«Velofahrer sind Botschafter, die Geschichten mitbringen»

Monika Estermann und Robert Spengeler haben in 13 Jahren die Welt per Velo bereist. Spannend war's immer, gefährlich fast nie.

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Geplant hatte sie es schon lange. Doch alleine wollte Monika Estermann nicht aufbrechen. Als sie Robert Spengeler kennen lernte, fragte sie unverfänglich, ob er gern reise, was er bejahte. Als er hörte, dass die Reise nach Indien auf dem Velo stattfinden solle, schaute er «schon etwas ‹ghüslet›». Sehr sportlich waren beide nicht, deshalb fuhren sie als «Versuecherli» an die Expo.02 und sparten einige Jahre, um sich eine lange Erwerbspause leisten zu können.

Los gings 2004 mit je 70 Kilogramm Gepäck auf den Drahteseln. Äusserst schwerfällig seien die Räder mit den übervollen Sacochen gewesen: «Wir fuhren wie Betrunkene, schwankten von einer Strassenseite zur anderen.» Dann warfen sie Ballast ab. «Zuerst hatte ich vier Paar Schuhe dabei», sagt Estermann, «mit der Zeit merkt man, was man wirklich braucht.» Ein Smartphone? Gabs noch nicht. «Zuerst fotografierten wir mit Filmen, die wir zum Entwickeln heimschickten», sagt Spengeler. Später legten sie sich eine Digitalkamera zu, einen Laptop und lokale SIM-Karten für das Mobiltelefon, um Gebühren zu sparen.

Der Status eines Velofahrers ist unklar und kann sich rasch ändern. Wer sich auf dem Rad aus der heimischen Blase der hippen Bikergemeinde verabschiedet, wird schon in Italien zum Exoten oder zur bemitleidenswerten Kreatur, die sich kein Auto leisten kann.

In Afrika habe ihnen ein junger Mann gesagt, wenn ihn Bekannte auf dem Velo sähen, wäre er erledigt, denn ein solches brauche nur, wer zur wenig angesehenen Feldarbeit fahre. «Wieso fährt ihr nicht Auto?», fragten andere, als sie hörten, dass die zwei aus der reichen Schweiz stammen. «Dann hätten wir dich nicht getroffen», gaben die Reisenden schlagfertig zurück.

Ein Auto kann Schutz bedeuten, aber auch ein Käfig sein. «Als Velofahrer kann man keine Scheibe hochkurbeln.» Man sei nahe bei den Leuten und ansprechbar, weshalb man sich auch abgrenzen müsse. «Wenn einen in Indien hundert Leute anstarren, ist man froh, einmal in einem Hotelzimmer zu nächtigen, das man abschliessen kann.» Velofahrer seien für Einheimische auch Botschafter, die Geschichten mitbrächten.

Fast immer stiessen sie auf herzliche, nette Menschen, die sie einluden und bei der Verwandtschaft herumboten. Wenn eine arme Familie in einem Häuschen die Grossmutter aus ihrem Zimmer ausquartiere, um dort die Gäste unterzubringen, sei einem das nicht recht. «Aber man lernt es zu akzeptieren, sonst würde man die Gastgeber beleidigen.»

Ist dies nicht eine subtile Form der Ausbeutung? Es gebe Reisende, die sich gerne aushalten liessen und darauf stolz seien. Sie hätten sich bemüht, sich anders zu verhalten. «Wir haben den Leuten stets etwas geschenkt, das sie gut brauchen können, oder etwas Typisches von zu Hause gekocht.» Und kein Schleckzeug verteilt, mit dem Ausländer in touristischen Gegenden ganze Trauben von Strassenkindern hinter sich herziehen.

«Diebe wissen, dass Velofahrer nicht allzu viel auf sich tragen.»

Estermann und Spengeler erging es wie Eichendorffs Taugenichts, der unabsichtlich in Abenteuer hineingerät. Als sie in Mexiko Gäste bei einer Familienfeier waren, hörten sie Knallereien, die sie für Feuerwerk hielten. Der Gastgeber sagte: «Das ist die Drogenmafia, die sich mit der Armee ein Feuergefecht liefert.» Richtig gefährlich sei es dennoch nie gewesen, nicht einmal im Sinai in Ägypten, der als von Terroristen durchseucht gilt. Einmal sei ihnen in Nicaragua fast ein Velo gestohlen worden, Raubattacken mit Messern oder Pistolen hätten sie aber nie erlebt: «Diebe wissen, dass Velofahrer nicht allzu viel auf sich tragen.»

Wer reist, ist – oft ganz unbewusst – Botschafter seines Landes und seiner Kultur. Als 2005 Papst Johannes Paul II. verstarb, erfuhren es die Radler im islamisch geprägten Pakistan, als ein Mann zu ihnen sagte: «Es tut mir so leid, euer Papst ist tot.»

Als sie in der uralten Stadt Yazd im Iran eintrafen, gings auf Weihnachten zu. Einwohner bereiteten für die Fremden ein Weihnachtsfest vor. «Sie hängten ein Kreuz an die Wand und schmückten einen Baum.» Estermann und Spengeler, beide nicht sehr kirchennah, luden im Internet eilig den Text von «Oh Tannenbaum» herunter, um sich beim Vorsingen nicht zu blamieren. Als sich der obligate Aufpasser des Mullah-Regimes verzogen hatte, wurde westliche Popmusik gespielt, und die Cola-Flaschen mit dem Rotwein kreisten. (Der Bund)

Erstellt: 12.03.2018, 06:29 Uhr

Rund um die Welt in 13 Jahren

So ausgedehnt war's 2004 nicht geplant, «nur» eine Velotour nach Indien. Doch Monika Estermann und Robert Spengeler reisten weiter, zu Lande und zu Wasser, nie in der Luft.

Indien, Pakistan, China, Japan, Kanada, USA, Mexiko, Argentinien hiessen einige Stationen. Nach einem Unterbruch durchquerten sie Afrika, von wo sie Ende 2017 zurückkehrten. Die 45-jährige frühere Flight Attendant und der 54-jährige Elektroniker, die vor der Reise in Lyss wohnten, verbrauchten ihr Erspartes und nahmen unterwegs Hilfsjobs an, etwa in der Landwirtschaft.

Die Schweizer Krankenkasse gaben sie auf und schlossen eine Reisekrankenversicherung ab. Wenn sie nicht im Zelt übernachteten, leisteten sie sich ein günstiges Hostel und kauften Lebensmittel zum Selberkochen.

Jetzt berichten sie in Vorträgen von ihren Abenteuern – und wie man sie als Paar durchsteht, ohne sich zu entfremden. Die Multimediapräsentation heisst: «Der LANGsame Weg nach Hause». Viele Zuhörer trauten sich zwar einen solchen Ausbruch nicht zu, genössen es aber, davon zu träumen, sagt Estermann.

Do, 15. 3., Kirchgemeinde Paulus, Freiestr. 20, Bern / Fr, 16. 3., Ref. Kirchgemeindehaus, Frutigenstr. 22, Thun; je 19.30 Uhr. Mehr Informationen: velocos.ch

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