und Filmabende, Gespräche, Basteln oder gemeinsames Singen und Musizieren. Ziel ist es, den sozialen Austausch zu fördern und noch vorhandene Fähigkeiten der Betagten möglichst auszuschöpfen.

Solche Angebote sind wichtig: Es geht um die Würde des Menschen. Darum, dass alte Frauen und Männer nicht stundenlang, im Zimmer oder in einem Korridor sitzend, dumpf vor sich hinstarren. Neben dem menschlichen gibt es einen ökonomischen Aspekt: Bewohnerinnen und Bewohner von Altersheimen, die sozial gefördert werden, bleiben länger aktiv, was Kosten senkt.

«Die Gesellschaft muss die Betreuung künftig besserfinanzieren.»

Carlo KnöpfelProfessor für Sozialpolitik an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW)

Kann Pflegepersonal mehr tun?

So wichtig die soziale Betreuung ist, so wenig ist klar, was sie beinhalten muss und wann die Qualität stimmt. In diese Richtung weist die Studie von Carlo Knöpfel, Professor für Sozialpolitik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er hat zum Thema Alter 2018 eine Bestandesaufnahme im Auftrag der Schiller-Stiftung veröffentlicht. «Die Betreuung hat bisher keinen Stellenwert», schreibt er dort; sie sei ein diffuser Begriff und weder rechtlich noch inhaltlich klar geregelt. Für ihn steht fest: Die Gesellschaft werde in Zukunft einen «Teil der notwendigen Betreuungsarbeit finanzieren müssen», die heute noch gratis durch Familienangehörige, Freunde, Nachbarn und Freiwillige erbracht werde, schreibt Knöpfel.

Derselben Meinung ist Eva Soom Ammann, Dozentin für Pflegewissenschaft an der Berner Fachhochschule. Sie sieht jedoch auch Potenzial bei den «bestehenden Ressourcen»: Die Pflege könne während ihrer Tätigkeiten auch viel Betreuungsarbeit leisten. Konkret meint Soom Ammann damit, dass man beispielsweise beim Waschen am frühen Morgen mit den Leuten reden könne, anstatt die Tätigkeit einfach «mechanisch hinter sich zu bringen». Dies erfordere aber eine hohe Sensibilität der Pflegekräfte.

«Die Aktivierung in den Altersheimen ist klar unterfinanziert.»

Andrea HornungCEO Domicil Bern AG

Doch genau das gilt heute als Problem: Pflegekräfte stehen unter hohem Zeitdruck. Aus diesem Grund fordert der Alterswissenschaftler François Höpflinger von der Uni Zürich, das Pflegepersonal administrativ zu entlasten, damit dieses mehr zur Betreuung beitragen kann.

Ebenso umstritten ist, wer die steigenden Betreuungskosten übernehmen soll. Denn Angebote wie die französische Gesprächsrunde im Mon Bijou sind keine Selbstverständlichkeit: Grundsätzlich müssen Bewohner von Altersheimen selbst für die Kosten der Betreuung aufkommen. Ist ihnen dies aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht möglich, können sie Ergänzungsleistungen (EL) in Anspruch nehmen. Dort sind für die Betreuung 15.15 Fr. pro Tag vorgesehen.

«Viel zu wenig», sagt Andrea Hornung, CEO der Domicil Bern AG, zu der das Pflegeheim Mon Bijou gehört. Die Betreuung in Alters- und Pflegeinstitutionen sei vom Kanton derzeit «klar unterfinanziert». Das führt Hornung zufolge dazu, dass die «groupe francophone» von der Domicil Bern AG, zu der das Altersheim Mon Bijou gehört, aus dem erwirtschafteten Gewinn finanziert – also quersubventioniert – wird. Bei Senevita, einem weiteren grossen Player im Kanton Bern, ist Ähnliches zu hören. Dort wünscht man sich eine genauere Definition, was Betreuung beinhaltet.

Ideen für neue Finanzierung

Carlo Knöpfel will in einer Folgestudie darlegen, wie die Finanzierung der Betreuung künftig aussehen könnte. Laut dem Altersforscher Höpflinger liegt das Problem beim Aufbau des Krankenversicherungsgesetzes (KVG). Dieses sei veraltet: Es habe lediglich die Kosten für die Pflege berücksichtigt, dabei aber andere Aspekte – wie die Betreuung – vernachlässigt.

Die Betreiber von Altersheimen im Kanton Bern fordern von der öffentlichen Hand nun mehr Geld, um die Kosten für ihre Angebote auch in Zukunft zu decken. Der Kanton erteilt dieser Forderung jedoch auf Anfrage eine klare Absage.

Zurück im Altersheim: Die «groupe francophone» hat zu Ende diskutiert. Die meisten Teilnehmerinnen – eine davon ist über 100-jährig – gehen wieder in ihre Zimmer, ins Café oder in die Physiotherapie. Die Aktivierung hat gewirkt: Die Damen haben ein Lächeln auf dem Gesicht.

Jetzt sind Sie gefragt: Sind Berns Betagte genug umsorgt? Wie ergeht es Ihren Angehörigen in Berner Alters- oder Pflegeheimen? Oder arbeiten Sie selber in einem solchen Betrieb? Diskutieren Sie mit im Stadtgespräch.

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