«Solche Einbussen hatten wir noch nie»

Bei der Apfelernte zeigt sich nun das wahre Ausmass der Frostschäden: Der Kanton Bern ist stärker betroffen als andere Regionen der Schweiz.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Region Bern, im Aaretal und im Emmental schlug der Frost im April erbarmungslos zu. Bis zu minus 6,5 Grad zeigte das Thermometer in den Nächten um den 20. April zum Beispiel in Kirchdorf zwischen Aaretal und Gürbetal. Die aussergewöhnliche Kälte machte der schönen Apfelblust von Biobauer Paul Messerli den Garaus. 15'000 Apfelbäume besitzt Messerli in Kirchdorf und angrenzenden Gemeinden.

In einem normalen Jahr liefern sie etwa 65 Tonnen Äpfel verschiedener Sorten wie Gala, Diwa, Topaz oder Jonagold. «Wir haben wegen der Frostnächte rund 90 Prozent der Ernte verloren», sagt Messerli. Er rechnet mit einer Ernte von noch 6,5 Tonnen Äpfel. Im gekühlten Lagerraum, wo sich sonst die Kisten und Harassen hoch stapeln, gibt es viel Platz. Und Leere droht auch im Portemonnaie, denn Messerlis Einkommen stammt zu 70 Prozent aus dem Obstverkauf.

Nach den Frostnächten im April war klar, dass Messerli auf etwa zwei Drittel seines Jahreseinkommens wird verzichten müssen. «Solche Einbussen hatten wir noch nie», sagt Messerli. «Aber da müssen wir durch.» Er und seine Familie konnten sich nicht einfach einen Ersatzverdienst suchen. «Die Pflege der Bäume muss man genau gleich machen», sagt der Kirchdorfer Gemeindepräsident und frühere SVP-Grossrat (1998–2011). Zum Beispiel die Hagelnetze spannen, mähen oder die Erde auflockern. Zu tun gab es immer etwas, nur mit dem Ernten kommt man dieses Jahr schnell zurande.

Mit Wasser gegen den Frost

Messerli zeigt eine seiner Plantagen. In einigen Reihen sind die Niederstammbäume mittelprächtig mit Äpfel behangen. Bäume in anderen Reihen tragen Blätter, aber keine Früchte. Sonst leuchte das hier wie «eine rote Wand», sagt der Bauer. «Wo wir Frost- und Finnenkerzen aufgestellt haben, hat es Äpfel, dort, wo wir nichts gemacht haben, gab es einen Totalausfall.» Messerli konnte lange nicht alle Bäume schützen. An einem anderen Standort versuchte er es mit einer Bewässerung: Dabei wird Wasser über die Bäume versprüht, das dann gefriert. Das Wasser lief die ganze Nacht, bis am Vormittag die Temperaturen wieder über null Grad kletterten. Durch die Eisbildung entstehe Wärme, sagt Messerli. Es handelt sich um Kristallisationswärme. Solange das Wasser laufe, sei die Blüte wie in einer Kapsel geschützt. Die Temperatur bleibe bei null Grad.

«Diese Methode brachte den grössten Erfolg.» Um auf der ganzen Fläche eine solche Überkronenberegnung zu betreiben, ist viel Wasser nötig, und das ist bei Messerli nicht überall vorhanden. Fazit: Mit den nächtlichen Einsätzen habe man «e chli öppis fürbrunge».

Auch für Urs Bigler, Obstbauer in Habstetten in der Gemeinde Bolligen, sind die Verluste gross. «Frost im Frühling ist immer ein Thema, Schäden in diesem Ausmass hat es aber wohl noch nie gegeben.» Das Mittelland sei extrem getroffen worden. «Es war kalt wie in einer Januarnacht.» Bei Bigler fallen über alle Sorten gesehen etwa zwei Drittel der Ernte weg. Zudem seien die Äpfel, die geerntet werden könnten, schlecht haltbar. «Wegen der Störung in der Entwicklung sind sie weniger gut lagerfähig», erklärt Bigler.

Im Kanton Bern gehört Messerli zu den am stärksten betroffenen Bauern. Urs Grunder, Präsident von Besofrisch, dem Obstverband für die Kantone Bern, Solothurn und Freiburg, schätzt die Ausfälle bei den Äpfeln im Kanton Bern auf rund 50 Prozent. «Das ist happig und deutlich mehr als im schweizerischen Durchschnitt.» Andere Landesgegenden wie das Wallis oder der Kanton Waadt seien viel weniger stark getroffen worden, sagt Grunder. Ähnlich hohe Verluste wie im Kanton Bern wurden aus der Ostschweiz und dem Baselbiet gemeldet.

