Spardruck löst Hektik bei Contact aus

Die Suchthilfeorganisation Contact muss gemäss ASP eine Million Franken sparen. Um beim Personal einen grösseren «Handlungsspielraum» zu haben, wollte die Contact-Leitung den Gesamtarbeitsvertrag künden.

«Die Öffnungszeiten der Drogenanlaufstelle zu kürzen, kommt nicht infrage», sagt Therese Frösch.

«Die Öffnungszeiten der Drogenanlaufstelle zu kürzen, kommt nicht infrage», sagt Therese Frösch.

(Bild: Valérie Chételat)

Da staunten die 220 Mitarbeitenden der Suchthilfeorganisation Contact-Netz nicht schlecht: Vor zwei Monaten teilte ihnen der Stiftungsausschuss per Mail mit, dass der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) per 26. 6. 2013 einseitig gekündet werde. Dieser Schritt sei unumgänglich, hiess es vonseiten des Stiftungsausschusses, da auch das Contact-Netz von den Sparmassnahmen des Kantons, der Angebots- und Strukturüberprüfung (ASP), betroffen sei. Nun ist die Betriebsleitung zurückgekrebst. An der Personalversammlung vom Dienstag informierten die Präsidentin und der Geschäftsleiter die Angestellten, dass der GAV per sofort wieder in Kraft trete.

Therese Frösch, Präsidentin des Contact-Stiftungsrates, gibt sich selbstkritisch. «Die Kündigung des GAV war ein Schnellschuss unsererseits», sagt Frösch auf Anfrage. Sie würde das im Nachhinein anders machen, sagt die ehemalige Berner Gemeinderätin und Ex-Nationalrätin der Grünen. «Wir hätten zuerst das Gespräch mit dem VPOD suchen müssen.» Frösch betont jedoch, dass keine generelle Verschlechterung der Arbeitsbedingungen geplant war. «Uns ging es nur um die sechsmonatige Kündigungsfrist», sagt Frösch.

Umstrittene Kündigungsfrist

Frösch spricht den Artikel 9, Abschnitt 6 des GAV an. Darin ist festgehalten, dass das Contact-Netz bei Kündigungen aus wirtschaftlich-strukturellen Gründen verpflichtet ist, zusammen mit der Gewerkschaft VPOD einen Sozialplan auszuarbeiten. Sollte keine Einigung möglich sein, verlängert sich die Kündigungsfrist auf insgesamt sechs Monate. «Im Hinblick auf weitere ASP-bedingte Kündigungen erhofften wir uns diesbezüglich mehr Handlungsspielraum», sagt Frösch. Nun hat sich Contact mit dem VPOD darauf geeinigt, einzig den entsprechenden Artikel neu zu diskutieren.

Blaise Kropf, VPOD-Gewerkschaftssekretär und Präsident Grüne Kanton Bern, ist erleichtert. «Wir waren nicht sehr erfreut über die Kündigung des GAV», sagt Kropf auf Anfrage. Die Stimmung bei den Mitarbeitern von Contact sei aufgrund bevorstehender Entlassungen sowieso schon schlecht. «Die Drohung einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen ist in dieser Situation kontraproduktiv.» Mit der Neuverhandlung des besagten Artikels könne er aber leben. «Es gibt bessere Methoden, den Arbeitnehmern den Stellenwechsel zu erleichtern, als einfach die Kündigungsfrist zu verlängern.» Die Neuverhandlung des GAV ist indes noch nicht vom Tisch. Mitte 2014 wollen sich VPOD und Contact-Netz nochmals zusammensetzen, um einen neuen GAV auszuhandeln.

Entlassungen «unvermeidlich»

Unabhängig vom Gesamtarbeitsvertrag kann sich das Contact-Personal nicht zurücklehnen. Die Sparvorschläge des Regierungsrats sehen vor, dass im Suchtbereich 2 Millionen Franken eingespart werden. Gut die Hälfte davon fällt auf das Contact-Netz zurück. Rund 400'000 Franken hat Contact bereits eingespart. «Wir haben das Schulprojekt gestrichen und den drei involvierten Personen gekündet», sagt Frösch. Das Schulprojekt ermöglichte Drogensüchtigen und -gefährdeten durch das gezielte Auffüllen von Lernlücken das Abschliessen einer Ausbildung. Zusätzlich sollte eine weitere Stelle im Controlling eingespart werden. Das Problem: Die Person ist schwanger – eine Kündigung kann frühestens nach dem Mutterschaftsurlaub erfolgen.

Wo die restlichen 600'000 Franken eingespart werden, ist gemäss Frösch noch unklar. «Zusätzliche Entlassungen werden nicht zu vermeiden sein.» Der Kanton liess von der Beratungsfirma Ecoplan analysieren, wo bei den Suchtorganisationen Sparpotenzial besteht. Klar ist: Das ambulante Beratungsangebot von Contact muss günstiger werden. Dort sei Contact teurer als die Berner Gesundheit (Beges), sagt Frösch. Die Einsparungen müssten bereits im Jahr 2014 erfolgen. Ab 2015 werden dann die ambulanten Beratungsangebote von Contact in die Beges übergeführt (siehe Box).

«Sparmassnahmen unvermeidlich»

Weiteres Sparpotenzial sieht Ecoplan etwa bei den Öffnungszeiten der Konsum- und Anlaufstelle an der Hodlerstrasse. «Ecoplan schlägt vor, dass wir die Anlaufstelle eine Stunde früher schliessen», sagt Frösch. «Doch das kommt für uns nicht infrage.» Der Stiftungsausschuss werde mit der Geschäftsführung noch in den nächsten paar Wochen über die definitiven Sparmassnahmen entscheiden. Dass gespart werden muss, hält Frösch für unvermeidlich. «Ich gehe nicht davon aus, dass der Grosse Rat auf Einsparungen im Suchtbereich verzichten wird.»

Diese Einschätzung teilt Regula Unteregger, Vorsteherin des Sozialamts der kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion. Unteregger führt mit Contact die Sparverhandlungen. Das Problem sei, dass die Sparmassnahmen bereits im Budget 2014 integriert sein müssten. «Wir können nicht warten, bis der Grosse Rat im November definitiv entscheidet, und dann den Organisationen nur wenige Wochen Zeit einräumen.» Unteregger versucht aber zu beruhigen: «Der Suchtbereich bietet sich meiner Meinung nicht für eine zweite Sparrunde an.» Im Topf 2 der ASP – dem Topf für alternative Sparmöglichkeiten – sei der Suchtbereich zumindest nicht enthalten.

Der Bund

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