Tram-Entscheid löst keine Stimmenflut aus

Während Ostermundigen viele Stimmcouverts zählt, harzt die Mobilisierung in Köniz und Bern. Exponenten wagen Prognosen und kritisieren die Ja-Kampagne.

Kein Ansturm auf den Berner Erlacherhof: Der Rücklauf der Stimmcouverts ist bisher bloss «durchschnittlich».

Kein Ansturm auf den Berner Erlacherhof: Der Rücklauf der Stimmcouverts ist bisher bloss «durchschnittlich».

(Bild: Valérie Chételat)

Adrian Müller@mueller_adrian

Das Tram Region Bern mobilisiert die Stimmbürger – aber bislang nur in Ostermundigen: Bei der Gemeindeverwaltung sind bis Mittwochmittag über 4000 Abstimmungscouverts eingegangen, pro Tag kommen durchschnittlich bis 350 dazu – eine stattliche Zahl bei rund 10'000 Stimmberechtigten. «Wir erwarten eine hohe Stimmbeteiligung. Über 50 Prozent wäre für Ostermundigen ein extrem hoher Wert», sagt Gemeindeschreiberin Barbara Steudler. 90 Prozent aller Bürger stimmen per Brief ab.

Tram lässt Stadtberner kalt

Weniger zu mobilisieren scheint die Tram­abstimmung hingegen die Bevölkerung von Bern und Köniz: Bei der Berner Staatskanzlei sind bis Mittwoch 30'000 Stimmcouverts eingegangen. «Der Rücklauf deutet eher auf eine durchschnittliche Stimmbeteiligung hin», erklärt Lukas Schwab vom Informationsdienst. Bei der Abstimmung im Februar stapelten sich zum gleichen Zeitpunkt 17 Prozent mehr Briefe. Köniz erhebt keine genauen Zahlen: Es habe bislang «keine grosse Flut» an Stimmcouverts gegeben, dies deute auf eine «normale» Stimmbeteiligung hin, lässt die Gemeindeverwaltung verlauten.

Kritik an Ja-Kampagne

Die grosse Frage bleibt: Welche Auswirkungen hat die hohe beziehungsweise wohl eher durchschnittliche Stimm­beteiligung auf das Endresultat? Politikberater Mark Balsiger wagt eine Prognose: «Der Leidensdruck im überfüllten 10er-Bus treibt die vielen direkt betrof­fenen Leute in Ostermundigen an die Urne. Ich erwarte dort ein klares Ja zur neuen Tramlinie.»

In der verzettelten, urban-ländlichen Gemeinde Köniz hingegen sei der direkte Nutzen des neuen Trams für viele Bürger nicht sofort ersichtlich. Denn es mangle in Köniz am klassischen Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gemeinde. Balsiger rechnet mit einem Nein zum Tramprojekt und kritisiert auch die Pro-Kampagne des Könizer Ja-Komitees: «Die Karte der Solidarität zwischen den Gemeindeteilen wurde zu wenig gespielt.» So habe sich der Abstimmungskampf mehr und mehr «zum Profilierungsfeld der Tramgegner» entwickelt. Die Gemeinde habe es verpasst, Kritiker und Opponenten bereits vor Jahren in das Projekt einzubinden.

In der Stadt Bern geht Balsiger eher von einem Ja zum Tram aus. «Nicht zuletzt wegen der positiven Erfahrungen, die die Berner mit dem Tram Bern-West gemacht haben.»

Tramgegner stapeln tief

Die Flyer sind verteilt, die Podien vorbei: Vier Tage vor der Abstimmung ist bei Urs Dürmüller, Präsident der «IG Tram Region Bern – so nicht!», Ruhe eingekehrt. Auf eine Prognose angesprochen, stapelt er tief. In Ostermundigen erwartet er ein Ja von «über 70 Prozent», in Bern rechnet er sicher mit 45 Prozent Nein-Stimmen, hofft aber auf mehr. «An den Podiumsveranstaltungen haben wir gepunktet, daraus schöpfen wir Hoffnung.» Hingegen ist er überzeugt, mit seinem unermüdlichen Engagement zumin­dest den Könizer Ast des Tram Region Bern verhindern zu können. «Köniz lehnt das Projekt mit 60 Prozent ab», prophezeit Dürmüller. Und lässt schon jetzt durchblicken, dass er sich in diesem Fall für ein «vernünftigeres» Tramprojekt einsetzen werde.

Nervosität beim Ja-Komitee

Bei den Trambefürwortern steigt die Nervosität: Hans-Rudolf Saxer, Präsident des Unterstützungskomitees Tram Region Bern, wagt keine Prognose zu den einzelnen Gemeinden. «Es ist alles offen. Wir werden am Sonntag sehen, ob die Fakten oder bloss Emotionen den Ausschlag geben.» Alexander Feuz (SVP) geht in der Tendenz von einem Ja in Oster­mundigen und von einem Nein in Köniz aus. In Bern sei noch alles möglich: «Gemäss den politischen Mehrheitsverhältnissen in der Stadt Bern ist das Rennen schon lange gelaufen. Aber dass nun selbst das Kinderparlament Nein zum Tram gesagt hat, gibt mir Hoffnung.»

Bei der Könizer Gemeinderätin und Trambefürworterin Rita Haudenschild (Grüne) ist das Unbehagen gewachsen. Sie erwartet ein «ganz, ganz knappes» Ja zum Tram. Dies setze voraus, dass bevölkerungsstarke Ortsteile wie das Liebefeld dem Projekt deutlich zustimmten. «Nicht zuletzt, weil uns das Tram nicht mehr als eine Schulhaussanierung kostet.»

Der Bund

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