Sie sind noch klein im Grossen Rat

Wie fühlen sich die Neulinge im Grossen Rat? Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.

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Der ganze Saal erhebt sich: «Ich schwöre», raunt es durch den Saal. Nun ist es offiziell: Die 34 Neumitglieder im bernischen Grossen Rat sind vereidigt. Die nächsten vier Jahre bestimmen sie die Geschicke im Kanton Bern mit.

Eine Stunde zuvor. Bei den Ankömmlingen beim Rathaus merkt man ziemlich schnell, wer sich auskennt und wer nicht. Die Besucher sind unsicher und müssen vom Sicherheitspersonal angewiesen werden. Viele sind Angehörige von Neugrossräten und Neugrossrätinnen. Bei den etablierten Politikern ist es anders. Ein Grossrat einer bürgerlichen Partei betritt den Eingangsbereich und sagt: «Ich habe meinen Badge zu Hause vergessen» – und geht mit so viel Selbstvertrauen weiter, dass ihn niemand kontrolliert.

Einer, der sich bereits gut auskennt, ist Christoph Grimm (GLP). Er ist seit 2006 Mitglied und schaffte auch diesmal die Wiederwahl. «Damals war ich voller Fragezeichen», sagt er, während er zwischendurch immer wieder Hände von Ratskollegen schüttelt. Heute wird er das vierte Mal im Grossen Rat vereidigt. Die Emotionen seien natürlich nicht mehr ganz dieselben wie bei der ersten Wahl. «Nun bin ich aber positiv gespannt auf die neue Legislatur.»

Bevor die Geschäfte verhandelt werden und die neue Legislatur beginnt, hält Peter Moser (FDP), der Alterspräsident, die Eröffnungsrede. Sie klingt wie ein moralischer Leitfaden. Man solle die Sachlichkeit nicht aus den Augen verlieren, betont er. «Auch wenn die Interessen der Partei wichtig sind, darf der Blick für das grosse Ganze nicht verloren gehen», sagt er. Der Ton werde immer rauer. Damit dürfte er nicht nur die 34 neuen Grossratsmitglieder ansprechen.

Eine von ihnen ist Sandra Schneider aus Biel. Über die sozialen Medien hat sie die Welt schon am Morgen über ihre euphorische Stimmung ins Bild gesetzt. So posierte sie vor dem Rathauseingang und postete ein Selfie. Vor der Sitzung am Nachmittag hatte sie bereits einer Fraktionssitzung beigewohnt. «Ich war froh, so wusste ich schon in etwa, was mich erwarten würde.» Wie auch im Bieler Stadtrat will sie sich schwerpunktmässig dafür einsetzen, dass Autofahrer nicht schikaniert werden, wie sie sagt. «Meine Hartnäckigkeit wird mir sicher helfen, mich hier zu behaupten», sagt sie. Dass wegen ihr der Ton im Rat noch rauer wird, glaubt sie nicht. «Im Gegenteil! Ich trete pointiert und direkt, aber immer respektvoll auf», sagt Schneider.

Das bestätigt die ebenfalls neue Grossrätin Tamara Funiciello (Juso). Die Politikerin wirkt selbstbewusst. Zusammen mit der ebenfalls frischgebackenen Grossrätin Tanja Bauer (SP) betritt sie den Saal raschen Schrittes. Funiciello sagt, dass es für sie spannendere Dinge gebe als den Parlamentsbetrieb. «Ich organisiere lieber Aktionen auf der Strasse, sammle Unterschriften oder schwinge eine Rede an einer Demonstration.»

Sie werde sich sicher für den Feminismus, für ein gerechteres Arbeitnehmerrecht und faire Steuern einsetzen. Von ihrer Partei erhielt sie eine goldene Trillerpfeife, mit der sie wohl in Zukunft den Ton angeben soll. Adrian Haas (FDP) ist mit kurzem Unterbruch seit 2002 im Rat. Er sagt: «Wer sich engagiert, kommt auch hier weiter.» Für Leute, die sich profilieren wollten, sei es ratsam, sich in einer Kommission zu engagieren, die auch in der Öffentlichkeit Gehör finde. Zum Beispiel in der Bau- oder Finanzkommission.

Im Grossen Rat bleibt es am ersten Tag der neuen Legislaturperiode ruhig; der Umgang scheint auf allen Seiten respektvoll und entspannt zu sein. Überraschungen oder Provokationen bleiben aus, die neuen Grossrätinnen und Grossräte halten sich mit Voten noch zurück. Das liegt bestimmt auch daran, dass noch keine offene Debatte stattfindet. (Der Bund)

Erstellt: 04.06.2018, 21:51 Uhr

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