Vielleicht war es ein fataler Fehler

Die Berner Staatsanwaltschaft hat eine Strafuntersuchung gegen zwei Ärzte eingestellt. Zu früh, findet nun das Obergericht. Der Fall zeigt, wie heikel medizinische Entscheide sein können.

Liefert genaue Bilder: Computertomografie.

Liefert genaue Bilder: Computertomografie. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Ende März 2014 bringt der Rettungsdienst einen Mann in die Notaufnahme eines Spitals im Raum Emmental-Oberaargau. Er ist bleich, schwitzt und klagt über Schwindel und Übelkeit. Ein Assistenzarzt untersucht ihn, führt Tests durch und nimmt Rücksprache mit der Oberärztin, die ihn abermals untersucht. Die Mediziner diagnostizieren eine Gleichgewichtsstörung. Als es dem Mann besser geht, schicken sie ihn gleichentags nach Hause.

Am nächsten Morgen muss er wieder ins Spital gebracht werden. Nun wird ein Bildgebungsverfahren angeordnet. Bald zeigt sich, woher die Symptome herrühren: Der Patient hat einen Infarkt im Hirnstammbereich erlitten. Trotz entsprechender Massnahmen und Behandlungen tritt wenige Tage später der Hirntod ein.

Seither streiten sich die Angehörigen des verstorbenen Patienten als Kläger, die Ärzte und die Strafverfolgungsbehörden über diesen Fall, den nun auch das Obergericht des Kantons Bern beurteilt hat. Im Raum steht unter anderem der Tatvorwurf der fahrlässigen Tötung.

Pflichtverletzung oder nicht?

Die Beteiligten sind sich einig, dass nicht alles optimal gelaufen ist. Unklar ist aber, ob das Verhalten der Ärzte strafrechtlich relevant ist: Haben sie ihre Sorgfaltspflicht verletzt? Hätten sie die Gefährdung voraussehen können und müssen?

Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, wobei sie sich auf ein rechtsmedizinisches Gutachten stützte. Eine Pflichtverletzung lasse sich nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachweisen. Dagegen erhoben die Angehörigen Beschwerde.

Das Obergericht gibt ihnen recht: Die Staatsanwaltschaft muss die Strafuntersuchung gegen die Mediziner wiederaufnehmen. Dies geht aus dem am 14. Januar publizierten Beschluss hervor. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Freispruch ist die Regel

Wie häufig in Spitälern Pflichtverletzungen vorkommen, ist ungewiss. Ebenso, wie oft dies ein gerichtliches oder aussergerichtliches Verfahren zur Folge hat. Internationale Studien liefern Anhaltspunkte: Durchschnittlich erlebten 10 Prozent der Patienten einen Zwischenfall, der die Aufenthaltsdauer in einer Klinik im Mittel um eine Woche verlängere. Dies schrieb die NZZ in einem Bericht. Ob sich die Fälle häufen, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Ombudsstelle der Ärztegesellschaft des Kantons Bern schreibt, sie werde nicht stärker als üblich beansprucht. Der Schweizer Ärzteverband FMH stellt eine leichte Zunahme von Fällen des Ärztestrafrechts fest. Bei der Stiftung SPO Patientenschutz melden sich vermehrt Betroffene. Es sei möglich, dass dies auf das Patientenverhalten zurückzuführen sei, heisst es dort.

Bei Betrachtung ähnlich gelagerter Fälle zeigt sich aber: Der Freispruch der Ärzte ist die Regel. Ein Systemfehler? Der Ärzteverband widerspricht. «Für die Bejahung der Strafbarkeit braucht es mehr als nur eine Pflichtverletzung. Der Schaden muss auch vermeidbar sein», schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Juristen sprechen auch vom Kausalzusammenhang. Diesen nachzuweisen, stellt die Justizbehörden regelmässig vor Probleme.

Gremium statt Gerichte

Ähnlich tönt es bei der Stiftung SPO Patientenschutz. Bei Fehlern spielten häufig viele Teilursachen zusammen. Oftmals mache ein strafrechtliches Verfahren wenig Sinn: «Es bringt den Opfern oder Angehörigen Gewissheit, aber keine Entschädigung», sagt Stiftungspräsidentin Susanne Hochuli. Die SPO und auch der Ärzteverband empfehlen den Betroffenen, im Zivilverfahren auf Entschädigung zu klagen.

Hochuli schlägt eine weitere Lösung vor: ein interdisziplinäres Gremium, das aus Ärzten, Juristen, Patienten- und Versicherungsvertretern besteht und medizinische Kunstfehler gemeinsam beurteilt. «Würde man Fehler vermehrt besprechen, würden sie sich auch weniger wiederholen.» Zudem liesse sich der administrative Aufwand minimieren; nur besondere Fälle kämen noch vor Gericht. Hierzu fehlten den Patientenorganisationen bislang die Ressourcen. (Der Bund)

Erstellt: 06.02.2019, 06:37 Uhr

Rechtsschutz für Patienten

Wer von Ärzten nicht fachgerecht behandelt wird, dem stehen verschiedene Instrumente zur Verfügung. Nicht immer muss primär der Gang ans Zivil- oder Strafgericht erfolgen. So vermittelt etwa die Ombudsstelle der Ärztegesellschaft des Kantons Bern unentgeltlich zwischen den Parteien. Die Stiftung SPO Patientenschutz unterstützt Patienten unter anderem dabei, medizinische Sachverhalte bei vermuteten Behandlungsfehlern einzuschätzen und die weiteren Schritte zu planen. Die Tarife sind auf der Website einsehbar. (gss)

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