Thuner Gymnasium Seefeld wehrt sich gegen Schliessung

Das Gymnasium wird 175 Jahre alt – und soll genau jetzt fusioniert werden. Die rund 500 Schüler und die Lehrerschaft wehren sich.

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Draussen ist es warm. Auf den Bänken im Park, an den Tischen vor dem Schulhaus und am Boden auf dem Sportplatz – überall sitzen Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Seefeld in Thun. Draussen ist man hier nicht nur während der Mittagspause, draussen sein ist hier Programm. Der geschützte Park und die Gärten rund um die Schulräumlichkeiten in den Villen Lüthi und Séquin und dem einstigen Lehrerinnen- und Lehrerseminar sind Lern- und Lebensort in einem.

Eben erst hat das Gymnasium Seefeld aufgrund seiner Lernräume einen Preis der Schweizerischen Weiterbildungszentrale gewonnen. Die Räume der Villa Lüthi, die den Ort und den Charakter der Schule prägt, wurden von Schülern und Lehrern neu gestaltet – ohne zusätzliches Budget. «Die Umsetzung des Projekts trägt massgeblich zur Verbesserung des Schulklimas bei und unterstützt damit auch die Gesamtvision der Schule», hält die Jury in ihrem Bericht zum Preis fest.

Das Aus des Gymnasiums

Doch gerade dieser Gesamtvision droht nun das Ende – und das im 175. Jubiläumsjahr. 1838 wurde die Schule als erstes staatliches Lehrinnenbildungsinstitut der Schweiz gegründet. Im Leitbild heisst es über die Institution, dass hier «Bildung und Gestaltung gepflegt» würden. Sie sei ein Ort, «wo alle unter guten Bedingungen lernen und lehren, leben und wachsen» könnten. Nun soll sie als Schulstandort aufgegeben werden. Das Gymnasium Schadau in Thun und das Gymnasium Seefeld sollen zusammengelegt werden. Auch in Biel sollen die drei Gymnasien neu nur noch an zwei Standorten geführt werden. Dies, weil die Mittelschulen im Rahmen der Angebots- und Strukturüberprüfung des Kantons insgesamt 9 Millionen Franken an das erforderliche Sparpaket beitragen müssen. Der Spareffekt aus der Zusammenlegung der beiden Thuner Gymnasien: eine halbe Million Franken.

Gegen die Zusammenlegung der beiden Schulen und die «Zusammenführung zweier ganz unterschiedlicher Schulkulturen» wehren sich nun die rund 500 Schüler und die Lehrerschaft – mit Postkarten, die sie verschicken, mit Briefen an Politiker, mit einem Aktionstag morgen Samstag in Thun und mit einer geplanten Lerndemonstration auf dem Bärenplatz in Bern.

Von Bern nach Thun

Die Schulkultur des Gymnasiums – gewachsen aus der ehemaligen Seminarkultur – ist ein Grund, weshalb die Schüler sich bewusst für das Seefeld entscheiden. Chiara Herold ist 18-jährig, belegt das Schwerpunktfach Pädagogik, Psychologie und Philosophie und besuchte zuvor das Gymnasium Neufeld in Bern. «Die Schule in Bern wirkt aufgrund ihrer Grösse wie eine Fabrik. Die Lehrer konnten weniger auf die einzelnen Schüler eingehen. Im Seefeld können wir Schüler aktiv am Schulkonzept mitarbeiten, hier geht es um das Individuum und nicht nur um Leistung.»

Auch Moana Weidner, Schwerpunktfach Musik, hat bewusst vom Gymnasium Kirchenfeld in Bern nach Thun gewechselt. Die Grösse der Schule und das Klima der Schule waren für die 18-Jährige ebenfalls ausschlaggebend. «Das Gymnasium Seefeld ist aufgrund seiner Grösse wie ein Zuhause – hier geht man nicht einfach zur Schule und schaut, dass man rasch wieder rauskommt. Die Lehrer haben Zeit für die Schüler, man darf jederzeit Fragen stellen und fördert nicht nur die Besten.»

Die Statistik unterstreicht das positive Lernumfeld insofern, als das Gymnasium Seefeld im Vergleich mit anderen Mittelschulen am wenigsten Krankheitsausfälle aufweist. Doch das Gymnasium Seefeld hat auch das Image eines «Schoggi-Gymer», wie böse Zungen sagen. «Vermutlich vermischt man dabei zwei Sachen», sagt Karin Lilje, Lehrerin am Gymnasium Seefeld. «Weil es hier so schön ist, glaubt man, dass hier keine Leistung verlangt wird». Dabei, sagt Lilje, gebe es genügend Studien, die aufzeigten, wie wichtig eine gute Lernumgebung und das Schulklima für das Lernen und die Leistung seien.

Sparvorschläge ignoriert

Die Verantwortlichen wären trotzdem bereit, einen Sparbeitrag zu leisten. Ihre Sparvorschläge indes – etwa der Verkauf einer der Villen – seien bisher kaum zur Kenntnis genommen worden, sagen sie. Dass die Schulanlage Seefeld aufgegeben und direkt neben dem Gymnasium Schadau aufgrund der Zusammenlegung neue Schulräume entstehen sollen, darüber ärgern sich die Verantwortlichen deshalb doppelt.

Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne) versteht den Unmut über die Zusammenlegung. «Unsere Abklärungen haben aber ergeben, dass das Seefeld renovationsbedürftig ist und eine Sanierung 50 Millionen Franken kosten würde, der Preis für einen Neubau läge indes deutlich darunter», sagt Pulver. Daran zweifeln allerdings die Verantwortlichen. «Wir fordern genaue Abklärungen.» Die Lehrerinnen Karin Lilje und Andrea Stuker bezweifeln zudem, ob an der geplanten Schule mit über 1300 Schülern für das persönliche Verhältnis zwischen Schülern und Lehrkräften genügend Raum und Zeit bleiben. «Bildungsforscher halten fest, dass die ideale Grösse einer Mittelschule zwischen 600 und 900 Schülern liegt. Ist sie zu gross, erhält sie Schlagseite.»

Der Bund

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