«Unsere Hilflosigkeit nützt niemandem»

Abertausende flüchten. Aber viele sind gar nicht in der Lage dazu. Darum engagiert sich Andrea Deutsch für Hilfe vor Ort.

Andrea Deutsch zum Grund für ihr Tun: «Ich kann es mir leisen.»

Andrea Deutsch zum Grund für ihr Tun: «Ich kann es mir leisen.» Bild: Adrian Moser

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Die Bilder berühren Andrea Deutsch so, wie die meisten anderen auch. Zu sehen, wie sich Flüchtlinge in hinfälligen Booten dem Meer anvertrauten und Europa mit auffälligem Misstrauen dem Geschehen begegne, wecke «ein Gefühl der Hilflosigkeit». Nur: «Unsere Hilf­losigkeit nützt niemandem.» Man müsse das Bedrückende zum Anlass nehmen, «hin zum Konkreten» zu kommen.

Für sie selbst heisst es: einmal mehr zum Konkreten zu kommen. Bereits früher half die heute 51-jährige Pflegefachfrau und Spitex-Kreisleiterin aus Niederscherli als Freiwillige, Asyl­suchende zu betreuen. Jetzt aber will sie das Anspruchsvollere schaffen. Sie treibt den Aufbau eines spitex­ähnlichen Gesundheitszentrums an einer Schule für sozial benachteiligte Mädchen in Pakistan voran.

Es sei absolut richtig, Menschen auf der Flucht beizustehen. Nur dürfe darob die Hilfe vor Ort nicht vergessen gehen, sagt sie. Diese sei wichtig: «Gerade die Verletzlichsten können oft nirgendwohin.» Es gebe also immer einen Teil der Bevölkerung, der nicht flüchten könne, «egal wie schlimm die Zustände auch sind». Dazu gehörten «Menschen, die eh nichts haben», etwa Frauen und Mädchen aus unteren sozialen Schichten.

Islameinführung in der Pflegeausbildung Die Annäherung ans Engagement vor Ort war für Andrea Deutsch eine schrittweise. Zwölf Jahre lang dozierte sie am Berner Bildungszentrum Pflege. Gelehrt wird dort auch «soziokulturelle Kompetenz» – und da führte sie an der Seite des pakistanischen Dozenten Yahya Hassan Bajwa die Studierenden in den Islam ein: «Das gehört heute zur Grundausbildung, weil gut ein Drittel der Patientinnen und Patienten aus ‹fremden› Kulturkreisen stammen.»

Doch sie lehrte nicht nur. Sie lernte auch. Sie lernte die Hoffnung ihres pakistanischen Gegenübers kennen, die Gesundheitsversorgung von besonders Benachteiligten in Pakistan zu verbessern. Und sie lernte, dass ihre eigene soziokulturelle Kompetenz Grenzen hat: Die erste Reise nach Pakistan war «ein Kulturschock». Am schwersten wog die ständige Abhängigkeit von den Entscheidungen der Männer. Weil die – männlichen – Schulleiter just während ihrer Visite herumreisen mussten, reiste auch sie mit. Den Aufbau der geplanten Gesundheitseinrichtung an der Mädchenschule bei Islamabad musste sie aufschieben.

Dafür behandelte sie halt täglich in verschiedenen Dörfern kostenlos Bedürftige, Patientinnen und Patienten mit Gelenkbeschwerden, Diabetes, Tuberkulose, Typhus, Krätze, Kinderlähmung, unausgeheilten Verletzungen. Sie sei dabei mit «schwer auszu­haltenden» Abwägungen konfrontiert worden. Eine Familie hatte zu entscheiden, ob sie ihr Geld für die Therapie ihrer an Tuberkulose erkrankten Tochter oder für die Mitgift ihrer anderen Tochter einsetzen will: «Sie entschieden sich für die Mitgift.»

