Voltaire verstehen statt nur «Mille feuilles»

Die Stadt Biel schafft eine zweisprachige Oberstufe. Die Nachfrage ist gross.

Französisch nicht nur aus dem Wörterbuch: In Biel gibt es nun zweisprachige Klassen.

Französisch nicht nur aus dem Wörterbuch: In Biel gibt es nun zweisprachige Klassen.

(Bild: Sophie Stieger)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Ab dem kommenden Schuljahr können die Schülerinnen und Schüler in Biel eine zweisprachige Oberstufe besuchen – oder zumindest ein Teil von ihnen. Vorerst werden zwei Klassenzüge am Standort Alpenstrasse geschaffen. In den gemischten Klassen sitzen ein Drittel französisch-, ein Drittel deutsch- und ein Drittel fremdsprachige Kinder. Die Fächer werden von Lehrpersonen in deren jeweiliger Muttersprache je zur Hälfte auf Deutsch und auf Französisch unterrichtet. Reziproke Immersion nennt sich dieses Modell im Fachjargon. «Nur die Stadt Biel kann ein solch ambitioniertes Angebot bereitstellen», sagte Gemeinderat Cédric Némitz (SP) am Freitag an der Präsentation des schweizweit einzigartigen Projekts.

Die «Filière Bilingue Sekundarstufe 1» ist die Fortsetzung eines Pilotprojekts, das vor bald acht Jahren gestartet wurde. Unterdessen gibt es zwei Klassenzüge mit insgesamt 330 Schülerinnen und Schülern vom Kindergarten bis in die 6. Klasse, die nach der reziproken Immersion unterrichtet werden. Eine wissenschaftliche Evaluation gibt dem Projekt gute Noten. «Nach acht Jahren in der zweisprachigen Schule haben die Kinder in beiden Sprachen ein vergleichbares Niveau erreicht», sagt Projektleiter Emanuel Gogniat. Statt nur mit dem Französischlehrmittel «Mille feuilles» zu arbeiten, verstünden die deutschsprachigen Schüler nun sogar Voltaire. Und: In den anderen Fächern sei kein Rückstand feststellbar.

Hindernisse überwunden

Jetzt stehen die ersten Schülerinnen und Schüler des zweisprachigen Lehrgangs vor dem Übertritt in die Sekundarstufe. Für sie wird das Projekt nun ausgeweitet. Dafür mussten allerdings einige Hürden genommen werden. So unterscheiden sich Lektionentafeln wie auch Lehrpläne für die Deutsch- und die Französischsprachigen teilweise deutlich. Zudem kennen die Romands auf der Oberstufe nicht nur Sek und Real, sondern noch ein drittes Niveau. Hier mussten gemeinsame Lösungen gefunden werden. «Die Ausweitung mag nach einem kleinen Schritt aussehen, dahinter steckt aber enorm viel Arbeit», sagt Gemeinderat Némitz.

Die zweisprachige Oberstufe wird vom Kanton und ausdrücklich auch von Erziehungsdirektor Bernhard Pulver unterstützt. Als Anschubfinanzierung fliessen in den ersten drei Jahren je 60 000 Franken pro Klasse in das Projekt. Damit werden die Lehrpersonen entlastet sowie die Schüler unterstützt. Danach soll die Filière Bilingue mit den regulären Mitteln auskommen. Privilegiert ist sie aber auch in anderer Hinsicht: Während in den zweisprachigen Klassen der Anteil Fremdsprachiger auf ein Drittel limitiert ist, liegt er im städtischen Durchschnitt weit darüber. Das sorgt immer wieder für Kritik. Insbesondere Lehrpersonen sehen die Chancengleichheit gefährdet. Seit dem Start übersteigt die Nachfrage nach Plätzen in der Filière Bilingue das Angebot um mindestens das Doppelte. «Wir wollen allen Kindern, die das wollen, die Chance geben, eine zweisprachige Schule zu besuchen», sagt Cédric Némitz zu seinen Zielen. Angesichts der Komplexität des Themas müsse man aber umsichtig und pragmatisch vorgehen. Parallel zum Ausbau der zweisprachigen Schule will der Gemeinderat deshalb auch vermehrt Zweisprachigkeitsprojekte an den «normalen» Schulen fördern.

DerBund.ch/Newsnet

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