Folgen auch beim Grossverteiler

Die Einbussen im Kanton Bern sind aber sehr stark von der Region und den Sorten abhängig. Im Seeland zum Beispiel sanken die Temperaturen im April etwas weniger tief. Es gebe auch Landwirte, die wohl fast normale Zahlen erreichten, sagt Grunder. Bei ihm selber in Zäziwil liegen die Ausfälle über dem Schnitt: Etwa 30 bis 40 Prozent der normalen Ernte wird er dieses Jahr haben. «Bei Boskop und den Birnen habe ich einen Totalausfall erlitten.» Auch über den ganzen Kanton gesehen sind die Ausfälle bei den Birnen hoch, besser sieht es bei den Zwetschgen aus.

Obwohl die Obsternte noch andauert, machen sich die Ausfälle bereits in den Regalen von Grossverteilern wie der Migros bemerkbar. Andrea Bauer, Sprecherin von Migros Aare, sagt: «Wir merken, dass es weniger Äpfel gibt, das Sortiment ist kleiner als in anderen Jahren.» Man versuche, den Konsumentinnen und Konsumenten so lange wie möglich Schweizer Äpfel anzubieten. Das heisst, der Import könnte schneller als in anderen Jahren zum Thema werden. Gerade beim Bioobst ist es aber schwierig, an Ersatzware zu kommen.

Bis jetzt konnten Ernteausfälle infolge von Frost – anders als etwa Hagelschäden – nicht versichert werden. Möglicherweise wird es dafür bald ein Angebot geben. Die Frage für die Landwirte ist jedoch, wie hoch die Prämie ausfällt. Denn Extremereignisse wie diesen Frühling waren bisher selten. (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2017, 06:48 Uhr

Wo holt Bartli jetzt den Most?

Die Süssmostpressen laufen derzeit nicht auf Hochtouren, auch nicht in der Mosterei Burkhalter in Landiswil im Emmental. «Es gibt bei uns in der Region gut zwei Drittel weniger Mostobst», sagt Beat Burkhalter. Viele Äpfel sind schon vom Baum gefallen, denn nach den Frostnächten folgte im Sommer die Trockenheit. «Zum Teil nehmen Kollegen diesen Herbst ihre Pressen gar nicht in Betrieb.» Burkhalter wäre schon zufrieden, wenn er etwa ein Drittel der Menge eines guten Jahres mosten könnte.

Der Schweizerische Obstverband rechnet schweizweit nur mit einer halb so grossen Mostobst-Ernte wie üblich. Der Kanton Bern dürfte bei den Ausfällen – so wie beim Tafelobst – stärker betroffen sein. Beim Apfelsaft könnte es darum zu Versorgungsschwierigkeiten kommen.

Urs Bigler aus Habstetten liefert Obst für naturtrüben Apfelsaft an die Migros Aare. Auf den PET-Flaschen ist sein Bild zu sehen. Gerade bei Mostsorten wie Boskop beklagt Bigler Ausfälle von praktisch 100 Prozent.

Bei der Migros Aare heisst es, die Folgen für die Mostproduktion seien noch schwierig abzuschätzen. «Gemäss Auskunft unseres Produzenten sollte aber die für die Migros Aare benötigte Menge Most ab Presse verfügbar sein», sagt Sprecherin Andrea Bauer. Für Apfelsaft aus Konzentrat seien die Lagerbestände vorerst noch genügend.

Die Redensart «Zeigen oder wissen, wo Bartli den Most holt», wird übrigens unterschiedlich erklärt. Vielleicht hat diese aber gar nichts mit einem Bartträger, einem Bartholomäus oder dem Most zu tun. Eine Erklärung geht dahin, dass es sich um Ausdrücke aus der Gaunersprache Rotwelsch handelt: Ein Bartel oder Barzel ist ein Brecheisen und Most ein Ausdruck für Geld, so wie auch Moos, abgeleitet vom hebräischen Wort mâ’ôth (für Münzen).

Artikel zum Thema

Frost-April bricht Kälterekord

In der vergangenen Nacht sank das Quecksilber in der Schweiz stellenweise deutlich unter den Gefrierpunkt. Verbreitet gab es Frost. Mehr...

Frost schädigt Reben und Aprikosen

Der Frühlingsfrost hat im Wallis den Wein- und Aprikosenkulturen arg zugesetzt. Einige Betroffene verlieren das Jahreseinkommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Hauslieferung: Der Weihnachtsbaum wird direkt zur First Lady Melania Trump und ihrem Sohn Barron Trump ins Weisse Haus geliefert. (20.November 2017)
(Bild: Carlos Barria) Mehr...