Tausende Demonstranten fühlen sich um ihren Sieg betrogen

Gegen 20 Uhr am Freitagabend bog der Demonstrationszug in Moutier auf die Rue de l’Hôtel-de-Ville in Richtung Rathaus ein. Über 5000 Leute waren gekommen, um ihren Unmut kundzutun.

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Noah Fend@noahfend

Eine Stunde zuvor waren die Autonomisten schweigend, mit Fackeln, Transparenten und Jura-Flaggen beim Bahnhofplatz losmarschiert. «Es ist unglaublich, wie viele hier sind», sagt ein Demonstrant. «Heute sind noch mehr gekommen als im Juni 2017 nach der gewonnenen Abstimmung.»

Aufgerufen zu diesem Schweigemarsch hat die separatistische Organisation «Moutier Ville Jurassienne». Dem Aufruf sind Tausende Leute gefolgt. Die meisten seien allerdings nicht von Moutier selbst, sondern aus dem Jura gekommen, um hier zu demonstrieren, sagen mehrere Leute vor Ort. Unter den Demonstranten sind auch Familien mit Kindern. Auch die Jüngsten werden geschminkt und erhalten Transparente, etwa mit der Aufschrift «Mama, was ist Demokratie?».

Demo blieb friedlich

Die Separatisten zeigten ihren Ärger tatsächlich zuerst still und schweigend. Sie klebten sich mit rotem Tape den Mund zu. So wollten sie zum Ausdruck bringen, dass ihnen der bei der Volksabstimmung errungene demokratische Sieg nachträglich gestohlen worden ist.

Bis zum Ende hielt das Schweigen aber nicht. Noch vor der Ankunft auf dem Rathausplatz wurde es laut und die Stimmung angespannter. Vor dem Rathaus zündeten vermummte Separatisten Pyros und Böller. Ausserdem stimmten alle in laute Chöre ein. Zuerst wurden Parolen skandiert wie «Moutier, ville jurassienne» oder «Moutier bernois, plus jamais». Dann wurde gemeinsam gesungen. Bis zum Schluss blieb die Kundgebung aber friedlich.

Die Demonstranten vor dem Rathaus in Moutier.

Keine Reue bei Winistörfer

Auf dem Rathausplatz setzte der projurassische Stadtpräsident Marcel Winistörfer (CVP) vor den mehreren Tausend Demonstranten zu einer viel bejubelten Rede an. Darin beteuerte er erneut, für ein jurassisches Moutier einstehen und kämpfen zu wollen. Den Entscheid der Annullierung könne er nicht verstehen, er sei undemokratisch und zeuge einmal mehr von einem Machtmissbrauch des Kantons Bern. Winistörfer, dem von der Regierungsstatthalterin Stéphanie Niederhauser einseitige separatistische Abstimmungspropaganda vorgeworfen wird, ist sich keiner Schuld bewusst. Laut und selbstbewusst sagte er: «Ich würde es nochmals genau gleich machen.» Für diese Worte brandete ihm tosender Applaus entgegen. Winistörfer will sich in zwei Wochen, am 25. November, als Stadtpräsident wiederwählen lassen. Herausgefordert wird er vom berntreuen Patrick Tobler (SVP).

Zurückhaltung der Polizei

Während der gesamten Demonstration waren keine uniformierten Polizeipatrouillen unterwegs. Begleitet wurde der Umzug einzig durch eine private Sicherheitsfirma. Die Kantonspolizei Bern wäre aber für einen Einsatz bereit gewesen, sagte eine Sprecherin.

Im Juni letzten Jahres hatte sich Moutiers Bevölkerung hauchdünn für den Wechsel vom Kanton Bern in den Kanton Jura ausgesprochen. Nur 137 Stimmen machten den Unterschied. Tausende Menschen feierten damals den bevorstehenden Wechsel Moutiers vom Kanton Bern in den Kanton Jura.

Letzten Montag erklärte die Regierungsstatthalterin des Berner Jura die Abstimmung für ungültig. Sie trat damit auf mehrere Beschwerden von probernischer Seite ein, die unter anderem Abstimmungstourismus und einseitige Stellungnahmen der projurassischen Gemeinderegierung bemängelten.

Der Bund

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