«Viele Kindergärten werden verschult»

Margrit Stamm ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft. Im Interview verlangt sie eine Schweizer Spielinitiative.

Kindergärten seien schon heute verschult, findet Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm.

Kindergärten seien schon heute verschult, findet Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm.

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Frau Stamm, im Kanton Bern steigt die Zahl der Basisstufenklassen kontinuierlich an. Wundert Sie das?
Ich bin insofern erstaunt, als in anderen Kantonen die Einführung der Basisstufe entweder aus verschiedenen Gründen sistiert worden ist oder der ganze Hype darum bereits etwas eingeschlafen zu sein scheint. Persönlich bin ich ein Fan des Basisstufenmodells, weil es den Kindern ermöglicht, in ihrem eigenen Tempo zu lernen. Zudem haben die Lehrkräfte die Möglichkeit, im Teamteaching zu arbeiten, was viele Vorteile bietet.

Der grosse Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi sagte einst, in der Bildung müssten Kopf, Herz und Hand gleichermassen berücksichtigt werden. Der Kindergarten stand stets auch für diesen Grundsatz. Wenn nun immer mehr Gemeinden auf die Basisstufe statt den Kindergarten setzen, dann dürfte auch diese Idee von Bildung verschwinden.
Das ist eigentlich schon lange passiert. Viele Kindergärten werden bereits heute verschult. Dieses Problem könnte mit dem Lehrplan 21 noch zunehmen.

Weshalb ist das ein Problem?
Weil das freie Spiel verschwindet. Das freie Spiel ist die beste Frühfördermassnahme, die es gibt. Das Verschwinden des freien Spiels kann einer der Gründe sein, weshalb es immer mehr verhaltensauffällige Kinder im Kindergarten gibt.

Das müssen Sie erklären.
Die altersadäquate Unterrichtsform im Kindergarten wäre eigentlich das freie, selbstbestimmte Spiel. Ich beobachte aber, dass in Kindergärten immer mehr lektionenbezogener Unterricht wie in der Schule durchgeführt wird. Der Unterricht ist in 45-Minuten-Sequenzen eingeteilt, sogar das Spielen. Für junge Kinder ist das eine grosse Herausforderung.

Wie ist das in der Basisstufe?
Wie im Kindergarten sollte man an der Basisstufe viel Wert auf das freie Spiel legen. Ich denke, viele Lehrkräfte am Kindergarten, aber auch an der Basisstufe, kennen diesen Wert. Das Problem ist, dass das freie Spiel bei vielen Eltern, insbesondere bei Akademikern, kaum mehr Anerkennung geniesst.

Weshalb ist das so?
Man glaubt heute zu sehr, dass ausschliesslich schulisches Lernen – und damit verbunden gute Schulnoten – auch ein Garant für eine erfolgreiche Schullaufbahn sind. Doch das ist nicht so. Vor allem beim freien Spielen erwerben Kinder auch Frustrationstoleranz, Widerstandsfähigkeit, schulen ihre Persönlichkeit und erwerben soziale Fähigkeiten. Für ein gelingendes Leben sind vor allem diese Faktoren entscheidend. Ich finde deshalb, dass es unbedingt eine schweizweite Spielinitiative brauchte.

Besucht Ihr Kind die Basisstufe statt den Kindergarten? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Oder kennen Sie vielleicht beide Modelle und können vergleichen? Teilen Sie mit uns Ihre Erfahrungen und Geschichten und diskutieren Sie mit.

(Der Bund)

Erstellt: 17.04.2018, 06:38 Uhr

Margrit Stamm, Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft

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