Gegenwärtig ist Andrea Deutsch mit den Realitäten in der hiesigen Spitex konfrontiert: «Die hohe Belastung ist auch für mich Alltag.» Gleichwohl will sie möglichst bald einen Berner Ableger des gemeinnützigen Vereins Living Education gründen, der in Pakistan nicht nur besagte Mädchenschule und weitere Institutionen trägt, sondern grosse Hoffnungen in den Aufbau einer guten medizinischen Grundversorgung für die Ärmsten setzt.

Auf Angst folgt Unterstützung Wie wird reagiert, wenn sie für ihre Anliegen wirbt? Sie erinnere sich an gute Erfahrungen: «Bei der Arbeit mit Asylsuchenden habe ich – manchmal nach anfänglicher Angst oder Ablehnung – immer Unterstützung erfahren.» Tun denn die Schweizerinnen und Schweizer insgesamt genug für die Hilfe vor Ort? Das wisse sie nicht. So gestellt sei die Frage auch «allzu plakativ».

Warum tut Andrea Deutsch das, was sie eben tut? Eine erste Antwort gibt Fida Waraich, der pakistanische Schulleiter: «Wenn immer ich sie helfen sah, dachte ich mir, dass eine himmlische Kraft sie antreibt.» Für Andrea Deutsch klingt das «enorm übertrieben». Sie mag es simpler: «Ich mache es einfach gern.» Und: «Ich kann es mir leisten.» Sie habe eine gute Ausbildung, könne etwas weitergeben, sei selber gesund und könne also aus dem Vollen schöpfen. Da biete sich ein Engagement «für Menschen ohne vergleichbare Möglichkeiten» einfach an. Und tun wolle sie das alles ohne jede «moralische Beigabe». Das Pflaster in der einen Hand und die Bibel in der anderen: «Das ist nicht mein Ding.»

Ein Schlüsselerlebnis, das ihre heutige Haltung erkläre, gebe es nicht: «Ich wusste schon als Jugendliche, dass ich etwas beitragen möchte – egal was –, damit es anderen Menschen etwas besser geht.» Heute sei dieser Wunsch lediglich «etwas ausgeprägter».

//www.livingeducation.org/ (Der Bund)

Erstellt: 21.09.2015, 10:42 Uhr

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54 Franken für die Solidarität

Angesichts der vielen Menschen in Not und auf der Flucht sammeln derzeit zahlreiche Hilfswerke finanzielle Mittel, die besonders auch in die «Hilfe vor Ort» fliessen soll. Die Frage, ob die dabei gezeigte Solidarität gross oder eher bescheiden ist, lässt sich so leicht nicht beantworten. Immerhin wird die Spendenfreudigkeit der Schweizerinnen und Schweizer seit 40 Jahren minutiös erhoben. Die Leistungen aller privaten Hilfswerke – eingeschlossen auch zahlreiche kleine, in der Entwicklungshilfe tätige Vereine – werden von der Eidgenossenschaft erfasst und als «nichtstaatliche Entwicklungshilfe» ausgewiesen. 2013 belief sich diese «nichtstaatliche Entwicklungshilfe» auf insgesamt 466,1 Millionen Franken ein – Tendenz leicht steigend. Ausgehend von 8,24 Millionen in der Schweiz lebenden Menschen liegt somit das jährliche Engagement pro Kopf bei rund 54 Franken.

Tendenz stagnierend: So lautet der Befund bei der staatlichen Entwicklungshilfe der Schweiz. Die Zielvorgabe der UNO an die reichen Industrienationen lautet, mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für die ­öffentliche Entwicklungshilfe einzusetzen. Während etwa Schweden letztes Jahr auf 1,1 Prozent kam, setzte die Schweiz 0,49 Prozent, respektive 3,25 Milliarden Franken, ein.

Übersehen wird oft, wie sehr in der Schweiz lebende Migrantinnen und Migranten zur Armutsbekämpfung vor Ort beitragen: Ihre Rücküberweisungen – sogenannte Remittancies – von rund 6 Milliarden Franken pro Jahr fliessen auch in klassische Entwicklungsländer.

In einem Online-Artikel haben die Journalisten David Bauer, Philipp Loser und Amir Mustedanagic diese Geldflüsse recherchiert: «Milliarden aus der Fremde».

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