Turlututu, je suis touriste

«Poller»-Kolumnistin Hanna Jordi fordert Versöhnung im Frühfranzösisch-Streit. Ob «Mille feuille» oder «Bonne chance»: Jede Generation hat ihr eigenes Joch zu tragen.

hero image
Hanna Jordi

Grammatik kann über Leben und Tod entscheiden. Im famosen Beispielsatz der Interpunktionsfetischisten ist das der Fall: Sagte der kommaschwache König nun «Begnadige nicht, hinrichten» oder doch «Begnadige, nicht hinrichten»? Der Scharfrichter steht ratlos am Richtblock. Fatal! Natürlich ist das Beispiel völlig konstruiert, denn im Normalfall kommt der Mensch gut ohne Grammatik zurecht. Vorab der ganz junge Mensch. Der guten Sprache noch nicht mächtig, kann er mit wenigen Verben in der Grundform viel in Bewegung setzen. Es plagt ihn ein Hunger? «Dada essen» genügt in der Regel vollauf, die Erziehungsbefugten verstehen.

***

Der Streit um den Französischunterricht an Berner Schulen dreht sich um diese Frage: Soll der junge Mensch zuerst die Regeln lernen und erst dann das Plappern oder umgekehrt? Soll er fähig sein, das Verb «se tuméfier» (dt. anschwellen) fehlerfrei zu konjugieren oder reicht es, wenn er den Kellner mit einigen Schlüsselworten und expressiver Gestik über seine Krustentierallergie in Kenntnis setzt? «Mille feuilles», das aktuelle Lehrmittel ab der dritten Klasse, setzt auf Plappern vor Regeln. Und macht sich damit Feinde. Hier wird an pädagogischen Grundsätzen gerüttelt, und entsprechend verspannt verläuft die Debatte. Wie auch nicht, entgegnen nun die Verspannten, schliesslich geht es hier um unsere Kinder! Hier harren künftige Aussenministerinnen, Diplomaten und Flugbegleiter der Ausbildung, auf dass sie eines Tages Muttersprachler mit charmanten Wortspielen betören können!

***

Mag sein. Dennoch ist etwas Entkrampfung ratsam. Als hätte früher die Fremdsprachenvermittlung tadellos funktioniert! Jede Generation hat ihr Joch zu tragen. Vor dem Lehrplan 21 benutzte man in Bern bekanntlich das «Bonne chance». Nun musste man kein Oberstufenschüler sein, um zu bemerken, dass dieses Buch treffsicher an seiner Zielgruppe vorbeidozierte. Mit elf Jahren, als in den Kinderzimmern der 90er mit dem Wu Tang Clan das Hartsein und mit den Backstreet Boys der Herzschmerz geprobt wurde, begrüsste einen der Lehrer in der Schule dank «Bonne chance» mit zwei einfältigen Handpuppen namens Pierrot und Pierrette. Marionetten! Kinderkram. Die Unter­betreuten übten zu Hause auf dem Nintendo Handgriffe für die Zombi­e­apokalypse, doch in der Schule lehrte sie das «Bonne chance» schamhafte Kraftausdrücke aus einer vergangenen Zeit. «Turlututu» und «Zut alors!»: So muss Madame Bovary geklungen haben, als sie bemerkte, dass das Rattengift alle war. Wir waren ratlos.

***

Ein Blick über den Röstigraben zeigt aber: Die Berner Kinder kamen noch gut weg. In Genf hiess das Äquivalent zum «Bonne chance» «Sowieso». Die Botschafter der deutschen Sprache waren zwei Vögel in Skaterklamotten, Kiki und Amadeus, die eine suspekte Freude an pädagogisch wertvoller Rapmusik an den Tag legten. Sie waren nicht sehr begabt. Der «Sowieso-Rap» ging so: «Magst du Kino, Video, Disco, Auto, Expo, Euro? Na klar, sowieso! Bist du froh im Büro, im Zoo und auf dem Klo? Na klar, sowieso!» Eine ganze Generation Genfer muss uns Deutschschweizer heute für komplett geistesschwach halten.

***

Neben Pierrot und Pierrette war es im «Bonne chance» die Familie Châtelain, die den Kindern Französisch näherbrachte. Sie rappte nicht, doch sie erlebte viele Abenteuer. Eines ist besonders sprechend: Der Sohn der Familie, Pascal, reist nach Frankreich, wo er von einem Einheimischen nach einer Auskunft gefragt wird. Er wehrt ab: «Je ne sais pas, je suis touriste.» Ein toller Passepartout, den wir danach bei jeder Gelegenheit benutzten. Eine Frage im Französischunterricht überforderte? Je ne sais pas, ich bin schliesslich nur zu Besuch hier. Wir konnten zwar «être» richtig konjugieren, aber das dümmliche Umherirren mit Stadtplan und Kamera haben wir dann nie ganz abgelegt. Etwas mehr furchtloses Brachialfranzösisch, etwas mehr radebrechender Gassensprech, das wäre den Schülern von heute schon zu wünschen. Und die Kommas? On s’en fout.

Hanna Jordi ist Leiterin der Online­redaktion. Sie ist sich noch immer nicht sicher, was die «Verbes de l’hôpital» mit dem Gesundheitswesen zu tun haben.

Welches Französischlehrmittel durften Sie während Ihrer Schulzeit benutzen? Schreiben Sie in unsere Kommentarspalte!

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt