Für die Nachwelt festgehalten

Im Staatsarchiv des Kantons Bern lagern grosse fotografische Schätze. Nun sind umfangreiche Bestände online verfügbar.

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Es begann mit einem alten, baufälligen Bauernhaus in Riggisberg: Nur wenige Tage vor dem Abbruch wurde das Staatsarchiv darauf aufmerksam gemacht, dass dort, versteckt auf dem Heuboden, in Bananenschachteln Fotografien von Carl Jost vor sich hin gammelten. Schimmel und Silberfischchen hatten den Bildern arg zugesetzt. Es war laut Staatsarchivarin Barbara Studer Immenhauser buchstäblich «eine Rettung in letzter Minute». Die Fotografien wurden in eine «Quarantänestation» verbracht, um Schimmel und Silberfischchen loszuwerden. Dann wurden die Bilder erfasst und digitalisiert.

Carl Jost (1899–1967) war während Jahrzehnten bei fast allen wichtigen politischen Ereignissen in Bern und Umgebung mit der Kamera zugegen und hielt diese für die Nachwelt fest. So fotografierte er etwa den Besuch des Königs Ali von Transjordanien in Bern im Jahr 1933, der sich vornehmlich für die schönen und eleganten Pferde in der Eidgenössischen Pferde-Regieanstalt interessierte. In der zeitgenössischen Presse wurde Ali als «fortschrittlicher arabischer Monarch» bezeichnet. Er war der Bruder von König Faisal von Irak. Auch dieser hielt sich im Jahre 1933 zur medizinischen Behandlung in Bern auf. Er starb jedoch an einem Herzinfarkt. Jost fotografierte anschliessend die aufgebahrte Leiche.

Freude an «tollen Quellen»

Josts Nachlass kam 2001 ins Staatsarchiv am Falkenplatz in Bern. Viele Negative von Jost konnten wegen ihres schlechten Zustands nicht im Original aufbewahrt werden, wie Studer Immenhauser an einer Medienkonferenz sagte. Das Staatsarchiv hat in den letzten Jahren eine grosse Anzahl neuer Fotobestände konserviert, erschlossen und online publiziert (Be.ch/inventar). «Das sind tolle Quellen», sagte Studer Immenhauser. «Ein Bild sagt manchmal einfach mehr als 1000 Worte.» Man könne etwas aus den Bildern herauslesen, ohne Historiker sein zu müssen. Mit dem jetzigen Angebot an historischen Pressebildern gehöre der Kanton Bern zur schweizweiten Spitzengruppe, erklärte die Staatsarchivarin.

Die Archivierung der Fotos ist anspruchsvoll, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Silvia Bühler sagt. «Wenn die Bilder zu uns kommen, sind sie häufig nicht gut beschriftet, nicht gut geordnet und nicht gut gelagert.» Der Aufwand ist entsprechend gross. Das Archiv will dafür sorgen, dass die Bilder auch genutzt werden – von Forschern, Studierenden, Medienschaffenden und interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Schon heute wird auf der Homepage des Staatsarchivs sehr oft nach Bildern gesucht. Tausende können dort abgerufen werden. Wer die Bilder gerne in hoher Auflösung verwenden möchte, muss einen Obolus von 15 Franken entrichten.

Die nun erschlossenen Archive geben Einblick in die Entwicklung der Berner Pressefotografie von 1920 bis 2000. Verfügbar ist auch der Nachlass von Walter Nydegger (1912–1986). Er war ein rasender Reporter und Pionier der Pressefotografie, der als freier Fotograf für Illustrierte, Tageszeitungen sowie für die «Berner Woche» tätig war. Er dokumentierte zahlreiche Unfälle, Brände und Katastrophen, er hielt Empfänge und Demonstrationen im Bild fest. Eines seiner Sujets war auch Zeitungsverkäufer Guggisberg, welcher mit Brissago im Mund und «Bund»-Käppi auf dem Kopf die Neuigkeiten des Tages anpries.

Lagerung ganz unten im Sousol

Komplett digitalisiert ist der Nachlass von Martin Hesse, dem Sohn des Schriftstellers Hermann Hesse. Von ihm sind zahlreiche Stadtansichten und Landschaftsaufnahmen vorhanden. Das Staatsarchiv hat weiter die Pressebilder der «Berner Zeitung» aus der Zeit zwischen 1950 und 2000 übernommen – es sind rund eine halbe Million Bilder. Die Fotografien wurden erfasst und können online recherchiert werden. Aus urheberrechtlichen Gründen können sie nicht digital abgerufen werden. Das Fotoarchiv des «Bund» mit rund 150'000 Aufnahmen befindet sich im Stadtarchiv Bern. Eine Digitalisierung ist geplant. Das Stadtarchiv bietet aber online Zugriff auf zahlreiche andere historische Aufnahmen (Archiv.bern.ch).

Die Fotos im Staatsarchiv werden kühl und trocken gelagert, damit sie möglichst lange erhalten bleiben. Der Lagerraum befindet sich im vierten Untergeschoss und ist technisch mit einem Kühlraum einer Grossmetzgerei vergleichbar. Die eigenen Mittel, welche das Staatsarchiv für Pflege und Ausbau des Fotoarchivs aufwenden kann, sind mit 15'f000 Franken pro Jahr eher bescheiden. Man sei darum auf die finanzielle Unterstützung von Stiftungen und Sponsoren angewiesen, sagte Staatsarchivarin Studer Immenhauser. Diese Drittmittel beliefen sich auf 150'000 Franken. Die Pressefoto-Sammlung soll in Zukunft weiter ausgebaut werden. Schliesslich gibt es noch etliche zeitgenössische Berner Fotografen mit grossen Lagerbeständen. «Wir hätten Platz für alle, die noch mit Papier arbeiteten», sagte Studer Immenhauser. (Der Bund)

Erstellt: 10.01.2018, 13:22 Uhr

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