Weltfremde Kritiker der Sozialhilfe

Die Instant-Kritiker, die bei jedem vermeintlichen Missbrauchsfall aufschreien, neigen zu dem, was sie den Sozialämtern vorwerfen: naiv zu sein.

Der Eingang des Sozialamtes der Stadt Bern.

Der Eingang des Sozialamtes der Stadt Bern. Bild: Valérie Chételat

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Wird jemand des Sozialhilfemissbrauchs verdächtigt, sind die Reaktionen schnell und laut. Das ist verständlich. Vor allem Menschen, die ihren Lebensunterhalt selber verdienen, aber nur knapp durchkommen, sind zu Recht empfindlich. Die Wut richtet sich schnell gegen das ganze System, das angeblich die Faulen belohnt. Schuld an der Misere sind für viele Empörte die in den Sozialämtern vermuteten Sozialromantiker.

Natürlich ist alles komplizierter. Und wer jemals mit den Profis an der Sozialhilfefront zu tun hatte, weiss, dass das keine Träumer sind. Zwei aktuelle Verdachtsfälle aus der Stadt Bern belegen, wie vielschichtig die Sozialhilfe-Realitäten sein können: Die vom «Blick» angeprangerte verstorbene Italienerin, die mit Sozialhilfegeld angeblich ihrer Kleider-Kaufsucht frönte – sie hat nicht zu viel Geld erhalten, und auch Hinweise auf eventuell verstecktes Einkommen gibt es nicht. Und die «Millionärin» mit allfälligem Vermögen in einem Trust in Liechtenstein – das Geld nützt ihr nichts, weil sie nicht darauf zurückgreifen kann; sie erhält also zu Recht Sozialhilfe.

Die beiden Fälle zeigen aber auch: Restlos klären lässt sich nicht jeder Verdacht, einiges bleibt undurchsichtig. Natürlich wird bei der Sozialhilfe betrogen, wie sollte es ausgerechnet hier anders sein. Und nicht jeder Betrug lässt sich rechtzeitig aufdecken, genauso wenig wie anderswo. Ein Sozialarbeiter betreut im Schnitt rund hundert Dossiers, da bleibt für den einzelnen Fall wenig Zeit.

Jeder Betrug beschädigt das Vertrauen der Bevölkerung in dieses wichtige Sozialwerk. Politischer Druck, der zum genauen Hinschauen zwingt, ist nützlich. Dass die Stadt Bern zu den bestehenden Kontrollmechanismen nun zusätzlich eine Liste mit potenziellen Risikofällen führen will, ebenso.

Nützlich wäre aber auch etwas mehr Gelassenheit im Publikum: Die Instant-Kritiker, die bei jedem Verdachtsfall aufschreien, neigen zu dem, was sie den Sozialämtern vorwerfen: naiv und weltfremd zu sein, indem sie Unrealistisches fordern. (Der Bund)

Erstellt: 23.06.2018, 08:26 Uhr

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