Vom Märchen des reinen Wassers

Gemäss einer Studie lassen sich vermehrt Pestizidrückstände im Schweizer Grundwasser feststellen. Bern sieht sich als Agrarkanton besonders gefährdet.

Das Schweizer Trinkwasser ist zwar nicht gefährlich, dennoch finden sich auch hier Verunreinigungen.

Das Schweizer Trinkwasser ist zwar nicht gefährlich, dennoch finden sich auch hier Verunreinigungen. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Sauber und überall verfügbar – das ist das Trinkwasser in der Schweiz. Genau dieser Luxus soll nun gefährdet sein. Gemäss einer Studie der Nationalen Grundwasserbeobachtung (Naqua) wird an jeder fünften Messstelle ein hoher Anteil an Abbauprodukten und Pestiziden in Grundwasserfassungen gemessen. Die Veröffentlichung der Studie verunsicherte manche Bernerinnen und Berner. Viele richteten ihre Fragen an den Wasserverbund Region Bern AG (WVRB). Bernhard Gyger, Geschäftsführer des Wasserverbundes, beruhigt: «Die Bevölkerung unseres Versorgungsgebietes ist gesundheitlich nicht gefährdet.» Das Trinkwasser in Stadt und Region Bern wird gemäss Gyger dreimal im Jahr auf Pestizidrückstände untersucht. «Die Analyseverfahren sind sehr aufwendig», sagt er.

Bedenkliche Pestizidrückstände

Bern als Kanton mit landwirtschaftlich intensiv genutzter Fläche sei dennoch gefährdet, zu hohe Konzentrationen von Pestiziden im Gewässer aufzuweisen, sagt Claudia Minkowski, Leiterin des Amts für Wasser und Abfall des Kantons Bern. «Vor allem im Seeland ist zum Beispiel der Einsatz des Pflanzenschutzmittels Chloridazon sehr hoch», sagt sie. Die Abbauprodukte des Herbizids, mit dem vor allem Zuckerrüben gespritzt werden, hätten die höchste Konzentration im Grundwasser. Deshalb könne davon ausgegangen werden, dass im landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland oft Spuren von Pestiziden und deren Abbauprodukten im Grundwasser nachgewiesen würden, so Minkowski. Da über 80 Prozent des Trinkwassers aus Grundwasser bezogen wird, «ist das doch bedenklich», sagt Minkowski.

Massnahmen für die Reduktion

Das Ziel der Studie der Naqua sei nicht gewesen, Panik zu verbreiten, sondern die Pestizidrückstände im Bereich des Zumutbaren zu reduzieren, so Christian Leu, Leiter der Sektion Wasserqualität des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Wer in der Schweiz Hahnenwasser trinkt, hat den Anspruch, dass das Wasser rein und natürlich ist. Aber wie können die Rückstände im Grundwasser reduziert werden? Die Bauern müssten weniger Pestizide in Gebieten von Grundwasserfassungen einsetzen und die Unkräuter ohne chemische Stoffe bekämpfen, fordert Leu. Im Rahmen eines kantonalen Projekts wird im Seeland gemeinsam mit dem Amt für Wasser und Abfall (AWA), dem Amt für Landwirtschaft und Natur (Lanat), der Seeländer Wasserversorgungen und dem Schweizerischen Verband der Zuckerrübenpflanzer versucht, die Konzentration von Chloridazon im Grundwasser zu verringern.

Auch der Verein Gas und Wasserfach (SVGW) fordert das Verbot von Pestiziden im Bereich von Grundwasserfassungen. «Wir haben alle die Vorstellung von reinem Wasser – aber das ist ein Ideal», sagt Paul Sicher, Mediensprecher des Vereins. Im Wasser fänden sich immer die Spuren der Zivilisation: Der Wirkstoff Atrazin, der vor allem im Maisanbau Verwendung fand, wurde vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) im Jahr 2007 verboten, dennoch sind die Rückstände heute noch im Boden und im Wasser zu finden. «Das rechtfertigt die rechtzeitige Vorsorge», so Sicher. In Bern wurde bereits reagiert: Stadt und Region werden hauptsächlich von den drei Grundwasserfassungen in Kiesen, Belpau und Aeschau versorgt. «In Kiesen und Aeschau wurde die landwirtschaftliche Nutzung seit 2009 stark eingeschränkt, damit kein Pestizid mehr ins Grundwasser gelangen kann», so Gyger.

Auch Arzneimittel im Wasser

Gemäss der Statistik des Bundesamtes für Landwirtschaft gelangen pro Jahr 2000 Tonnen Pestizide auf die Felder der Bauern. Aber nicht nur Pestizide verunreinigen das Grundwasser: Bedeutend ist gemäss Leu auch die Verunreinigung des Grundwassers mit Nitrat aus Dünger, der in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Auch von Arzneimitteln, die von Kläranlagen ins Oberflächengewässer geschwemmt und von dort ins Grundwasser sickern, gäbe es Rückstände. Die Menge an Schadstoffen im Wasser sei zwar momentan aus gesundheitlicher Sicht unbedenklich, es müsse aber alles unternommen werden, dass das wichtige Lebensmittel Trinkwasser vor Verunreinigungen geschützt werde, so Leu. (Der Bund)

Erstellt: 07.07.2017, 06:44 Uhr

Die Wasserversorgung

Welche Gemeinden gehören ins Versorgungsgebiet der Wasserverbund Region Bern AG? Zu den Vertragsgemeinden gehören Bolligen, Bremgarten, Energie Wasser Bern, Frauenkappelen, Ittigen, Kehrsatz, Kirchlindach, Ostermundigen, Stettlen, Vechigen, Wohlen, die Wasserversorgungsgenossenschaft Meikirch Uettligen und Umgebung (WVGM) und Zollikofen. Dazu kommen weitere Wasserbezüger wie die Energie Belp AG, Köniz, Muri, Mühleberg, Tierpark und die Wasserverbund Grauholz AG (WAGRA). Seit 2016 werden 216 934 Einwohnerinnen und Einwohner mit circa 55,5 Millionen Liter Wasser pro Tag versorgt. Die Infrastruktur umfasst Wasserfassungen, Pumpstationen, Reservoirs und ein Wasserleitungsnetz von 157 Kilometern.

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