Der BDP-Gründer geht

Urs Gasche tritt aus dem Nationalrat zurück. Damit verlässt ein Berner die Politik, der die Parteilandschaft der Schweiz massgeblich mitgeprägt hat.

Urs Gasche im Gespräch mit der inzwischen zurückgetretenen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Urs Gasche im Gespräch mit der inzwischen zurückgetretenen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

(Bild: Keystone adv)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Die Hälfte ist genug, findet Urs Gasche. Seit 31 Jahren ist er Politiker, erst Gemeinderat, dann Regierungsrat und jetzt Nationalrat. 31 Jahre – das ist die Hälfte seines Lebens. Jetzt will er sich Zeit nehmen für seine Familie. Dienstagmorgen gab seine Partei, die BDP, seinen Rücktritt per Ende Juni bekannt.

Gasche wird aber nicht als Nationalrat in Erinnerung bleiben, sondern als Regierungsrat, der während seiner Amtszeit in eine andere Partei wechselte. Und zwar in eine, die er zuvor selber mitbegründet hatte. Es waren turbulente Zeiten im Frühling 2008. Eveline Widmer-Schlumpf war gegen den Willen der SVP in den Bundesrat gewählt worden, die Partei hat daraufhin die ganze Bündner Sektion hinausgeworfen.

Gasche gehörte zur «Gruppe Bubenberg», einer Versammlung von Berner SVP-Politikern, die das nicht akzeptieren wollten. Kaum einer trug zur Spaltung der Partei so viel bei wie er – am 21. Juni leitete er in Münsingen die Gründungsversammlung der BDP Kanton Bern.

Nicht glücklich im Nationalrat

Wenn man ihn jetzt fragt, welches der einschneidenste Moment in seiner politischen Karriere gewesen sei, nennt er aber nicht die Gründung der BDP, sondern seine Wahl in den Regierungsrat im Frühling 2001. «Dieser Moment hat mein Leben am meisten verändert», sagt er. «Ich hatte auf einmal die Möglichkeit, etwas konkret zu bewegen. Auf der anderen Seite wurde ich zur öffentlichen Person, musste mich von Leuten kritisieren lassen, die mich weder kannten noch genau wussten, was ich tue.»

Gasche sieht das Regierungsratsamt im Nachhinein als dasjenige, das ihn am meisten erfüllt hat. Damit ist auch gesagt, dass er im Nationalrat nie ganz glücklich wurde. «Im Nationalrat konnte ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden», sagt er. «Im Regierungsrat habe ich qualitativ bessere Arbeit geleistet.» Er räumt ein, die Arbeit eines Parlaments unterschätzt zu haben.

Als Regierungsrat hat er sich manchmal geärgert über Grossräte, welche die Geschäfte nur oberflächlich kannten. Im Nationalrat sei er auf die Welt gekommen. «Man muss einen riesigen Aufwand treiben, um sich eine fundierte Meinung zu bilden. Und dann ist man einer von 200, die abstimmen können. Die Chance, da etwas zu bewegen, ist relativ klein.»

Schon 2009 wollte er «mehr Zeit»

Damit ist jetzt Schluss. Die «Lebensgestaltung» sei der Grund dafür, sagt Gasche. «31 Jahre lang hat die Politik meine ganze Freizeit und einen wesentlichen Teil meines Berufslebens eingenommen. Jetzt will ich mehr Zeit haben für meine Frau und unsere beiden Kinder.» Der 62-Jährige meint damit aber nicht ein Frührentnerleben, denn seinen Job als Verwaltungsratspräsident der BKW und seine weiteren Mandate wird er behalten. «Ich nähere mich von oben einem 100-Prozent-Pensum – für mich klingt das schon ziemlich verlockend.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Gasche ankündigt, kürzertreten zu wollen, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Schon seinen Rücktritt aus dem Regierungsrat im Jahr 2009 begründete er so. Doch dann bekniete ihn die Partei, für den Nationalrat zu kandidieren. Der Schwung des Aufbruchs war am Nachlassen, es fehlte an neuem Personal. «Ich liess mich überzeugen», sagt er. «Aber klar, es war auch verlockend, noch auf Bundesebene zu politisieren, wo die ganz grossen Entscheide gefällt werden.»

AKW-Betreiber in Anti-AKW-Partei

In derselben Phase war Gasche auch noch für einige Monate Parteipräsident. Doch dann, im März 2011, geschah die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Die BDP sprach sich für einen «beschleunigten» Ausstieg aus der Kernkraft aus. Gasches Job bei der AKW-Betreiberin BKW liess sich nicht mehr mit dem Parteipräsidium vereinbaren, weshalb er es wieder abgab. Seinen Job bei der BKW aufzugeben, stand für Gasche nie zur Diskussion. «Aus diesem Mandat habe ich stets meine grösste berufliche Befriedigung gezogen», sagt er.

Nun soll es also klappen mit dem Kürzertreten. Gasche freut sich auf «freie Wochenenden», auf mehr Zeit für sich und die Familie und möchte mit seiner Frau endlich einmal länger als zwei Wochen verreisen. «Wir warten noch immer auf unsere Hochzeitsreise», sagt er und lacht. Die Hochzeit war 1999. «Damals haben wir gedacht, wir gingen anderthalb Monate nach Australien. Aber dann wurde ich Regierungsrat und wir gingen stattdessen auf die Axalp.»

Der Bund

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