Warum Zürich schweigt und Biel noch dröhnt

Ein Mann brachte letztes Jahr das Schiffshornen am Zürichsee beim An- und Ablegen zu Fall. Die Signale der Kursschiffe der Berner Schifffahrtsgesellschaften erklingen aber weiterhin.

Das Kursschiff MS Chasseral auf dem Bielersee gibt weiterhin ein Signal von sich, bevor es losfährt.

Das Kursschiff MS Chasseral auf dem Bielersee gibt weiterhin ein Signal von sich, bevor es losfährt. Bild: Adrian Moser

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Der Schiffshafen in Biel ist ruhig kurz vor Mittag. Ein paar Enten und Taucherli schnattern, Vögel zwitschern. Währenddessen besteigen die Passagiere gerade das Kursschiff MS Chasseral. Plötzlich ertönt es, das Signal, das für Ärger sorgt. Ein kurzes Hornen, die Motoren der MS Chasseral laufen an, und langsam setzt sich das Schiff in Bewegung in Richtung Neuenstadt. Genau dieser Ton, den die Schiffe beim An- und Ablegen von sich geben, sorgte am Zürichsee für rote Köpfe.

Ein Anwohner, der den Signalton der Kursschiffe auf dem Zürichsee als Lärm wahrnahm, gelangte letztes Jahr ans Bundesamt für Verkehr (BAV). Dort erhielt er Recht: Das kurze Hornen sei nicht dazu geeignet, vor der Abfahrt auf sich aufmerksam zu machen. Um das Signal «Achtung» abzugeben, müsste der Kapitän das Horn eigentlich vier Sekunden betätigen, so will es die Binnenschifffahrtsverordnung. Die Emotionen beim Thema gingen hoch, als das Hornen beim An- und Ablegen gestoppt wurde. Eine ältere Dame schwimmt seither regelmässig extra vor die Kursschiffe, so dass die Kapitäne wegen der Gefahr das Horn betätigen müssen.

Keine Kompromisse in Biel

Um das Schiffshorn beim An- und Ablegen zurückzubringen, startete eine Interessensgruppe eine Online-Petition. Diese wurde von rund 8000 Bürgern unterstützt. Diese Woche kam jedoch die negative Antwort der Uvek-Vorsteherin Doris Leuthard (CVP). Sie sehe keine Möglichkeit, die Regeln anzupassen, schreibt die Bundesrätin. Die Gesetzeslage sei international harmonisiert. Die Petitionäre zeigten sich enttäuscht: «In Bern schert man sich keinen Deut um die Tradition», schreiben sie.

Was in Zürich hohe Wellen wirft, scheint in Biel wenig zu stören. Zwei Frauen, die in Biel gerade das Aare-Kursschiff besteigen möchten, können die Zürcher Aufregung um das Schiffshorn nicht verstehen. «Der Autolärm ist doch viel schlimmer», sagt die eine. «Ohne diesen Ton würde mir etwas fehlen», sagt die andere.

Für Thomas Mühlethaler, Geschäftsführer der Bielersee-Schifffahrts-Gesellschaft (BSG), ist die Sache klar. «Bei uns wird weiterhin ein Hornsignal abgegeben, wenn die Schiffe losfahren.» Vom Steuerhaus aus sei die Sicht nach unten beschränkt. «Sollte etwas passieren und es stellt sich heraus, dass der Kapitän nicht gehornt hat, ist er haftbar.»

Mühlethaler argumentiert zudem mit Artikel 34 des Binnenschifffahrtsgesetzes. Dort ist festgelegt, dass ein Boot dann hornen muss, wenn es die «Sicherheit gebietet» (siehe Kasten). Es gibt auch Präzedenzfälle, die das belegen. So verletzte die MS Oberland einen Mann schwer, als das Kursschiff in den Hafen einfuhr. Im Abschlussbericht wurde der Schiffskapitän freigesprochen – unter anderem weil er das Schiffshorn vor der Ausfahrt betätigt hatte.

Auf dem Thuner- und Brienzersee betreibt die BLS die Schifffahrt. «Das Umdenken auf dem Zürichsee hat für die BLS aber keine Auswirkungen», sagt die Mediensprecherin Helene Soltermann. Beim An- und Abfahren betätigten die Kapitäne weiterhin das Schiffshorn, sagt sie. Begründet wird das Signal jedoch nicht nur mit Sicherheit: «Das kurze Hornen vor dem Ablegen hat Tradition», sagt Soltermann.

Keine Angst vor Klage

Auf dem Bielersee erhalte man nur vereinzelt Reklamationen. Ein Augenschein vor Ort ergab, dass auch hier die Schiffe lediglich einen sehr kurzen Ton vor dem Abfahren abgeben. Vier Sekunden sind es nicht. Auch die Anzahl Dezibel könne nicht angepasst werden. «Die Gesetze schreiben diese Lautstärke vor», sagt Mühlethaler. Warum aber können die Berner Kursschiffe weiterhin kurz hornen, während es in Zürich nicht mehr geht?

Zunächst einmal hat im Kanton Bern noch niemand Klage eingereicht. Zudem hat die Zürcher Schifffahrtsgesellschaft freiwillig auf das Hornen verzichtet – das BAV hat kein Verbot ausgesprochen, sondern darauf hingewiesen, dass man nicht der Tradition wegen hornen dürfe. Letztendlich könnte eine Klage auch kontraproduktiv sein: Falls sie erfolgreich ist, könnte statt des kurzen Hornens von knapp einer Sekunde das Signal ganze vier Sekunden dauern. Das wäre dann gesetzlich erlaubt, aber sicher nicht im Sinne des gestörten Anwohners. Vor einer allfälligen Klage hat man aber bei beiden Betrieben im Kanton Bern keine Angst. «Die meisten Anwohner am See mögen die Schiffshorne», sagt Soltermann von der BLS. (Der Bund)

Erstellt: 08.08.2018, 07:10 Uhr

Klare Signale auf dem Wasser

Gesetzeslage Die Hornsignale auf den Schiffen sind wichtige Kommunikationsmittel für die Seebenutzer. Was sie bedeuten und wie man sie verwendet, ist in der Binnenschifffahrtsverordnung geregelt.

Artikel 34:

Die nachstehenden Schallzeichen müssen nur gegeben werden, wenn es die Sicherheit der Schifffahrt und der übrigen Benützer des Gewässers gebietet:

Ein langer Ton: «Achtung» oder «Ich halte meinen Kurs bei»

ein kurzer Ton: «Ich richte meinen Kurs nach Steuerbord»

zwei kurze Töne: «Ich richte meinen Kurs nach Backbord»

drei kurze Töne: «Meine Maschine geht rückwärts»

vier kurze Töne: «Ich bin manövrierunfähig»

Folge sehr kurzer Töne: «Gefahr eines Zusammenstosses»

Artikel 35, Absatz 1:

Es ist verboten, andere als die vorgesehenen Schallzeichen zu geben oder diese in einer Weise zu gebrauchen, für die sie nicht vorgeschrieben oder zugelassen sind. (cse)

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