Von Schutt und Scholle in Wileroltigen

Verunsicherte Bürger und Bürgerinnen fürchten, der beim Abbruch des AKW Mühleberg anfallende Bauschutt werde bei Wileroltigen entsorgt. Der Energiekonzern dementiert.

Der Wortführer der Kritiker, Fritz Stooss, auf dem Deponiegelände.

Der Wortführer der Kritiker, Fritz Stooss, auf dem Deponiegelände.

(Bild: Adrian Moser)

Marc Lettau

Auf die beiden Gemeinden Wileroltigen und Ferenbalm kommt etwas echt Grosses zu. Im Grenzgebiet der beiden Gemeinden – beim Weiler Haselhof – wird nämlich eine Bauschuttdeponie mit eindrücklichem Volumen geplant. Ein grosses Loch, das sich füllen liesse, gibt es hier aber nicht. Vielmehr soll das Material auf heutigem Wies- und Ackerland aufgeschüttet werden.

Vorgesehen ist, auf etwa 25 Hektaren Fläche rund 1,4 Millionen Kubikmeter inertes Material zu einem bis zu 16 Meter hohen Plateau aufzuschichten. Derzeit prüfen die Gemeinderäte von Wileroltigen und Ferenbalm die Akten. Nächsten Monat wird die Bevölkerung eingeladen, sich zum Projekt zu äussern. Später werden die Souveräne der beiden Gemeinden über den geplanten Eingriff entscheiden können.

In Sorge um die Scholle

Die Meinungen sind allerdings zum Teil bereits gemacht. Insbesondere in Wileroltigen wird Kritik laut. Prominentester Bedenkenträger ist dort Fritz Stooss. Der 62-jährige Landwirt und frühere Gemeinderat und Gemeindepräsident sorgt sich über die Folgen des Eingriffs. Die geplante Deponie widerspreche ganz grundsätzlich seinem Bild von einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Scholle. Es gelte, «die Natur in der Vordergrund zu stellen» und mit Verantwortungsgefühl gegenüber den Nachkommen zu entscheiden. Das spricht laut Stooss gegen die Deponie, die nach seiner Einschätzung Lärm und Staub sowie einen Eingriff in den Wasserhaushalt nach sich ziehe: Heute spiele das fragliche Gebiet eine wichtige Rolle bei der Entwässerung. Es «für alle Zeiten» mit einer Schuttschicht zu überdecken, erscheine ihm unklug.

Die monetäre Verlockung

Zusätzlich treibt Stooss die Frage um, wie «der schwerwiegende Eingriff» aufs Dorf und die Dorfgemeinschaft einwirken werde. Er könne sich nämlich nicht vorstellen, dass die Leute einen so groben Eingriff guthiessen. Aber vorstellbar sei durchaus, dass die beiden betroffenen Gemeinden die Deponie am Schluss aus monetären Überlegungen absegneten, «ein wenig im Stile von Dürrenmatts Besuch der alten Dame, also einfach darum, weil man davon finanziell profitiert». Und schliesslich ist es Stooss, der auch jenen eine Stimme gibt, die argwöhnen, auf der neuen Deponie werde dereinst das beim Abbruch des Atomkraftwerks Mühleberg anfallende – womöglich gar schwach radioaktive – Material abgelagert. Der Ursprung dieses Verdachts ist leicht zu rekonstruieren: Der Abbruch des AKW beginnt bereits übernächstes Jahr – und es liegt in nur 2,5 Kilometern Luftlinie von der geplanten Deponie entfernt.

Wileroltigen ist kein Abklinglager

Das ist ein breite Palette an Bedenken und Einwänden. Aufgrund der Recherche des «Bund» dürfen die Kritiker zumindest eine Sorge entsorgen: Auf Anfrage hin erklärt die BKW, es sei gänzlich ausgeschlossen, dass in Wileroltigen radioaktiv belasteter Bauschutt vom Rückbau des Atomkraftwerks entsorgt werde. Wegen der auf Anfang dieses Jahres hin verschärften Bestimmungen müsse auch schwach radioaktiver Abfall – also kontaminierter Bauschutt – zunächst einem Abklinglager zugeführt werden. Die bei Wileroltigen geplante Deponie stelle kein solches Abklinglager dar.

In einem anderen Bereich trifft Stooss hinwiederum ganz präzise den Kern der derzeit laufenden Debatte. Die Gemeinden Ferenbalm und Wileroltigen verhandeln nämlich noch mit der hinter den Deponieplänen stehenden Investorin über Mehrwertabschöpfungen, also über finanzielle Abgeltungen. Auf welche Summen sich die Gemeinden und die Investorin, die ISD Recycling AG, einigen werden, ist noch offen: Noch liegt kein abschliessendes Verhandlungsergebnis vor. Für Lukas Steiner von der Geschäftsleitung der ISD Recycling AG sind Zahlungen an die Gemeinden im Grundsatz aber folgerichtig: «Die Schaffung einer neuen Deponie ist für eine Gemeinde immer ein einschneidender Schritt.» Wer vom Volk Verständnis und ein Ja an der Urne erwarte, müsse deshalb auch aufzeigen können, mit welchem – monetären – Gegenwert das Projekt verbunden sei. Zahlen nennt Steiner angesichts der laufenden Verhandlungen keine. Aber immerhin so viel: Die Entschädigung werde «sicher nicht allzu knapp ausfallen». Der Rest ist journalistische Spekulation: Gut möglich, dass das Deponiegeld die recht überschaubaren Budgets von Ferenbalm (4 Millionen pro Jahr) und Wileroltigen (2 Millionen) deutlich beeinflussen wird.

Da war doch sonst noch was?

Wie gehts weiter? Die grosse Kropfleerete steht im März an einem Informationsabend im Biberenbad an. Anschliessend wird es eine Weile dauern, bis die bereinigte Überbauungsordnung vorliegt. Die Gemeinden werden somit kaum schon an ihren Mai-Gemeindeversammlungen das definitive Verdikt fällen können. Für Wileroltigen ist das wohl besser so. Dort will man im Mai zunächst das kommunale Polizeireglement verschärfen und so den Druck gegen Fahrende erhöhen. Die beiden umstrittenen Stätten liegen übrigens Seite an Seite: die Deponie östlich der Ferenbalmstrasse, das Transitplatzgelände westlich der gleichen Strasse.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt