Und jetzt verheerende Hochwasser?

In höheren Lagen liegt so viel Schnee wie selten. Muss man sich nun vor Hochwassern fürchten, so wie im Katastrophenjahr 1999? Nicht unbedingt.

Bei Weissenburg im Simmental  hat eine Schlammlawine die Strasse und das Bahntrassee unterbrochen.

Bei Weissenburg im Simmental hat eine Schlammlawine die Strasse und das Bahntrassee unterbrochen. Bild: Bruno Petroni

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«Extrem viel Schnee.» – «Massiv mehr als sonst.» So beschreiben Bergbahnbetreiber aus dem Kanton Bern die Schneesituation in höheren Lagen ab 1800 Metern. Die Niederschläge in den letzten Tagen sind nicht ohne Konsequenzen geblieben. Bei Weissenburg im Simmental hat eine Schlammlawine, ein Murgang, die Strasse und die Bahn verschüttet. Wann die Bahn wieder fahren kann, ist unklar.

Im Emmental ging zwischen Sumiswald und Lützelflüh ein Erdrutsch auf die Strasse nieder, ebenso wie zwischen Büren an der Aare und Münchenbuchsee: Dort wurde eine Strasse mit Schlamm überzogen. Bei der Polizei gingen mehrere Dutzend Meldungen ein, vor allem wegen Wassereinbrüchen in Häuser. Verletzt wurde niemand.

Wie im Jahrhundert-Winter?

Die Schneesituation wird vielerorts mit jener im Jahr 1999 verglichen. Im «Jahrhundert-Schneewinter» lagen ebenfalls riesige Mengen von Schnee in den Bergen. Nach den Lawinen folgte im Mai das Hochwasser. Besteht Grund zur Annahme, dass es nun wieder darauf hinauslaufen könnte? Schliesslich sagt doch der Volksmund, der Schnee von gestern sei das Hochwasser von morgen.

Am Geografischen Institut der Universität Bern ist in den letzten Jahren der Zusammenhang zwischen der vorhandenen Schneemenge und der Entstehung von Hochwassern eingehend untersucht worden. Die Hydrologen Ole Rössler und Rolf Weingartner, Leiter der Gruppe Hydrologie, haben für drei Flüsse im Berner Oberland 31 reale und gegen 1000 mögliche Frühjahrshochwasser untersucht. Dabei sind sie zum Schluss gekommen, dass das tatsächliche Wetter ein wichtigerer Faktor ist als die blosse Dicke der Schneedecke (siehe «Bund» vom 3. März 2015).

1999 passten die negativen Faktoren zusammen. Die Hochwasser waren verheerend. Es gab aber auch Jahre mit ebenfalls sehr viel Schnee – und es geschah nichts. Rössler und Weingartner konnten mit ihrer Arbeit den Volksmund widerlegen. Die Mächtigkeit der Schneedecke sei zwar zu einem grossen Teil verantwortlich dafür, ob während des ersten Halbjahres insgesamt viel oder wenig Wasser abfliesse. Die Schneesituation habe aber nur einen geringen Einfluss auf die Spitzenabflüsse. Diesbezüglich entscheidend sei vielmehr die Witterung – im Speziellen die Regenmenge, die innerhalb von drei Tagen falle. Ebenso die Situation, wie sie vor dem «Ereignis» herrscht, also ob beispielsweise die Seen bereits voll sind.

Aber wie sieht es jetzt aus? Im Kanton Bern sind bis gestern bereits kleinere Bäche über die Ufer getreten. Die Pegel von Seen und Flüssen sind angestiegen. Besonders der Bielersee musste viel Wasser aufnehmen. Sein Pegel lag gestern Morgen noch rund einen halben Meter unter der Hochwassergrenze.

Schneegrenze ist weiter oben

Rössler sagte gestern, derzeit sei in den grösseren Flüssen «nur aufgrund der Schneeschmelze» nicht mit Hochwassern zu rechnen. Ein Grund liege darin, dass die Schneegrenze im Vergleich zu 1999 weiter oben liege und in tieferen Lagen nicht sehr viel Schnee vorhanden sei. Das bedeutet: Verglichen mit 1999 ist die Fläche kleiner, auf der Schnee schmelzen kann. Tendenziell wird somit weniger Wasser in die Flüsse gelangen. Laut Rössler wird entscheidend sein, ob es in den nächsten Monaten eine warme Phase mit starken Niederschlägen geben wird – so wie an Pfingsten 1999.

Etwas liegt in der Natur der Sache: Nach schneearmen Wintern dauert die Schneeschmelze weniger lang als nach schneereichen. Bei lang anhaltender Schneeschmelze ist somit der Zeitraum grösser, in dem ein starkes Regenereignis auf bereits volle Flüsse und Seen treffen kann. Das latente Hochwasserrisiko bleibt nach einem schneereichen Winter somit länger bestehen. Gemäss Rössler sind auch die teils markanten Abflüsse der letzten Tage weniger auf die Schneeschmelze als auf die starken Niederschläge zurückzuführen, die auf teilweise stark gesättigte Böden fielen.

Die nassen Tage und Wochen «zeigen hier also schon ihre Wirkung». Entscheidend für die nächste Zeit werde sein, «wie wechselhaft das Wetter bleibt». Es komme also darauf an, ob der Niederschlag weiterhin als Regen und Schnee falle und gesättigte Böden und gesättigten Schnee als «perfekte Ausgangslage» hinterlasse – für einen stärkeren, Hochwasser auslösenden Regenfall. (Der Bund)

Erstellt: 24.01.2018, 06:29 Uhr

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