«Vor dem Unterricht ist mir jedes Mal etwas bange»

In vielen Asylunterkünften unterrichten heute Freiwillige Deutsch. Bedauert wird dies nur von den Profis.

Walter Dietrich ist emeritierter Theologieprofessor und unterrichtet nun Asylsuchende im Renferhaus in Bern.<p class='credit'>(Bild: Franziska Rothenbühler)</p>

Walter Dietrich ist emeritierter Theologieprofessor und unterrichtet nun Asylsuchende im Renferhaus in Bern.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Anita Bachmann@anita_bachmann

Auf einmal meldeten sich viele Freiwillige, die sich in den zahlreichen neuen Asylunterkünften engagieren wollten. Gleichzeitig habe man den Deutschunterricht für Asylsuchende reorganisieren wollen, sagt Dominik Wäfler, Bereichsleiter Kollektivunterkünfte bei der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe.

Denn seit letztem Herbst habe sich die Anzahl Asylheime und Asylsuchender, welche die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe betreut, mehr als verdoppelt. «Wir stellten uns die Frage, wie wir so vielen Leuten Deutschunterricht offerieren können», sagt er.

Das System sei an seine Grenzen gekommen, es habe Wartefristen von bis zu vier Monaten gegeben. Die Antwort darauf: Die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe verabschiedete sich von professionellen Anbietern und lagerte den Deutschunterricht zu grossen Teilen an Freiwillige aus.

Seither unterrichten pensionierte Lehrer die Asylsuchenden, oder Studentinnen der Pädagogischen Hochschule Bern absolvieren unentgeltliche Praktika. Jedes Zentrum ist anders organisiert.

Während sich im Renferhaus auf dem Zieglerspitalareal in Bern 26 Freiwillige 21 Doppellektionen pro Woche aufteilen, stemmen in Konolfingen zwei Freiwillige den Deutschunterricht.

Möglichst etwas Konkretes

Die meisten Freiwilligen unterrichten eine Doppellektion und haben sich für ein halbes Jahr verpflichtet. Einer von ihnen ist der emeritierte Theologieprofessor Walter Dietrich. Er unterrichtet seit März im Renferhaus, abwechselnd mit seiner Frau, die gelernte Deutschlehrerin ist.

«Ich habe das Thema Flüchtlinge immer verfolgt und fand nun, dass ich etwas tun möchte», sagt er. Und zwar möglichst etwas Konkretes. Er denke, dass die Sprache sehr wichtig sei.

Er gesteht, dass sein Freiwilligenamt aufwendig ist. Zum Vorbereiten einer Doppellektion brauche er einen Vormittag Zeit. «Vor dem Unterricht ist mir jedes Mal etwas bange», sagt er. Nachher sei er aber immer gut gelaunt, weil die Leute so fröhlich seien.

Der Wechsel auf das Freiwilligensystem sei riskant gewesen, sagt Wäfler. Es sei nicht klar gewesen, ob genug Freiwillige zur Verfügung stünden. «Im letzten Jahr wussten wir noch nicht, ob es sich nur um ein Strohfeuer handelt.»

Auch die Organisation sei nicht einfach. In jedem Asylzentrum ist deshalb eine Person angestellt, um den Deutschunterricht mit den Freiwilligen zu koordinieren. Sollten zu wenig freiwillige Lehrer zur Verfügung stehen, könnte diese Person selber ein Minimalangebot an Unterricht geben.

Ob sich das Engagement der Freiwilligen über Jahre aufrechterhalten lasse, müsse sich dann zeigen, sagt Wäfler. Falls nicht, müsste die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe wieder zurückbuchstabieren. Bis jetzt ziehen die Verantwortlichen aber positive Rückschlüsse: «Die Asylsuchenden können besser Deutsch und sprechen mehr miteinander», sagt Wäfler.

Der Deutschunterricht wird durch den Bund global finanziert, weshalb dessen Umfang nicht geregelt ist. «Unsere Devise ist so viel wie möglich», sagt Wäfler. Deshalb können Asylsuchende im Renferhaus zweimal pro Woche in den Deutschunterricht.

Analphabeten sind anspruchsvoll

Verlierer des Systemwechsels sind jene, die Deutsch vorher professionell unterrichteten. Im Fall der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe ist es die organisationsinterne Sprachschule Lernpunkt. Die entstandene Lücke habe geschlossen werden können, sagt Nelly Aebischer, Co-Leiterin Lernpunkt.

Denn es gebe auch mehr anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge, die bereits in Wohnungen lebten. In diesem Bereich habe Lernpunkt den Leistungsvertrag mit dem Kanton aufstocken können.

Zudem bildet Lernpunkt nun die freiwilligen Deutschlehrer aus und hat Kursunterlagen für schulungewohnte Personen entwickelt. Trotzdem findet Aebischer es schade, dass der Deutschunterricht für Asylsuchende nicht mehr von Profis geleistet werde. Gerade die zunehmende Anzahl Analphabeten zu schulen, sei sehr anspruchsvoll.

Spart die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe nun dank dem Engagement Freiwilliger Geld? «Wir haben für den Deutschunterricht mit den Freiwilligen gleich viel budgetiert wie vorher», sagt Wäfler. Die Koordination und das Lehrmittel kosteten auch Geld.

Und falls am Schluss trotzdem etwas übrig bleibe, komme dies andernorts den Asylsuchenden zugute. Positiv beurteilt wird die Freiwilligenarbeit auch beim Kanton:

Es sei schlicht zu wenig Geld vorhanden, um allen genügend Sprachkurse mit Profis zu finanzieren, sagt Theo Ninck, Leiter des Mittelschul- und Berufsbildungsamts. So würden aber den Asylsuchenden rasch die wichtigsten Grundkenntnisse der Sprache vermittelt. Natürlich müssten Freiwillige aber auch eingeführt und betreut werden.

Der Bund

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