Urbane Insel vor dörflicher Kulisse

In Oberwangen wird für 60 Millionen Franken Wohnraum für vife Senioren und werktätige Singles geplant.

148 meist kleine Wohnungen sollen dereinst hier beim Bahnhof Oberwangen stehen.

148 meist kleine Wohnungen sollen dereinst hier beim Bahnhof Oberwangen stehen.

(Bild: Adrian Moser)

Marc Lettau

Ein Wald von Profilstangen kündet bei der Bahnstation Oberwangen die grosse Veränderung an. Und der Blick in die Akten zum derzeit aufliegenden Baugesuch bestätigt, dass hier mit grosser Kelle angerichtet werden soll: Geplant sind keine 60 Sekunden Fussweg vom Bahngleis entfernt knapp 150 Wohnungen.

Der Verfasser des Grossprojekts, der Thuner Architekt Mabrouk Hamdani, skizziert eine fürs Wangental neue Variante des – wie er es nennt – «Intergenerationen-Wohnens».

Die zumeist kleinen Wohnungen seien einerseits gedacht fürs betreute Wohnen im Alter und anderseits – als Kontrast dazu – für vielbeschäftigte werktätige Singles, die temporär eine Wohnbasis nahe der Bundesstadt suchten und hotelähnliche Serviceangebote schätzten. Oberwangen soll also auch zur Idealdestination für Geschäftsleute werden.

Dicht an den Gleisen sollen deshalb nicht nur Wohnungen entstehen, sondern zugleich Wellnessbereiche, ein veritables Restaurant samt Mahlzeitendienstangebot, eine Kinderkrippe, dreissig Gästebetten, Therapieräume und ein Wäschedienst. Kurz: eine urbane Dienstleistungsinsel vor der unvermindert sehr dörflich wirkenden Oberwangener Kulisse ennet der Gleise.

Der Name verspricht Ökologie

Baugesuchsteller ist die Résidence 2000 Watt AG aus Gunten. Der Name suggeriert, in Oberwangen sei energetisch Vorbildliches geplant. Projektverfasser Hamdani, seines Zeichens Verwaltungsratspräsident der Résidence 2000 Watt AG, will es auch genau so verstanden haben: «Wir wollen mit dem Projekt in Richtung der 2000-Watt-Gesellschaft gehen.»

Inwiefern die Siedlung dereinst energetisch herausragen könnte, ist allerdings noch offen. Hamdani strebt zwar das Label Minergie P an, setzt auf grossflächige Solaranlagen und will die erforderliche Wärme aus Holzschnitzeln gewinnen. Für konkrete energetische Aussagen ist der Planungsstand aber noch zu wenig detailliert.

«Autofrei» – mit 123 Parkplätzen

Für die 2000-Watt-Gesellschaft spräche die gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Hamdani bringt für Oberwangen denn auch die Vision des «autofreien» Wohnens ins Spiel. Er setzt darauf, dass die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner kapierten, dass die Fahrt per Bahn ins Stadtzentrum von Bern nur neun Minuten dauere.

Für die «Automobilen» werde die künftige, die Liegenschaft bewirtschaftende Betreiberschaft ein Carsharing-Modell anbieten. Laut Baugesuchsakten werden für die 148 meist kleinen Wohnungen trotzdem 123 Einstellhallenplätze geplant. Autofrei ist die Siedlung somit nicht.

Und von der neuen, urbanen Realität von nur noch 0,5 Parkplätzen pro Wohnung ist sie auch recht weit entfernt. Das sei nur ein vermeintlicher Widerspruch, sagt Hamdani: Die Einstellhalle werde so geplant, dass sie nicht zwingend fürs Abstellen von Autos gebraucht werden müsse.

Die Last des schillernden Namens

Die grosse Veränderung wird das heutige Oberwangen herausfordern. Hamdani sagt deshalb klar: «Wir rechnen mit Opposition.» Unklar ist, ob sich die erwartete Opposition allein gegen das Projektierte richten wird oder auch dadurch befeuert wird, dass die Résidence 2000 Watt AG Teil der schwer fassbaren Dinett Holding ist, die mit dem schillernden französischen Unternehmer Laurent Helfrich in Verbindung steht.

Helfrichs Geschäftsgebaren sorgte verschiedentlich für Schlagzeilen. Und Helfrich war es, der in den Ende 2014 eingereichten Baugesuchsakten als Bauherr und Grundeigentümer figurierte und der 2015 in Oberwangen öffentlich für das Projekt eintrat.

Der Projektleiter und heutige Verwaltungsratspräsident der Résidence 2000 Watt AG, Hamdani, ärgert sich über die Nachfrage, welche Rolle denn Helfrich im Projekt spiele: «Überhaupt keine.» Was sicher stimmt: Helfrich sitzt inzwischen nicht mehr im Verwaltungsrat der in Oberwangen auftretenden AG, und auch in den anderen Tochterfirmen der Dinett Holding hat er keine offizielle Charge mehr inne.

Für Hamdani ist deshalb klar: «Diese Geschichte ist absolut Schnee von gestern.» Und es sei «unfair», das Projekt auf «diesen gestrigen Schnee» zu reduzieren.

Herausfordernde Lage

Frei von Argwohn ist nach eigenem Bekunden auf jeden Fall auch Gemeinderätin und Planungsvorsteherin Katrin Sedlmayer. Zwar schrieb die «Berner Zeitung» vor Jahresfrist, im Könizer Gemeinderat seien in Bezug auf das Projekt Bedenken laut geworden und man hege Zweifel an der Bauherrschaft.

Das stellte Sedlmayer gestern in Abrede: «Es gab zu keinem Zeitpunkt irgendeine Aussage, welche den Willen zur Realisierung des Projektes infrage stellte.» Letztlich ist aber nicht Köniz die Bewilligungsinstanz, sondern das Regierungsstatthalteramt – unter anderem, weil das Projekt auch einen Gastgewerbebetrieb beinhaltet.

Aus raumplanerischer Sicht ist das Projekt für die Gemeinde Köniz so oder so von Bedeutung: Es sei wichtig, «dass an dieser herausfordernden Lage zwischen Kantonsstrasse und Eisenbahn sowie Autobahn eine Überbauung ermöglicht wird, welche an dieser gut erschlossenen Lage adäquat auf die Lärmsituation reagieren kann», sagt Sedlmayer.

Von einem sehr attraktiven Wohnort im gängigen Sinne mag Sedlmayer nicht reden. Aber das Projekt biete die Chance, dass es zum «Brückenschlag» zwischen dem von Verkehrsachsen unübersehbar in zwei Teile zerschnittenen Dorfes beitrage.

Die Baugesuchsakten liegen bis am 2. September 2016 öffentlich auf.

Mehr Informationen zum Wohnprojekt in Oberwangen finden Sie hier.

Der Bund

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