SVP will Albert Rösti im ersten Wahlgang ins Stöckli hieven

«Rösti und sonst niemand.» Die SVP will keine anderen Kandidaten wählen, um das absolute Mehr zu reduzieren und damit Röstis Chancen zu erhöhen.

Nur sein Name soll auf die Wahlzettel: Albert Rösti.

Nur sein Name soll auf die Wahlzettel: Albert Rösti. Bild: Adrian Moser

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Vor vier Jahren war der zweite Wahlgang bei den Ständeratswahlen im Kanton Bern für die SVP eine höchst unerfreuliche, ja fast traumatische Erfahrung. Adrian Amstutz, im ersten Wahlgang noch an der Spitze des Kandidatenfelds, fiel weit hinter Werner Luginbühl (BDP) und Hans Stöckli (SP) zurück. Alle gegen die SVP, so schien damals die Devise für die Stichwahl zu lauten.

Nun will die SVP den Spiess umdrehen und die Schäfchen schon im ersten Wahlgang ins Trockene bringen. SVP-Nationalrätin Nadja Pieren sagt auf die Frage, wie sie wählen wird, dezidiert: «Rösti und sonst niemand, die zweite Linie bleibt leer.» Bei Grossrat Lars Guggisberg klingt es genau gleich. Er werde Albert Rösti wählen und die zweite Linie nicht ausfüllen. So könne man das absolute Mehr herabsetzen. Thomas Knutti, Grossrat und Präsident im SVP-Wahlkreisverband Oberland, sagt: «Wir müssen zu unserem Kandidaten schauen und nicht die Fehler von 2011 wiederholen.» Diese Strategie sei flächendeckend zu kommunizieren.

Rösti sieht nur kleine Chance

Es handelt sich dabei um eine offizielle Empfehlung der Partei, wie Aliki Panayides, Geschäftsführerin der SVP Kanton Bern, bestätigt. «In Inseraten und Prospekten bilden wir die Wahlzettel entsprechend ab», sagt sie. «Die zweite Linie bleibt leer.» So könnten die Wahlchancen für Rösti verbessert werden.

In den letzten Wochen sandte SVP-Kandidat Albert Rösti freundschaftliche Signale in Richtung BDP aus. Er würde sehr gerne mit dem bisherigen Ständerat Werner Luginbühl zusammenarbeiten, sagte er. Die Rede ist von der ungeteilten bürgerlichen Standesstimme. Auf den Flyern, die Rösti bei den zahlreichen Wahlkampfveranstaltungen verteilt, ist nur sein Name aufgeführt, mit dem Hinweis, die zweite Linie sei leer zu lassen.

Für Rösti ist das kein Widerspruch, die BDP unterstütze ja die FDP-Kandidatin Claudine Esseiva. Es sei leider nicht gelungen, eine bürgerliche Allianz zu schmieden. «Für mich geht es darum, im sehr breiten Kandidatenfeld eine möglichst gute Position für den zweiten Wahlgang zu sichern.» Jeder schaue halt etwas für sich. Die Chance, es im ersten Wahlgang zu schaffen, sei klein, doch die Hoffnung sterbe bekanntlich zuletzt. «Zudem glaube ich nicht, dass wir mit dieser Strategie den Sitz von Werner Luginbühl gefährden.»

Der Bonus der Bisherigen

Für BDP und SP ist die Strategie der SVP neu. «Es zeigt, dass die SVP den Sitz unter allen Umständen will und dass die Wahl noch nicht gelaufen ist», sagt Werner Luginbühl. Dass der Charmeoffensive der SVP an seine Adresse keine Taten folgen, nimmt er einfach «zur Kenntnis». BDP-Nationalrat Hans Grunder hält die SVP-Strategie nicht für erfolgversprechend. «Es ist wahrscheinlicher, dass Luginbühl dank dem Bisherigenbonus durchmarschiert.»

Insgesamt seien die Chancen für Rösti besser, wenn Luginbühl im ersten Wahlgang gewählt werde, sagt Grunder. Bei der SP will man die Strategie nicht ändern. «Wir machen keine Experimente und halten an unserem Zweierticket mit den Grünen fest», sagt SP-Kantonalpräsidentin Ursula Marti. Mit Hans Stöckli stelle die SP einen Kandidaten, der weit über die Parteigrenzen hinaus Stimmen holen könne. Die Empfehlung der SVP hält Marti für ein «Wagnis», da die Hürde dadurch ja auch für alle anderen herabgesetzt werde. Zudem sei die Ausgangslage ganz anders als vor vier Jahren. «Die Strategie zeigt die Zerrissenheit der Bürgerlichen und lässt die SVP in einem unsympathischen Licht erscheinen», sagt Marti.

Nachteilige Folgen im Hinblick auf ein bürgerliches Bündnis für die Ersatzwahlen in den Regierungsrat befürchtet man bei der SVP nicht. «In der Politik ist die aktuelle Ausgangslage entscheidender als Gewesenes», sagt SVP-Geschäftsführerin Panayides. Für die BDP kommt die Diskussion zu früh. Man konzentriere sich auf die eidgenössischen Wahlen, sagt BDP-Kantonalpräsident und Nationalrat Heinz Siegenthaler. (Der Bund)

Erstellt: 16.09.2015, 08:01 Uhr

2011

Theoretische Rechnerei

Im ersten Wahlgang der Ständeratswahlen im Kanton Bern vom 23. Oktober 2011 waren 359'640 Wahlzettel gültig. Nicht alle enthielten zwei Namen, 70'832 Stimmende verzichteten darauf, die zweite Linie auszufüllen. Für die zehn Kandidierenden wurden total 648?448 Stimmen abgegeben. Das absolute Mehr betrug demnach, da zwei Ständeratssitze zu vergeben sind, 162'113 Stimmen – 648'448 durch vier plus eine Stimme. Adrian Amstutz machte im ersten Wahlgang 143'350 Stimmen, weit weg vom absoluten Mehr. Gereicht hätte es, wenn nur 573'396 oder weniger Stimmen vergeben worden wären. Das absolute Mehr hätte dann 143'350 Stimmen (oder weniger) betragen.

Allerdings ist unklar, wie viele SVP-Wähler nur Adrian Amstutz aufschrieben und die zweite Linie leer liessen. Am 23. Oktober 2011 hätte Amstutz dann das absolute Mehr erreicht, wenn 145'798 Stimmende (oder mehr) nur einen Kandidaten aufgeschrieben hätten. Das Resultat der Rechenschieberei: Ein überaus hoher Anteil der Amstutz-Wähler hätte sich also auf eine Linie beschränken müssen. (wal)

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